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INTEGRATION: Brücken bauen für Eritreer

Viele Eritreer bekunden grosse Mühe, sich in der Schweiz einzugliedern. Samson Kidane und Kesete Hagos wissen das aus eigener Erfahrung – die sie nun weitergeben wollen.
Tobias Bär
Eritreische Brückenbauer helfen ihren Landsleuten im Alltag: Der Umweltwissenschafter Samson Kidane ist einer von ihnen. (Bild: Pius Amrein (Aarau, 6. Juli 2017))

Eritreische Brückenbauer helfen ihren Landsleuten im Alltag: Der Umweltwissenschafter Samson Kidane ist einer von ihnen. (Bild: Pius Amrein (Aarau, 6. Juli 2017))

Tobias Bär

Samson Kidane weiss, wie es sich anfühlt, wenn die Realität so ganz und gar nichts gemein hat mit den Vorstellungen, die man sich davon gemacht hat. «Weiterstudieren, Job finden, das Leben geniessen.» Mit diesem Plan verliess Kidane vor zehn Jahren sein Heimatland Eritrea in Richtung Schweiz. Er flüchtete wie so viele seiner Landsleute vor dem zeitlich unbegrenzten Nationaldienst und vor der Perspektivlosigkeit.

Am Ziel angekommen, musste sich Kidane mit dem Umstand anfreunden, dass er während der Dauer des Asylverfahrens weder einem Studium noch einer Erwerbstätigkeit würde nachgehen können. Im Weg stand zudem die Sprachbarriere, in den Genuss von Deutschkursen kam Kidane während des Verfahrens nicht. So konnte er nichts anderes tun als auf den Asylentscheid zu warten, während zwei langen Jahren. «Ich war zunehmend frustriert und verlor irgendwann auch die Lust, Deutsch zu lernen.» Dass er nach der Asylgewährung doch noch in die Spur fand, das hat er massgeblich Menschen zu verdanken, die ihn motiviert haben. Einem Schweizer, der Ausflüge mit ihm unternahm. Einem Zweiten, der ihn beim Studium an der Universität Zürich unterstützte. Und der Vermieterin seiner ersten Wohnung in Sarnen, die ihn im Alltag unterstützte.

Heute will Kidane jenen Landsleuten helfen, die sich in der Negativspirale befinden, aus der er sich befreien konnte. Er ist einer von zurzeit fast 50 eritreischen «Brückenbauern», die in mehreren Kantonen im Einsatz sind. «Sie begleiten und beraten Flüchtlinge aus Eritrea im Alltag und dienen als Integrationshilfe», sagt Ron Halbright vom National Coalition Building Institute (NCBI), das hinter dem Angebot steht. Nachgefragt werde die Dienstleistung von den Sozialämtern der Gemeinden, von Schulen oder Asylunterkünften. Die Kosten – 400 bis 1400 Franken pro Fall – können die Gemeinden in vielen Fällen im Rahmen der Integrationsunterstützung an den Kanton weiterreichen.

Eigeninitiative ist in Eritrea nicht gefragt

Mit enttäuschten Erwartungen haben viele Asylsuchende zu kämpfen, ob aus Eritrea, Syrien oder Afghanistan. Auch mit dem Kulturschock werden sie alle konfrontiert. Samson Kidane zum Beispiel musste erst lernen, den Blicken seiner Gesprächspartner nicht automatisch auszuweichen. «In Eritrea habe ich meinem Vater oder meinen Vorgesetzten im Militär nie in die Augen geschaut, das wäre unhöflich gewesen.»

Mit Blick auf die Integration erschwerend hinzu kommen für die Eritreer die Jahre in einem totalitären System, in dem keine Eigeninitiative gefragt war. «In Eritrea bringen wir unsere Meinung nicht ein. Wir warten auf Anweisungen», sagt Kidane. Viele Landsleute hätten grossen Respekt, ja regelrecht Angst vor dem Kontakt mit den Behörden. Die Brückenbauer sollen den Austausch zwischen den Amtsstellen und den Eritreern vereinfachen, eine «kooperative Zusammenarbeit» sicherstellen, wie Ron Halbright sagt. Viele Kantone haben bei der Integration von Flüchtlingen in den letzten Jahren zwar grosse Anstrengungen unternommen. Das Angebot sei viel umfangreicher als zur Zeit seiner Ankunft, sagt Samson Kidane. Nur: Die Adressaten haben oft keine Kenntnis davon. «Wenn Information und Kooperation fehlen, wird zu oft Geld für nichts ausgegeben», sagt Kidane.

