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JUBILÄUM: Der Mann, der die Schweiz veränderte

Nächste Woche wird der 125. Geburtstag von Gottlieb Duttweiler gefeiert. Der Migros-Gründer hat die Schweiz in seiner Zeit auf den Kopf gestellt. Die Attacken und Boykotte gegen ihn nutzte er geschickt als Werbung.
Karl Lüönd
Der Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler in seinem Büro in Zürich. (Bild: Archiv / Keystone)

Der Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler in seinem Büro in Zürich. (Bild: Archiv / Keystone)

Sollten die Historiker dereinst die Persönlichkeit suchen, die die Schweiz im 20. Jahrhundert am meisten verändert hat, werden sie an erster Stelle auf Gottlieb Duttweiler verweisen, dessen 125. Geburtstag nächste Woche gefeiert wird. Aus dem Nichts hat dieser Duttweiler mit der Migros die grösste Detailhandelsorganisation der Schweiz geschaffen und – mehr noch – den Alltag von Hunderttausenden von Normalverdienern erleichtert und deren Lebensstil verändert.

Zwei Konkurse vor dem Erfolg

Zunächst wurde der gelernte Kaufmann zum Engros-Händler. Duttweiler war so tüchtig, dass er die Teilhaberschaft an seinem Lehrbetrieb erzwingen konnte. Während des Ersten Weltkriegs hortete er Importgüter, aber nach Kriegsende und Preissturz ging das Unternehmen in Konkurs. Duttweiler verlor alle Insignien seines neuen Reichtums: Villa, Limousine, Kunstsammlung, und ging mit seiner jungen Frau nach Brasilien, um eine Kaffeeplantage zu übernehmen. Auch dies missglückte. Als 37-Jähriger kam er zurück in die Schweiz und startete mit der Migros. Sie sei «seine letzte Chance» gewesen, sagte er später immer. 1925, im Gründungsjahr, war die Konjunktur unsicher und das Wirtschaftsklima verzagt. Die Hausfrauen waren gezwungen, ihre Lebensmittel am Ort und zu überhöhten Preisen zu besorgen. Der Detailhandel war in Zehntausende von Kleinstbetrieben zersplittert; den Rahm schöpften die Warenhäuser ab, während die heute vergessene Parallelstruktur der Hausierer die ländlichen Gegenden versorgte.

Migros, der Name ist Konzept

Duttweilers Idee drückte sich schon im Firmennamen aus. Es war nichts weniger als die Umkehrung der damaligen Handelsbräuche. Mi-Gros bedeutete das Versprechen, halbe Engros-Preise auf Detailhandelsebene zu ermöglichen. Dies ging nur mit kleinem Sortiment, schlanker Organisation, geringen Festkosten und hohen Umsätzen. Das aus Amerika importierte System der Verkaufswagen sorgte für Produktivität; das Risiko waren die Werbekosten.

In den ersten drei Jahren überlebte die Migros nur dank Fremdkapital. Dann war die kritische Grösse erreicht – auch dank der intelligenten Öffentlichkeitsarbeit des Gründers. Indem er – manchmal mit List und Deckadressen – in die Einkaufskartelle der Markenartikelindustrie eindrang und konsequent den Preisbrecher spielte, erregte er öffentliches Aufsehen. Attacken und Boykotte der Gegner war seine beste Reklame. Und an Feinden fehlte es nicht. Eine Koalition aus Bauern, Gewerbe, Industrie und der den Konsumgenossenschaften verbundenen Gewerkschaften/SP drückte 1934 ein verfassungswidriges Filialeröffnungsverbot durch.

Mit Erdrutschsieg in den Nationalrat

«Durch diese Manöver bin ich in die Politik gezwungen worden,» sagte Gottlieb Duttweiler später immer. Die Spontanliste für den Nationalrat, mit der ihm 1935 ein Erdrutschsieg gelang, verfestigte sich zum Landesring der Unabhängigen. Dieser suchte ideologisch den dritten Weg zwischen Kapitalismus und Wohlfahrtsstaat und fiel vor allem dadurch auf, dass er interessante und leistungsstarke Persönlichkeiten für politische Mandate zu gewinnen verstand: den Ernährungsreformer Franklin Bircher etwa oder Swissair-Mitbegründer Balz Zimmermann, den Schriftsteller Felix Moeschlin und andere. In vielen Kantonen, auch in Luzern, wurde der Landesring in den folgenden Jahrzehnten zu einem Sammelbecken der Opposition, ohne aber auf eidgenössischer Ebene je den Durchbruch zur Bundesratspartei zu schaffen.

Wandel zur Genossenschaft

Gottlieb Duttweiler – unermüdlicher Kaufmann, hervorragender Redner, fleissiger Publizist – ging seinen eigenen Weg. Zu Beginn der 40er-Jahre wandelte er die Migros AG in eine Genossenschaft um. Was nachträglich als grosse Geste eines geläuterten Kapitalisten dargestellt wurde, hatte in Wirklichkeit sehr konkrete Gründe. Duttweiler, der sowohl in der Beurteilung von Menschen wie von geschichtlichen Verläufen nicht immer treffsicher war, glaubte, dass Hitler den Krieg gewinnen würde. «Dann wird es einfacher sein, einen Kapitalisten zu enteignen als hunderttausend Genossenschafter», sagte er. In seinen späten Jahren sah Duttweiler als Visionär vieles voraus, was die moderne Zivilisation verändern würde. Mit Hotelplan, Klubschule, Ex Libris und Kulturprozent eröffnete er wie kein Zweiter den Normalverdienern den Zugang zur Kultur. Lange vor Club of Rome und WWF sah er die Umweltgefährdung als Kehrseite der Zivilisation voraus und gründete mit dem Institut «im Grüene» (heute Gottlieb-Duttweiler-Institut) eine Denkfabrik mit internationaler Ausstrahlung.

Eine einmalige Errungenschaft

Duttweilers Migros, mit Töchtern wie Denner und Globus, funktioniert heute in vielem wie ein beliebiger Konzern. In manchen Bereichen wie Medien, Gastronomie oder Mode konnte der Konzern nie an den Erfolg im Lebensmittelhandel anknüpfen. Die Auslandexpansionen sind bis jetzt in auffallender Weise gescheitert. Insgesamt aber gehört das System Migros auch in seiner heutigen, in vielem von den Idealen des Gründers abgewandten, Form zu den grossen und einmaligen Errungenschaften der Schweiz.

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