JUGENDGEWALT: Fall Carlos: «Keiner fühlt sich wirklich zuständig»

Man dürfe den Einzelfall Carlos nicht verallgemeinern, sagt Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. Straffällige Jugendliche müsse man auf unterschiedliche Weise zurück in die Spur zu bringen versuchen. Und vor allem nicht mit einem zu grossen Betreuerstab.

Interview Eva Novak
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Zweifelhaftes Duo: Messerstecher Carlos (rechts) zusammen mit seinem vorbestraften Kumpel, dem Kickbox-Trainer und mehrfachen Weltmeister Shemsi Beqiri. (Bild: PD)

Zweifelhaftes Duo: Messerstecher Carlos (rechts) zusammen mit seinem vorbestraften Kumpel, dem Kickbox-Trainer und mehrfachen Weltmeister Shemsi Beqiri. (Bild: PD)

Allan Guggenbühl, können Sie die Aufregung um den «Fall Carlos» nachvollziehen?

Allan Guggenbühl*: Die Empörung kann ich nachvollziehen. Man hat den Eindruck, der Jugendliche werde für sein asoziales Verhalten vom Staat belohnt. Aufgrund von anderen Fällen weiss ich jedoch: Der Fall ist absolut atypisch. Mich stört, dass man nun die wichtige und wertvolle Arbeit der Jugendanwaltschaft generell kritisiert.

Was ist das Besondere daran?

Guggenbühl: Den konkreten Fall kenne ich nicht, ich masse mir kein Urteil an. Jugendliche unter zwanzig sind jedoch beeinflussbar, der Zug ist meist noch nicht abgefahren. Normalerweise geht das mit viel weniger Aufwand.

Macht es aus jugendpsychologischer Sicht Sinn, wenn der Staat einem gewalttätigen Jugendlichen ein Thaiboxtraining finanziert?

Guggenbühl: Nicht das Boxen ist entscheidend, sondern der Trainer. Aggressives Sporttraining macht nur dann Sinn, wenn diese Person als Vorbild angenommen wird, wie man mit Aggressionen umgeht, ohne gewalttätig zu sein.

Der Trainer von Carlos ist seinerseits wegen Körperverletzung vorbestraft ...

Guggenbühl: Ich würde einen Jugendlichen nicht zu einem solchen Trainer schicken, da er ihm kaum Gewaltlosigkeit vorleben kann, wenn er seine Aggressionen selber nicht im Griff hat.

Vor zwei Jahren hat Carlos einen Jugendlichen niedergestochen. Wird er sein nächstes Opfer spitalreif schlagen, wenn er jetzt boxen lernt?

Guggenbühl: Boxen kann wertvoll sein, wenn es eine Begleitmassnahme darstellt. Im Zentrum der Arbeit mit Jugendlichen muss der Umgang mit Konflikten stehen. Jugendliche müssen lernen, Grenzen zu beachten und sich anzupassen. An diesem Punkt entscheidet sich der Erfolg einer Massnahme, solange man auf die Wünsche der Jugendlichen eingeht, machen diese in der Regel keine Probleme.

Das heisst, man muss ihnen etwas bieten, aber auch etwas verlangen?

Guggenbühl: In meiner Arbeit mit gewalttätigen Jugendlichen verlange ich als Erstes, dass sie sich als Gewalttäter outen und an ihrem Problem arbeiten wollen. Sie müssen mir beweisen, dass es sich überhaupt lohnt, mit ihnen zu arbeiten, und dass sie bereit sind, sich auf einen intensiven Prozess einzulassen. Das geht nicht sofort, sondern braucht etliche Vorgespräche. Und es funktioniert natürlich nicht bei allen Jugendlichen.

Was halten Sie von der Sonderbetreuung durch zehn Personen rund um die Uhr?

Guggenbühl: Das ist ein generelles Problem unseres Sozialstaats und den meisten Sozialtätigen bewusst. Oft sind unzählige Personen in einen Fall verwickelt. Die Gefahr ist, dass es zu einer Verantwortungsdiffusion kommt, keiner fühlt sich wirklich zuständig. Oft droht man sich zudem in Netzwerken zu verlieren. Man glaubt, je mehr Personen und Informationen, desto besser. Das Phänomen beobachtet man auch in Schulen. Ich plädiere deshalb dafür, dass nur zwei oder drei Personen zuständig sind.

Ist der Drill, wie es ihn in sogenannten «Bootcamps» im Ausland gibt, hilfreich?

