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JAGD: Jäger nehmen Wildsau ins Visier

Die Wildschweine verbreiten sich in der Schweiz so schnell, dass ihr die Jäger sogar mit Nachtzielgeräten nachstellen. Bund und Kantone hingegen möchten die Sauen besser schützen – und trotzdem mehr jagen.
Fabian Fellmann
Wildschweine gelten als äusserst schlau. (Bild: Frank Sommariva/Getty)

Wildschweine gelten als äusserst schlau. (Bild: Frank Sommariva/Getty)

Fabian Fellmann

Wildschweine machen ihrem Namen bisweilen alle Ehre: Am Freitag verliefen sich zwei Tiere in die deutsche Stadt Heide. Erst nach einer stundenlangen Verfolgungsjagd mit vier Verletzten konnten Jäger einen Keiler töten und das zweite Tier vertreiben. Auch in der Schweiz erregen die Borstentiere Aufsehen: Im September spazierte eine Rotte durch die Altstadt von Aarau, Anfang Oktober trotteten mehrere Tiere in St. Gallen auf die Autobahn, acht wurden getötet, zwei Fahrzeuge verunfallten.

«Die Bestände und die Schäden steigen in der Schweiz», sagt Dominik Thiel, Jagdverwalter des Kantons St. Gallen. Im vergangenen Jahr haben die Schweizer Jäger 6182 Wildschweine geschossen. Trotzdem mussten die Kantone den Bauern 3,5 Millionen Franken an Schäden erstatten; das ist doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Im Kanton St. Gallen ist das Schwarzwild inzwischen sogar auf Alpweiden über 1600 Metern über Meer vorgedrungen, berichtet Thiel. Nach dem Alpabzug findet es dort paradiesische Zustände auf schutzlosen Wiesen mit Kuhfladen voller Insekten. Zurück bleiben zerstörte Graslandschaften.

Mit Kriegsgerät auf der Pirsch

Im November beginnt nun wieder die Hauptsaison für die Schwarzwildjagd. Bund und Kantone wollen, dass die Jäger die Borstentiere besser unter Kontrolle kriegen. «Wir müssen die Bestände stärker regulieren», sagt Thiel, unter dessen Leitung ein neues Konzept für eine wirksame Jagd auf das Schwarzwild erarbeitet wurde, das bis Ende Jahr veröffentlicht werden soll.

Zu reden gibt dabei die beste Jagdmethode. Denn die Tiere sind schlau. «Man schlägt sich ganze Nächte um die Ohren, bis man eine Sau erlegt hat», sagt Bruno Ackermann, Jäger-Präsident im besonders betroffenen Kanton Thurgau. «Pro Abschuss sitzt ein Jäger 50 bis 70 Stunden an.» Erwischt es ein Tier, merkt sich das Leittier den Ort – und die Rotte meidet ihn während mindestens eines Monats.

Vor allem im Thurgau und im Aargau greifen die Waidmänner zu umstrittenen Hilfsmitteln: Sie versuchen, die scheuen und schlauen Vierbeiner mit Nachtzielgeräten abzuschiessen. 2003 wurde noch keine einzige Wildsau im Thurgau mit Hilfe der Infrarotgeräte geschossen, 2016 waren es bereits 42 Prozent.

Auf Kritik stösst der Boom der Nachtzielgeräte beim Bundesamt für Umwelt. «Das sind Mittel aus der Kriegsindustrie, die haben mit Jagen nichts zu tun», sagt Martin Baumann, stellvertretender Leiter der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität. Nachtzielgeräte seien für die Jagd grundsätzlich verbotene Hilfsmittel, die Kantone könnten deren Verwendung nur in Aus­nahmefällen erlauben. «Wären Schalldämpfer und Nachtzielgeräte erlaubt, wäre es fast nicht mehr möglich, Wilderer zu fassen», sagt Baumann.

Der zweitoberste Jäger des Bundes argumentiert auch mit dem Tierwohl: Wildschweine sind von Natur aus tagaktive Tiere, sind aber wegen der Jagd fast nur noch nachtaktiv. Stellen die Jäger den Tieren in der Dunkelheit nach, werden aber auch andere Wildtiere gestört. Ganz ohne Jagd in der Nacht gehe es zwar nicht, sagt Baumann: «Aber überlassen wir die Nacht wieder vermehrt den Wildtieren, und konzentrieren wir die jagdliche Regulation deshalb auf den Tag.»

Laut Baumann lassen sich die Wildschweinbestände effizienter im Griff halten mit sogenannten Drückjagden mit Hunden, die am Tag stattfinden. Auch Kantonsvertreter Thiel sagt, dass «Treib- und Drückjagden das einzige Mittel sind, um den Bestand der Wildschweine effektiv zu regulieren». Dabei werden die Wildschweine durch Jagdhunde aus ihren Verstecken gescheucht. Im Kanton Freiburg erlegten die Kantonsbehörden auf diese ­Weise an einem einzigen Tag 28 Wildschweine, während sie zuvor bei zwei Jagden ohne Hunde nur eine Sau erwischten. «Gut organisierte Drückjagden mit geeigneten Hunden sind sehr effizient und erlauben es, das Jahressoll oftmals in ein bis wenigen Jagdtagen zu erfüllen», sagt Baumann. An allen anderen Tagen könnten die Wildschweine dann ohne Angst vor Jägern ihrem Tagwerk nachgehen.

Allerdings fehlt es in der Schweiz an geeigneten Jagdhunden. «Eine Wildsau ist dem Hund oft überlegen, und er muss eine sehr gute Taktik haben, um sie in Bewegung zu bringen, ohne von ihr verletzt zu werden», sagt Baumann. Deshalb müssen die Hunde eine Ausbildung durchlaufen und in einem speziellen Gatter lernen, mit Wildschweinen umzugehen. In der Schweiz sind solche Gatter erst seit 2015 ausdrücklich erlaubt.

Nun ist die erste Anlage in Planung: Auf 6,4 Hektaren in der Zürcher Gemeinde Elgg sollen Hunde und Jäger in Zukunft die Jagd und das Aufspüren von angeschossenen Tieren trainieren. Nur: Gegen das Gatter wehren sich ironischerweise nun Tierschützer, deren militante Vertreter die Anlage als «Wildschwein-Guantánamo» bezeichnen, wie die NZZ diese Woche berichtete. Die Kontroverse über die Wildschweinjagd kommt Zürcher Tierschützern wie gerufen: Erst im September haben sie eine Initiative zu Stande gebracht, welche das Verbot der privaten Jagd im Kanton fordert. Stattdessen sollen staatliche Wildhüter für die Regulierung des Wildbestands zuständig sein. Dieses System gilt bereits im Kanton Genf.

Für Jagdverwalter Dominik Thiel sind solche Forderungen realitätsfremd. «Die Jagd braucht es in der heutigen Kulturlandschaft, das ist nicht einfach ein Hobby von ein paar Verrückten. Es ist eine Illusion, zu meinen, einige wenige Profis könnten das erledigen.» Das Genfer System etwa funktioniere nicht, die Wildschäden seien dort sehr hoch. «Gegen die Jagd werden emotionale Argumente vorgebracht von Leuten, die keine Ahnung haben von der Natur», sagt Thiel. «Das ist sehr gefährlich.»

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