Die Brückenbauer versuchen, die Angebote zu ihren Landsleuten zu tragen. Etwa, indem sie einen Flyer in die eritreische Amtssprache Tigrinya übersetzen. Ein weiteres Angebot ist die Hilfe bei der Wohnungssuche. Die Sozialämter bieten hier zwar ebenfalls Hand. Doch die Eritreer brauchen darüber hinaus Hilfe beim Zusammenstellen der Bewerbungsunterlagen und beim Kontakt mit der Wohnungsverwaltung. Eine grosse Baustelle ist zudem die Integration in den Arbeitsmarkt. «Meine Landsleute wollen arbeiten – noch bevor sie Deutsch sprechen und ohne zu wissen, was ein Lebenslauf ist», sagt Kidane. Sie müssten lernen, sich in Geduld zu üben, sich über ein Praktikum für einen Job zu empfehlen. Und sie müssten lernen, dass Sprachkenntnisse meist zwingende Voraussetzung für eine Beschäftigung sind.

Zurzeit liegt die Erwerbsquote bei Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen aus Eritrea bei lediglich 18,5 Prozent. Zwar beträgt die Quote auch über alle Nationalitäten gesehen tiefe 27 Prozent. Die schlechte Arbeitsmarktintegration birgt im Fall von Eritrea aber besondere Sprengkraft, weil es sich um das seit Jahren wichtigste Herkunftsland handelt. Gemäss den aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2015 sind hierzulande mehr als 10000 Personen aus dem ostafrikanischen Land auf Sozialhilfe angewiesen.

Nur wenige Brocken Deutsch nach acht Jahren im Land

Vor unserem Gespräch hat sich Samson Kidane mit einem Aarauer Schulleiter und einem Vormund über einen 17-jährigen Eritreer unterhalten. Der Jugendliche ist ein Problemfall, erscheint zu spät oder gar nicht zum Unterricht, wo er durch respektloses Verhalten auffällt. Das Schlichten in solchen Konfliktfällen gehört ebenfalls zum Aufgabengebiet der Brückenbauer. Eigentlich hätte der junge Eritreer beim Treffen ebenfalls teilnehmen sollen, doch er tauchte nicht auf. Kidane hat nun einen neuen Termin vereinbart.

Kesete Hagos hingegen hat Erfreuliches zu berichten vom morgendlichen Treffen mit einer Landsfrau: «Ich habe ihr geholfen, einen Wohnungsvertrag zu unterschreiben.» Der zweite Brückenbauer-Einsatz an diesem Tag führt den 36-Jährigen, der vor mehr als zehn Jahren als Asylsuchender in die Schweiz kam, nach Schwamendingen. Dort besucht er eine Eritreerin, die seit bald acht Jahren in der Schweiz lebt, mit Ausnahmen von ein paar Brocken wie «viel heiss» und «ist gut» aber kein Deutsch spricht. Hagos soll im Auftrag des Sozialamtes herausfinden, wie sich die Frau besser integrieren liesse.

Nachdem er auf dem Sofa im Wohnzimmer Platz genommen hat, muss er für die Klientin erst ein Schreiben des Schulamtes übersetzen, im Sommer kommt der Sohn in die erste Klasse. Die Alleinerziehende ist auf Arbeitssuche. Neben der inexistenten Berufserfahrung und den ungenügenden Deutschkenntnissen stellt die Betreuung des Sohnes eine weitere Hürde dar. «Ich werde mit dem Sozialamt abklären, ob das Kind in einer Kinderkrippe unterkommen könnte», sagt Hagos. Er fragt nach allfälligen Kontakten zur Schweizer Bevölkerung. Negativ, die Frau bleibt unter ihresgleichen.

Hagos ist einen grossen Schritt weiter. Er arbeitet als Pfleger in einem Stadtzürcher Altersheim, wohnt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Dietikon. Als Brückenbauer steht er in seiner Freizeit im Einsatz. Kesete Hagos und Samson Kidane haben sich in die Gesellschaft eingegliedert. Tausende von Landsleuten stehen erst am Anfang dieses steinigen Weges. «Ich will ihnen einen besseren Start ermöglichen, als ich ihn hatte», sagt Kesete Hagos.

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