Guggenbühl: In vielen Köpfen geistert die Vorstellung herum, dass man knallhart den Tarif durchgeben muss und die Jugendlichen in Strafcamps schicken muss. Ich habe mich in Amerika mit diesen Camps auseinandergesetzt, mit Betreibern gesprochen und gesehen, dass die Rückfallquote höher als bei uns ist. Bei Jugendlichen ist es besser, wenn man verschiedenste Massnahmen ausprobiert. Die Chance ist grösser, dass sie sich wieder eingliedern und nicht mehr Gewalt anwenden. Wir können in der Schweiz stolz auf die Arbeit der Jugendanwälte und anderer Fachpersonen sein.

Wie arbeiten Sie genau?

Guggenbühl: Zuerst konfrontiere ich die Jugendlichen mit der Tat, die sie in einer ersten Phase akzeptieren müssen. Dazu braucht es jeweils drei, vier Einzelgespräche. Erst wenn sie eingesehen haben, dass sie ein massives Problem als Gewalttäter haben, das sie angehen müssen, können sie in die Therapie kommen. Dann wird in der Gruppe gearbeitet.

Was halten Sie von den Therapieversuchen, in denen das Gruppenerlebnis im Vordergrund steht, wie etwa Segelturns zur Sozialisierung jugendlicher Gewalttäter?

Guggenbühl: Das Problem dabei ist: An Bord kann es zwar wunderbar gehen, da gibts Erfolgserlebnisse. Entscheidend ist aber, wie sie sich in ihrem angestammten Milieu verhalten. Aus diesem Grund konfrontiere ich Jugendliche immer mit ihrer Umgebung und gehe mit ihnen da hin, wo etwas passiert ist. Ich versuche dann mit ihnen Massnahmen zu entwickeln, dass sie nicht mehr zur Gewalt greifen, etwa beim nächsten Ausgang.

* Allan Guggenbühl (61) ist Psychologe, Psychotherapeut und Experte für Jugendgewalt. Der Zürcher hat in diesem Jahr ein Buch zum Thema Jugendgewalt veröffentlicht. Guggenbühl arbeitet zudem als Professor an der Pädagogischen Hochschule in Zürich und ist Leiter eines Zentrums für Konfliktmanagement. Guggenbühl ist verheiratet und Vater dreier erwachsener Kinder.

Zuger Verein setzt bei 13- bis 16-Jährigen an

Auffällige Jugendliche möglichst frühzeitig abzuholen, dieses Ziel verfolgt der Chamer Verein Trivas. Sein Angebot besteht seit fünf Jahren und war bisher bekannt unter dem Namen «Time out». Es richtet sich an junge Männer im Alter zwischen 13 und 16 Jahren. Heute heisst es «Profil». «Jugendliche erhalten bei uns ein Persönlichkeitstraining», erklärt Co-Geschäftsleiter Oliver Engeler. Konkret setze man an, wenn das Umfeld mit den Buben überfordert sei. An den Verein gelangen in erster Linie Schulen, manchmal auch Eltern. «Wir betreuen grundsätzlich verhaltensauffällige Jugendliche.» Dabei gehe es meist um Gewalt, psychische Schwierigkeiten oder häufige Schulabsenzen. «Es kommt auch vor, dass junge Männer zu uns kommen, die bereits mit der Jugendstaatsanwaltschaft zu tun hatten», so Engeler.

Schule und Familie als Hauptthema

Die Schüler durchlaufen ein 18-wöchiges Programm, das in die Phasen Vorbereitung, Intervention und Reintegration unterteilt ist. In allen drei Abschnitten werden sowohl das familiäre wie auch das schulische Umfeld mit einbezogen. «Wir nehmen nur Jugendliche, die auch mitmachen wollen», betont der Geschäftsleiter. In der Vorbereitung gilt es, Aufträge und Ziele zu definieren. Während der Intervention wird der betroffene Jugendliche acht Wochen vom Regelunterricht freigestellt. In dieser Zeit finden zwei einwöchige Expeditionen statt. Daneben gibt es Arbeitstage und Trainings, in denen individuelle Themen behandelt werden. «Wir wollen ihnen zeigen, wo ihre Stärken liegen und wie sie ihr Verhalten ändern können, ohne sich verbiegen zu müssen.» Dieser Teil wird jeweils in Gruppen durchgeführt. Während der achtwöchigen Reintegration besucht der Jugendliche wieder die Schule, wobei er während einzelner Stunden oder zu Gesprächen begleitet wird.

Schulen tragen die Kosten

Die Kosten für das Programm belaufen sich auf rund 16 000 Franken. Diese werden vom Auftraggeber – sprich in den meisten Fällen von den Schulen – übernommen. Insgesamt hat Trivas bis heute 75 junge Männer betreut. Für Mädchen gibt es das Angebot nicht. Laut Engeler ist die Nachfrage zu klein.

Samantha Taylor