Gerhard Pfister über das Problem der CVP und wie er die Sache mit dem "C" lösen will

Zu den Zahlen der beiden Umfragen, die GfS Bern gemacht hat, will CVP-Präsident Gerhard Pfister noch nichts sagen. Dafür zeigt er im Detail auf, wie die CVP mit Hilfe der BDP in den grossen Kantonen reformierte Wähler gewinnen will.

Interview: Othmar von Matt
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Gerhard Pfister: «Wer das Problem der CVP verstehen will, dem empfehle ich eine Fahrt von Luzern nach Bern – über das Entlebuch und das Emmental.»

Gerhard Pfister: «Wer das Problem der CVP verstehen will, dem empfehle ich eine Fahrt von Luzern nach Bern – über das Entlebuch und das Emmental.»

Bild: Keystone

Gerhard Pfister nimmt sich Zeit für das Interview, das am Rande der Session in der BEA-Expo stattfindet. Auch Generalsekretärin Gianna Luzio ist dabei.

Ist das C bald Geschichte?

Gerhard Pfister: Ich habe in den letzten Tagen Präsidium, Kantonalparteien, CVP-Regierungsräte und die Fraktion über erste Zwischenresultate der Basis-Umfrage und der repräsentativen Umfrage von GFS Bern informiert. Noch müssen wir die Analyse abwarten. Sie liegt Anfang Juli vor.

In der Basis-Befragung bevorzugten 53 Prozent einen Namen mit dem Begriff «Mitte». Und in der repräsentativen Bevölkerungsumfrage halten 80 Prozent den C-Namen für die schlechteste Variante.

Ich bitte um Verständnis. Wir können die Öffentlichkeit erst informieren, wenn wir auch die Analysen kennen.

Vieles deutet darauf hin, dass «Mitte» im neuen Namen stehen wird. Die NZZ schrieb, die Mitte sei per se ein Kompromiss zwischen links und rechts. Einverstanden?

Die Mitte ist eine eigenständige Position – wie links und rechts.

Was bedeutet Mitte?

Mit der Mitte-Fraktion von CVP, EVP und BDP bereitete CVP-Präsident Gerhard Pfister das Zusammengehen von CVP und BDP vor.

Mit der Mitte-Fraktion von CVP, EVP und BDP bereitete CVP-Präsident Gerhard Pfister das Zusammengehen von CVP und BDP vor.

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Die Verbindung von Freiheit und Solidarität. Typisch an der Mitte und damit an der CVP ist: Sie verbindet, und sie setzt den Menschen ins Zentrum, statt eine Ideologie. Wo ich der NZZ recht gebe: Die Bezeichnung Mitte ist noch kein Programm. Das Programm entscheidet sich wie bei links oder rechts über den Inhalt.

Das neue Parteiengebilde wird also am Inhalt arbeiten müssen?

An der letzten Fraktionssitzung sagte ein Fraktionsmitglied: «Die Weiterentwicklung der Partei ist gut und recht. Das entbindet uns aber nicht harter Arbeit.» Auch ich sagte, dass wir Schwerpunkte setzen und mehr arbeiten müssen. Das war auch ein Appell an mich selber. Der Erfolg der SVP in den 90er-Jahren war das Resultat langjähriger Arbeit. Ueli Maurer hat damals als Präsident fast jeden Abend eine Ortspartei gegründet.

Sie verlangen also protestantisches Arbeitsethos von sich und der CVP?

Es ist ein Klischee, dass Katholiken faul sind und Protestanten emsig. Da bin ich ganz ökumenisch.

«Es ist ein Klischee, dass Katholiken faul sind und Protestanten emsig. Da bin ich ganz ökumenisch.»

In der CVP gibt es starke Widerstände dagegen, das C aufzugeben.

Wir müssen diese Kritik aufnehmen. Wir haben immer betont, dass wir die Autonomie der Kantonalparteien respektieren wollen. Wir müssen den Prozess sehr sorgfältig angehen, damit wir unsere Basis mitnehmen können.

Sie legen jedes Wort auf die Goldwaage. So kennt man Sie gar nicht. Ist die Situation in der CVP ausserordentlich angespannt?

