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INTERVIEW: Kostenwachstum im Gesundheitswesen: «Der Gesetzgeber ist zu zurückhaltend»

Mehr Prävention könnte gegen das Kostenwachstum im Gesundheitswesen helfen, sagt Thomas Mattig, Direktor der Gesundheitsförderung Schweiz. Und er sagt, weshalb seine Organisation keine Gesundheitspolizei ist.
Dominik Weingartner
2,2 Prozent der Gesundheitskosten fliessen heute in die Prävention. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

2,2 Prozent der Gesundheitskosten fliessen heute in die Prävention. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Interview: Dominik Weingartner

Thomas Mattig, die Kosten im Gesundheitswesen steigen immer weiter an. Wofür wird das Geld ausgegeben?

Beinahe 98 Prozent gehen in die kurative Medizin. Nur 2,2 Prozent werden in die Prävention und Gesundheitsförderung investiert. Das Versorgungssystem ist aber nur für 10 Prozent der individuellen Gesundheit verantwortlich. Den Rest bestimmt vor allem der Lebensstil. Der macht ungefähr 50 Prozent der Gesundheit aus. Wir pumpen fast alles in die Symptombekämpfung. Das ist nicht effizient.

Was wäre das ideale Verhältnis zwischen kurativ und präventiv?

Man kann sich am Ausland orientieren. Dort gibt man im Durchschnitt 3,1 Prozent für die Prävention aus.

Und das hat nachweisbar positive Auswirkungen?

Die Wirkung der Prävention ist auch in der Schweiz längst nachgewiesen. Das Paradebeispiel ist die Tabakprävention. Die Universität Neuenburg hat schon vor Jahren errechnet, dass pro investierten Franken in die Prävention 41 Franken eingespart werden. Im Bereich Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen konnten wir zusammen mit den Kantonen in den letzten Jahren eine Trendumkehr bewirken. Innerhalb von fünf Jahren konnte der Anteil übergewichtiger Kinder um 15 Prozent reduziert werden.

Sie sagen immer wieder, man dürfe die Gesundheitskosten nicht isoliert betrachten, sondern müsse die volkswirtschaftlichen Kosten berücksichtigen. Was meinen Sie damit genau?

2018 wenden wir beinahe 88 Milliarden Franken für das Gesundheitswesen auf. 2008 waren es noch 58 Milliarden Franken. Der Kostenanstieg ist gewaltig. Aber das sind nur die direkten Kosten. Was da nicht drin ist, sind die indirekten Krankheitskosten wie etwa Produktivitätsverluste am Arbeitsplatz. Mit Prävention können also nicht nur Behandlungskosten eingespart werden. Die indirekten Kosten sind für die meisten nicht übertragbaren Krankheiten sogar höher als die direkten Kosten.

Bedeutet Prävention automatisch mehr Gesundheit und weniger Krankheit?

Wichtig ist, dass man gut evaluiert und die Programme multipliziert, die funktionieren. Das ist der grosse Vorteil unserer Programme, die wir zusammen mit den Kantonen durchführen. Früher hat jeder Kanton mal etwas ausprobiert und man hat nicht von den Erfahrungen anderer Kantone profitiert. Heute profitieren alle von den Erfahrungen der gesamten Schweiz, und das ist effizient.

Was bringt mehr: Prävention oder Verbote?

Es braucht beides. Oft ist eine gesetzgeberische Massnahme nicht notwendig, und man kann mit milderen Massnahmen etwas erreichen. Man kann mit Information aber auch den Boden bereiten für weitergehende Massnahmen. Das hat zum Beispiel beim Tabak so funktioniert. Man hat mit Information die Akzeptanz für das Bundesgesetz zum Schutz vor Passivrauchen geschaffen.

Sie fordern mehr Gesetze?

Im Moment ist der Gesetzgeber zu zurückhaltend. In den letzten Jahren sind praktisch alle prä­ventionspolitischen Vorstösse ab­gelehnt worden. Klar, ist es wertvoll, wenn die Lebensmit­telindustrie freiwillige Mass­nahmen trifft, aber das dürfen keine Alibiübungen sein. Wenn die Industrie freiwillig zu wenig weit geht, dann ist der Gesetzgeber gefordert. Im Bereich des Jugend- und Kinderschutzes ist das besonders legitim. Etwa bei der Werbung für Süssigkeiten, die sich an Kinder richtet.

Steigen die Kosten nicht auch deshalb, weil die Leistungserbringer von mehr Patienten profitieren?

Das Gesundheitswesen hat sich in ein Gesundheitsmonster verwandelt, das mit Patienten, Personal und Finanzen gefüttert werden muss. Das ist teilweise schizophren. In öffentlichen Spitälern wird gejubelt, wenn es gute Zahlen gibt. Aber man weiss genau, dass die Kehrseite davon höhere Prämien und Staatsbeiträge sind. Das System ist auf falschen Anreizen gebaut worden. Man hat einen Zwitter geschaffen zwischen einem Wettbewerbsmodell und einem staatlich geplanten Modell.

