Ist es am Familientisch gefährlicher als in der Disco? Ein Infektiologie-Chefarzt äussert sich zum Statistik-Chaos des BAG

Gemäss Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist nun doch nicht der Klub das grösste Ansteckungsrisiko, sondern die Familie. Was heisst das nun? Wir haben Christoph Fux, Chefarzt Infektiologie am Kantonsspital Aarau, zum Statistik-Wirrwarr aus Bern befragt.

Rolf Cavalli
Drucken
Teilen
Plädiert für Maskenpflicht auch in Läden: KSA-Infektiologe Christoph Fux.

Plädiert für Maskenpflicht auch in Läden: KSA-Infektiologe Christoph Fux.

Tele M1

Herr Fux, ist Partymachen in voller Disco also weniger gefährlich als ein Essen im Familienkreis?

Christoph Fux: Man muss unterscheiden zwischen primärer Ansteckung, also ausser Haus, und der sekundären Ansteckung innerhalb einer Familie, wo jemand das Virus nach Hause bringt. Wenn jemand in der Familie infiziert ist, erwischt es häufig auch andere Familienmitglieder – Untersuchungen schätzen das Ansteckungsrisiko innerhalb eines Haushaltes auf ca. 15 Prozent. Darum kann man die beiden Ansteckungsorte nicht direkt miteinander vergleichen.

Was heisst das nun für das Verhalten innerhalb der Familie: Müssen wir Social Distancing auch zu Hause einhalten?

Nein, eine Familie muss man als Einheit betrachten, Social Distancing ist hier weder möglich noch erwünscht. Das wäre emotional nicht zumutbar. Darum ist es umso wichtiger, dass man ausserhalb des Hauses eine Ansteckung möglichst vermeidet.

Offensichtlich ist die Ansteckungsgefahr im Ausgang aber viel kleiner als bisher vermutet bzw. vom BAG fälschlicherweise zuerst behauptet.

Das kann man so nicht sagen. Bei einer tiefen Fallzahl entscheidet häufig der Zufall, ob etwas passiert oder nicht. Fehlverhalten wird nur bestraft, wenn sich eine ansteckende Person in der Gruppe befindet. Klubs und Discos sind potenzielle Multiplikatoren von Viren. Aus zwei Gründen: Im Unterschied zu einem Restaurant wird in einer Disco oder einem Klub auch gesungen und geschrien, was die Übertragung einer Tröpfcheninfektion beschleunigt. Zudem sind Discobesucher meistens sehr mobil und übertragen den Virus bei einer Infektion so schnell über die Region hinaus. Das Beispiel des Skiorts Ischgl zeigt das eindrücklich.

Aber die Zahlen belegen das nicht.

Das zeigt nur, dass wir bisher Glück hatten. Wenn etwas noch nicht eingetroffen ist, heisst nicht, dass es kein Problem ist. Eines ist unbestritten: Nähe kombiniert mit Tröpfchenauswurf erhöht das Übertragungsrisiko. Darum steckt man sich in der Familie schnell an. Und deshalb sollte man Enge dort vermeiden, wo es nicht zwingend ist oder sich zumindest mit einer Maske schützen.

Plädieren Sie für eine Erweiterung der Maskenpflicht?

Ja. Wer in der Bäckerei oder im Supermarkt ansteht, kann die 1,5-Meter-Regel nicht immer einhalten. Oder ein in der Hitze aufgestellter Ventilator hilft mit, eine etwas grössere Distanz zu überbrücken. Mit einer Maske kann man dies abfangen. Es ist eine für die Wirtschaft sehr günstige Massnahme, die wenig weh tut und den Schutz erweitert. Es ist doch besser, eine Maske zu tragen und dafür fast alles ausüben zu können statt einen zweiten Lockdown zu provozieren. Alle umliegenden Länder haben das so umgesetzt und machen gute Erfahrungen damit. Darum empfehlen die Kantonsspitäler Baden und Aarau eine Maskenpflicht etwa auch in Läden. Der Entscheid liegt aber beim Kanton.

Draussen ist das Ansteckungsrisiko generell geringer. Sollte man aus infektiologischer Sicht Stadien für Sportveranstaltungen wieder richtig öffnen?

Wir müssen mit dem Virus leben lernen, darum muss man einen Weg finden, solche Veranstaltungen wieder möglich zu machen. Ein gangbarer Weg wäre etwa, das Stadion halb zu füllen, also mit jedem zweiten Platz leer – zusammen mit der Verpflichtung, bei Eintritt die Hände zu desinfizieren und für die ganze Spieldauer eine Maske zu tragen. Zudem müsste man aber bereit sein, auf Getränke und Snacks zu verzichten.

Infektiologe Christoph Fux: Social Distancing in der Familie ist unmöglich und unerwünscht.

Infektiologe Christoph Fux: Social Distancing in der Familie ist unmöglich und unerwünscht.

Britta Gut

Die grösste Kategorie der Ansteckungsorte ist die Gruppe «unbekannt». Was steckt möglicherweise dahinter?

Eine wichtige Gruppe sind Reiserückkehrer. Die haben nun gegen Ende Ferien zugenommen. Es bestätigt sich auch, dass die meisten davon Balkanreisende sind. Gerade übers Wochenende hat die Rega einen intubierten Corona-Patienten ins KSA eingeflogen.

Gehört er der Risikogruppe an?

Ja, das ist ein über 60-jähriger Patient. Leute aus dem Balkan reisen oft in der Familie, darum trifft es im Gegensatz zu den Clubbesuchern auch Ältere, die dann hospitalisationpflichtig krank werden. Die jungen positiv getesteten Personen haben zwar Symptome, sind aber nicht so krank, dass sie zu Hause bleiben müssten; sie sind Überträger des Virus und müssen sich deshalb unbedingt testen lassen – und falls positiv in Isolation gehen.

Trotz dieser Fälle: Die Spitäler sind nach wie vor nicht ansatzweise am Anschlag, oder?

Im KSA haben wir zurzeit vier hospitalisierte Corona-Patienten, zwei davon sind auf der Intensivstation. Aber das kann schnell ändern. Darum ist es sinnvoll, Hygiene- und Distanzregeln einzuhalten und im Zweifelsfall eine Maske zu tragen. Wenn wir dank Maske die Ansteckungen mit unbekannter Herkunft nur schon um einen Drittel senken können, wäre das ein grosser Erfolg mit kleinem Aufwand.