Das Interesse unserer Basis ist gross, es gibt eine lebendige Diskussion, die natürlich kontrovers ist. Das ist sehr gut so. Es ist uns meiner Ansicht nach bisher gut gelungen, den Prozess transparent und offen zu führen. Ich erhalte keinerlei gehässige oder unversöhnliche Reaktionen.

CVP-Ständerat Beat Rieder sagte, die Partei habe jahrzehntelang versucht, die Schweiz zusammenzuhalten. Das habe geschadet.

Zwei Oberwalliser, die das C der CVP nicht aufgeben wollen: Nationalrat Philipp Matthias Bregy (links) und Ständerat Beat Rieder.

Zwei Oberwalliser, die das C der CVP nicht aufgeben wollen: Nationalrat Philipp Matthias Bregy (links) und Ständerat Beat Rieder.

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Pragmatische Politik ist unser Kerngeschäft. Das macht die CVP aus. Nochmals: Wir orientieren uns nicht an einer Ideologie, sondern am Menschen. Gerade die Coronakrise zeigte, wie unglaublich wichtig der Zusammenhalt der Schweiz ist. Unsere Aufgabe wird damit in Zukunft noch wichtiger.

Weshalb?

Erstens nimmt die Unversöhnlichkeit und Polarisierung der politischen Debatte zu. Das gefährdet den Zusammenhalt der Schweiz existenziell.

Und zweitens?

Verschiedene Kantone wie etwa das Tessin und Genf fühlten sich in der Coronazeit von Bundesbern alleine gelassen. Sie hatten den Eindruck, Bern habe wenig Verständnis für ihre Situation. Ich stelle eine zunehmende Entfremdung zwischen Kantonen und Sprachregionen und einen abnehmenden Willen zum Konsens in der Politik fest. Das macht mir Sorgen. Andererseits hat die Schweizer Bevölkerung während des Lockdowns grossen Gemeinschaftssinn bewiesen. Das macht mir wiederum Hoffnung. Die Politik sollte sich daran ein Beispiel nehmen.

«Die Schweizer Bevölkerung hat während des Lockdowns grossen Gemeinschaftssinn bewiesen. Die Politik sollte sich daran ein Beispiel nehmen.»

Lukas Golder betonte, die CVP müsse etwas tun, um zu wachsen.

Die Einsicht ist gross, dass es Handlungsbedarf gibt.

Sonst verliert die CVP ihren einzigen Bundesratssitz.

Der Wahlsieg der Grünen hat viel verändert. Die Kernfrage für uns ist tatsächlich: Wie schaffen wir die Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum? Dann müssen wir uns auch keine Sorgen machen um den Bundesratssitz.

Der Verlust des Sitzes von Viola Amherd würde die CVP in eine existenzielle Krise stürzen.

Am Anfang stehen die Wählerprozente der Partei. Der Bundesratssitz ist dann die Folge.

Der Doktor der Philosophie

Gerhard Pfister, 57, ist verheiratet. Er studierte in Fribourg Literatur und Philosophie und doktorierte über den Schriftsteller Peter Handke. Er absolvierte auch den Lehrgang Schulmanagement für Schulleiter des Instituts für Wirtschaftspädagogik der Uni St. Gallen (HSG). 1999 übernahm Pfister das CVP-Präsidium des Kantons Zug, seit 2003 gehört er dem Nationalrat an. Am 23. April 2016 wurde er zum Präsidenten der CVP Schweiz gewählt. Nachdem er die CVP bei den Wahlen 2019 überraschend stabil halten konnte, stiess er einen Reformprozess an: Er will die CVP mit der BDP zusammenführen. (att)

Bei der CVP ist es aber umgekehrt. Regierungspartei zu sein gehört zu ihrem tiefen Selbstverständnis.

Selbstverständlich sind wir eine staatstragende Partei, die lösungsorientiert ist und Verantwortung übernimmt. Das ist unsere klassische Rolle. Man kann sie so tatsächlich nur wahrnehmen, wenn man in der Landesregierung sitzt. In einer Demokratie entscheiden aber die Wähler.

