Interview
Schweiz-Tourismus-Chef über die Kritik an offenen Skigebieten: «Es war richtig, auf einem Sonderweg zu beharren»

Martin Nydegger, Chef von Schweiz Tourismus, über die ausländische Kritik an den offenen Skigebieten – und das Gute daran.

Niklaus Vontobel
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Martin Nydegger, die Sportferien sind in den allermeisten Kantonen vorbei, Zeit für eine Zwischenbilanz. War es richtig, die Skigebiete offen zu lassen – trotz teils harscher ausländischer Kritik?

Martin Nydegger: Ja, es hat sich gezeigt, dass es richtig war, in dieser Frage auf einem schweizerischen Sonderweg zu beharren. Der Schweizer Wintertourismus hat nachweisen können, dass seine umfassenden Schutzkonzepte tatsächlich funktionieren.

Woran machen Sie das fest?

Es gab keine grossen Ausbrüche, kein Schweizer Skigebiet wurde zu einem Hotspot, es gab keinen Rufschaden für die Schweiz – all diese Befürchtungen haben sich nicht eingestellt. Wo es Ansteckungen gab, wie in einzelnen Hotels, wurde sehr gut und schnell reagiert. Die Fallzahlen sind schweizweit ständig gefallen. Dass man also sicher Winterferien machen kann, gibt der Bevölkerung Mut und Zuversicht.

Was leiten Sie daraus ab?

Der Wintertourismus hat gezeigt, dass man auf ihn bauen kann. Nun sollte man ihm auch erlauben, wieder die Terrassen und Aussenbereiche für Gäste öffnen zu dürfen. Wir wünschen uns, dass Cafés, Hotels und Restaurants schweizweit ab dem 1. März mindestens draussen wieder öffnen können.

Welche Chancen hat Ihr Vorschlag in Bundesbern?

Ich weiss es nicht. Hingegen ist klar, dass die Unterstützung dafür in vielen Kantonen gross ist. Der wirtschaftliche Druck ist für die Gastronomie einfach zu gross, egal ob in den Skigebieten, im frühlingshaften Tessin oder in den Städten. Der Stellenabbau ist heute schon enorm. Darum ist es entscheidend, bald öffnen zu können.

Haben Deutschland, Italien und Frankreich das Risiko überschätzt?

Ich kann nur wiederholen, dass sich unsere Schutzkonzepte bewährt haben. Die Kritik aus dem Ausland verstummte irgendwann. Mittlerweile wird unser Beispiel in den anderen Ländern positiv gesehen. Es hat dem Ruf der Schweiz nicht geschadet. Im Nachhinein haben sich einige sogar gewünscht, man hätte es wie die Schweiz gemacht. Im österreichischen und französischen Wintertourismus gibt es Stimmen, die das heute so sehen.

Die Stimmung hat sich gedreht?

Das hat sie, auch in der Schweiz. Am Anfang gab es so etwas wie ein Skishaming, ähnlich wie das Flugshaming. Das ist vorbei, man geht wieder gerne Skifahren oder einfach in die Winterferien, weil man erkannt hat, dass dies bedenkenlos möglich ist und erst noch guttut.

Die Warner haben also übertrieben– oder war es anders: Wurden die Warner gehört, die Schweiz wurde vorsichtiger, und darum gab es nicht mehr Ansteckungen?

Die Schutzkonzepte wurden unabhängig vom Ausland laufend optimiert und haben zweifellos funktioniert. Wir haben gelernt, mit dem Virus zu leben und die Risiken zu minimieren. Nun ist Augenmass für verhältnismässige, kluge und umsichtige Lockerungen gefragt.

Die Warnungen hatten überhaupt keine Folgen?

Doch, sie haben geholfen – und zwar bei den Gästen. Es hat die Akzeptanz erhöht für die Schutzkonzepte. Das Schlangestehen vor den Liften wurde besser akzeptiert, die Gäste haben besser mitgemacht, die Abstände gut eingehalten. So gesehen haben uns die Warnungen sogar geholfen. Wir sind bisher dank ihnen besser durch den Winter gekommen.