Jetzt kämpfen zwei Frauen um das höchste Kirchenamt der Schweizer Reformierten

Bei den Reformierten haben sich bisher nur Kandidatinnen für die Nachfolge von Gottfried Locher gemeldet. Unter ihnen könnte die Kirche politischer werden als unter ihrem Vorgänger.

Lucien Fluri
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Isabelle Graesslé (links) und Rita Famos.

Isabelle Graesslé (links) und Rita Famos.

Wikipedia/Claudio Thoma/Montage_CH Media

Alles deutet darauf hin, dass die Schweizer Reformierten ab Ende Jahr – und erstmals in ihrer Geschichte – von einer Frau geführt werden. Bisher haben sich nur zwei Frauen für das Amt an der Kirchenspitze beworben. Beworben hat sich einerseits die Zürcher Pfarrerin Rita Famos, andererseits schickt die Waadtländer Kantonalkirche Pfarrerin Isabelle Graesslé ins Rennen. Beide Frauen sind in Kirchenkreisen bekannt, beide gelten als progressiv. Famos war 2018 gegen die Wiederwahl von Gottfried Locher, dem damals amtierenden obersten Protestanten, angetreten.

Graesslé war bis 2016 Direktorin des Museums der Reformation in Genf. Zudem lehrte die französische Staatsbürgerin – sie ist in Strassburg geboren – an der Uni Bern. Zwar können die Kantonalkirchen bis zur Wahl im November noch weitere Kandidaten nominieren. Da die interne Frist abgelaufen ist, scheint dies wenig wahrscheinlich. Die Wahl einer Frau ist zudem kirchenintern gefordert worden. Sie soll auch einen Aufbruch nach der Ära von Gottfried Locher symbolisieren, dem mehrfach sein Machtwille vorgehalten worden war.

Wird die reformierte Kirche nun politischer?

Locher war Ende Mai zurückgetreten, nachdem ihm zuvor Grenzverletzungen gegenüber Frauen vorgeworfen worden waren. Die Vorfälle hatten die reformierte Kirche erschüttert. Intern werden sie noch immer aufgearbeitet.

Beide Kandidatinnen, die sich nun beworben haben, deuten auch darauf hin, dass die Kirche politisch aktiver werden könnte. Sowohl Graesslé als auch Famos haben sich gegenüber dem Portal «kath.ch» für die Konzernverantwortungsinitiative ausgesprochen. Praktisch gleichzeitig meldete sich diese Woche Gottfried Locher – erstmals seit seinem Rücktritt – zu Wort, ohne allerdings weiter auf seinen Rücktritt einzugehen. In der «Weltwoche» kritisierte er das politische Engagement der Kirche für die Initiative. Dies sei langfristig schädlich. «Jede kirchliche Abstimmungsparole spaltet die Kirchgemeinden.»