Jahreszahlen
ABB dämpft Hoffnungen der Investoren – die Aktie geht nach Bekanntgabe der Jahreszahlen auf eine Talfahrt

Eine unerwartet zurückhaltende Wachstumsprognose für das laufende Jahr versetzt dem Aktienkurs einen Tiefschlag. Das Umsatzwachstum könnte unter drei Prozent zu liegen kommen.

Daniel Zulauf
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ABB hat letztes Jahr dank dem Verkauf der Stromübertragungssparte an den japanischen Grosskonzern Hitachi einen Gewinn von 5,1 Milliarden US-Dollar eingestrichen. Derweil schrumpfte der Umsatz in den fortgeführten Geschäften um sieben Prozent auf 26,1 Milliarden Dollar.

Neu sind die Geschäftszahlen des vierten Quartals. In dieser Zeit hat ABB einen Verlust von 79 Millionen Dollar erlitten. Dafür waren aber vor allem Aufwendungen mit einmaligem Charakter verantwortlich. Gemessen an den operativen Zahlen zeigte die Formkurve des Konzerns in den letzten drei Monaten des Jahres aufwärts.

ABB weit vom mittelfristigen Ziel entfernt

Auftragseingang und Umsatz haben sich gegen Jahresende stabilisiert, nach einem deutlichen Rückgang in den ersten neun Monaten. Der operative Betriebsgewinn verbesserte sich von Oktober bis Dezember sogar deutlich um zwölf Prozent. Ausschlaggebend dafür waren einerseits eine gute Nachfrage, teilweise bessere Preise und tiefere Kosten in den Bereichen Elektrifizierung und Antriebstechnik. Die von den Investoren stark beachtete operative Betriebsgewinnmarge verbesserte sich im Schlussquartal auf 11,5 Prozent - verglichen mit 11,1 Prozent im Gesamtjahr.

Damit liegt ABB allerdings noch weit vom mittelfristigen Ziel von 13 Prozent bis 16 Prozent entfernt. Bislang waren die meisten Finanzanalysten davon ausgegangen, dass der untere Rand dieser Margenbandbreite im laufenden Jahr wieder erreicht werden kann. Doch die Hartnäckigkeit der Pandemie lässt Zweifel aufkommen.

Übernahmen sind nicht in Sicht

Diese wurden auch durch die vom Konzern umständliche kommunizierten Umsatzprognosen eher verstärkt als beseitigt. In der Pressemitteilung vom Donnerstag prophezeit das Unternehmen für 2021 ein Umsatzwachstum, «das sich weitgehend innerhalb des langfristigen Zielkorridors bewegt». Damit sind die drei bis fünf Prozent gemeint, die CEO Björn Rosengren im November als Ziel über einen ganzen Konjunkturzyklus hinweg genannt hatte.

Allerdings sagte Rosengren damals auch, dass etwa ein Drittel des künftigen Wachstums von Übernahmen stammen müsse. Solche hat ABB derzeit freilich nicht auf der Agenda. Vielmehr ist der Konzern im laufenden Jahr noch ganz mit der Durchführung der im November angekündigten Portfoliobereinigung beschäftigt. Rosengren will drei der derzeit noch 23 operativen Konzerndivisionen mit einem Jahresumsatz von rund 1,8 Milliarden Dollar veräussern beziehungsweise an die Börse bringen. Darunter auch das Turbolader-Geschäft in Baden, das Rosengren erst gegen Jahresende abzuspalten hofft.

Die ABB-Aktien fallen

Vor diesem Hintergrund ist die Einschätzung einiger Beobachter nicht abwegig, dass ABB 2021 den Umsatz um deutlich weniger als drei Prozent steigern könnte. Indessen präzisierte ein ABB-Sprecher auf Nachfrage, ABB strebe 2021 ein durchschnittliches Wachstum der vier Geschäftsbereiche von mindestens fünf Prozent an.

Aus welchen Gründen auch immer fielen die ABB-Aktien am Donnerstag nach Bekanntgabe des Jahresergebnisses aber um mehr als vier Prozent auf deutlich unter 27 Franken (Stand 15.30 Uhr). Allerdings hatten die Titel in Vorwegnahme einer erfolgreichen Neuausrichtung des Konzerns durch Rosengren in den vergangenen zwölf Monaten auch kräftig an Wert gewonnen. Inwieweit die aktuelle Börsenkapitalisierung des Konzerns von 58 Milliarden Franken den tatsächlichen Wert des Unternehmens spiegelt, bleibt abzuwarten.

1,5 Milliarden Dividende

Für ABB spricht im aktuell schwierigen Umfeld die relativ geringe Verschuldung des Unternehmens. Zur Vorsicht mahnen dagegen die offenkundigen Probleme von ABB in den Bereichen Robotik und Industrieautomation. In der Robotik ist der Konzern stark auf die Automobilindustrie ausgerichtet, die angesichts ihrer aktuellen Ertragsprobleme noch mehr als bisher auf die Preise von Lieferanten zu drücken scheint. In der Industrieautomation hat ABB eine starke Exposition gegenüber dem Erdölsektor, der ebenfalls mit strukturellen Problemen kämpft.

Trotz der vielen Unsicherheiten will der ABB-Verwaltungsrat den Aktionären auch heuer eine unveränderte Dividende von 80 Rappen pro Titel ausrichten. Für die Ausschüttung wird ABB rund 1,5 Milliarden Franken benötigen – fast gleich viel wie der 2020 erwirtschaftete Cash-flow von 1,7 Milliarden Dollar. Darüber hinaus sollen die Aktionäre weiterhin von der Rückführung der aus dem Handel mit Hitachi empfangenen Barmittel in Höhe von um die 7,7 Milliarden Dollar profitieren. Ein erstes Aktienrückkaufprogramm soll von der Generalversammlung am 25. März durch den Beschluss zur Vernichtung von 141 Millionen zurückgekauften Aktien abgeschlossen werden.