Welche Schlüsse müsste man ziehen?

Ein Beispiel ist die unterschiedliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen. Heutzutage kann man viel mehr Leistungen ambulant erbringen. Heute müssen die Krankenkassen jedoch die ambulanten Leistungen voll übernehmen und die stationären nur teilweise. Würde man die beiden Bereiche einheitlich finanzieren, hätten die Finanzierer ein Interesse an vermehrten ambulanten Behandlungen.

Gesundheitsförderung Schweiz will ab nächstem Jahr 5 Millionen Franken jährlich für die Prävention in der Gesundheitsversorgung (PGV) ausgeben. Wohin fliesst das Geld?

Die Idee ist, die Versorgungsstrukturen vermehrt für die Präventionsarbeit zu nutzen. Etwa 90 Prozent der Leute gehen einmal pro Jahr zum Hausarzt – über diesen Kanal hat man eine sehr grosse Abdeckung. Der Hausarzt geniesst auch hohes Vertrauen bei den Patienten. Man muss den Leistungserbringern aber die entsprechenden Instrumente in die Hand geben, damit sie präventive Massnahmen einleiten können. Zum Beispiel soll der Arzt auf Angebote verweisen können, welche die Lebensstiländerung unterstützen. Oder der Arzt kann lernen, wie ein Gespräch so zu führen ist, dass der Patient motiviert wird, etwas zu verändern. Nicht zuletzt muss man sich überlegen, wie das Ganze entschädigt wird.

Da sind wir wieder bei den Anreizen.

Genau. Für die Abgabe von Tabletten wird der Arzt angemessen entschädigt. Bei präventiven Leistungen sieht es anders aus. Diese Anreize wollen wir ändern und in den nächsten Jahren entsprechende Instrumente entwickeln und in der Praxis ausprobieren. Diejenigen, die funktionieren, wollen wir schweizweit etablieren. Bis 2024 wollen wir das System aufbauen und ab dann verbreiten. Das ist die Vision.

Werden die Ärzte geschult oder anders entschädigt?

Beides. Prävention muss besser in die ärztliche Ausbildung integriert werden. Und der Aufwand, den der Arzt leistet, muss angemessen entschädigt werden. Etwa wenn er andere präventive Leistungen wie eine Ernährungsberatung vermittelt.

Wer soll das entschädigen?

Eine mögliche Finanzierung läuft über die Krankenversicherung. Daneben müssen aber auch andere Ansätze geprüft werden.

Denken Sie, die Ärzte sind offen für das?

Es gibt viele Ärzte, die in diese Richtung aktiv werden wollen. Sie sehen, dass das der günstigste Weg ist, auch für die Patienten. Es ist auch eine Generationenfrage. Die neue Ärztegeneration ist offener für präventive Methoden. Aber es geht nicht nur um die Ärzte, sondern auch um andere Leistungserbringer, wie die Apotheker oder die Gesundheitsligen. Auch dort gibt es viele gute Kräfte, welche man vermehrt in die Prävention einbinden kann.

Wo muss sich der Bürger oder der Patient selber an der Nase nehmen?

Die Eigenverantwortung ist ex­trem wichtig. Jeder muss selber irgendwann Verantwortung für seine Gesundheit übernehmen. Aber es wäre falsch, alles darauf zu schieben. Die Eigenverantwortung hat ihre Grenzen. Es gibt Gesellschaftsschichten, die nicht unbedingt wissen, dass Cola ungesund ist. Man muss nicht Akademiker informieren. Genau hier übernimmt die Prävention eine wichtige Rolle.

Und diese Schichten können Sie über die Versorgungskette erreichen?

Ja, das ist eine Zielsetzung der Prävention in der Versorgung. Wir wollen vulnerable Zielgruppen besser erreichen.

Prävention hat den Ruf, eine Gesundheitspolizei oder gar lustfeindlich zu sein.

Es ist nicht so, dass gesundheitsbewusstes Leben lustfeindlich ist. Im Gegenteil: Wenn man sich wohl fühlt und gesund ist, hat das automatisch einen enormen positiven Einfluss auf die Lebensqualität. Wir sind nicht die Besserwisser, die alles verbieten wollen, was Freude macht. Paracelsus hat schon gesagt, dass das Mass entscheidend ist.

Zur Person
Thomas Mattig (46) ist seit 2007 Direktor von Gesundheitsförderung Schweiz und Professor an der medizinischen Fakultät der Universität Genf.

«Das Gesundheitswesen hat sich in ein Gesundheitsmonster verwandelt, das mit Patienten, Personal und Finanzen gefüttert werden muss», sagt Thomas Mattig, Direktor Gesundheitsförderung Schweiz. (Bild: PD)

«Das Gesundheitswesen hat sich in ein Gesundheitsmonster verwandelt, das mit Patienten, Personal und Finanzen gefüttert werden muss», sagt Thomas Mattig, Direktor Gesundheitsförderung Schweiz. (Bild: PD)

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