Für die CVP beginnt eine spannende Phase: Sie versucht mit der BDP, auf dem reformierten Land SVP-nahe Wähler zu erobern.

Wer das Problem der CVP verstehen will, dem empfehle ich eine Fahrt von Luzern nach Bern über das Entlebuch und das Emmental. Die Landschaft sieht ähnlich aus. Der grosse Unterschied ist der Wähleranteil der CVP. Er sinkt auf einem Meter Kantonsgrenze von 40 auf 0 Prozent. Obwohl in den Dörfern diesseits und jenseits der Grenze nicht komplett verschiedene Menschen leben.

«Der grosse Unterschied ist der Wähleranteil der CVP. Er sinkt auf einem Meter Kantonsgrenze von 40 auf 0 Prozent.»

Weshalb ist das so?

Mit seinem Kampf gegen den EWR von 1992 erobert Christoph Blocher die Innerschweiz und die Ostschweiz, klassische CVP-Stammlande.

Mit seinem Kampf gegen den EWR von 1992 erobert Christoph Blocher die Innerschweiz und die Ostschweiz, klassische CVP-Stammlande.

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«It’s the religion, stupid!», sage ich da– in Anlehnung an Bill Clintons Wahlkampfstrategie «It’s the economy, stupid!», mit der er 1992 die US-Präsidentschaftswahlen gewann. Der Schweizer Sonderbundskrieg von 1847 ist zwar längst vergessen. Es gibt aber ein kollektives Gedächtnis. Die moderate Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB), ab 1971 hiess sie mehrheitlich SVP, war bis in die 1980er-Jahre das Pendant der CVP in den reformierten Kantonen. Der damalige CVP-Generalsekretär Hans Peter Fagagnini erzählte mir einmal, dass Blocher in diesen Jahren auf die CVP zukam.

Weshalb?

Er wollte gemäss Fagagnini seine «reformierte» SVP mit der «katholischen» CVP fusionieren. Das hätte durchaus Sinn gemacht. Die Fusionsgespräche scheiterten an der Jura-Frage. Mit der Unabhängigkeitsbewegung orientierte sich der katholische Kanton Jura weg vom Kanton Bern. Eine Fusion wurde für die Berner SVP sehr schwierig.

Blocher gestaltete die SVP um.

Er machte aus der traditionell ländlich-moderaten bürgerlichen Partei eine national-konservative rechte Bewegung. So überwand die SVP die Konfessionsgrenzen und gewann auch die konservativen Innerschweizer. Darum ergänzen sich CVP und BDP sinnvollerweise, denn die BDP versammelt wie wir moderate, bürgerliche Mitte-Wähler. Also solche, die sich in der SVP nicht mehr wohlfühlten.

«Blocher machte aus der traditionell ländlich-moderaten bürgerlichen Partei eine national-konservative Bewegung. So überwand er die Konfessionsgrenzen.»

Deshalb macht das Zusammengehen Sinn?

BDP-Präsident Martin Landolt will mit CVP-Präsident Gerhard Pfister reformierte Wähler in den vier grossen Kantonen gewinnen.

BDP-Präsident Martin Landolt will mit CVP-Präsident Gerhard Pfister reformierte Wähler in den vier grossen Kantonen gewinnen.

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Nicht nur deshalb. Die vier grössten Kantone – Zürich, Bern, Waadt und Aargau – besetzen 96 von 200 Nationalratssitzen. In diesen Kantonen haben wir nur drei Sitze – zwei davon im Aargau. Martin Landolt und ich sind der Auffassung, dass in diesen Kantonen Wählerpotenzial für eine bürgerliche Mittepartei brach liegt.

Balthasar Glättli sucht als neuer Grünen-Präsident einen besseren Draht zur CVP. Überrascht Sie das?

Nein. Glättli präsidiert jetzt eine Partei, die mit ihrer Grösse zum potenziellen Bündnispartner geworden ist. Die SP hat dieses Alleinstellungsmerkmal im linken Lager verloren – sowohl für den National- wie den Ständerat. Das signalisiert Glättli eigentlich der SP, wenn er öffentlich einen besseren Draht zur CVP fordert.