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JUGENDLICHE: Zwiespältige Zahlen zur Jugendgewalt

Seit mehreren Jahren geht die Jugendgewalt gemäss den Daten der Polizei zurück. Also alles bestens? Die Befragung von Jugendlichen ergibt ein anderes Bild.
Ein Opfer schützt sich mit verschränkten Armen vor seinem Peiniger. (Bild: Getty)

Ein Opfer schützt sich mit verschränkten Armen vor seinem Peiniger. (Bild: Getty)

Der Vorfall sorgte für Schlagzeilen: Eine Schlägerei unter Jugendlichen Anfang September in Zug blieb erst ohne drastische Folgen. Doch dann beging ein Opfer, ein junger Mann, Suizid. Solche Taten rütteln die Gesellschaft jeweils auf. In schlechter Erinnerung bleibt etwa der Angriff von drei Jugendlichen auf einen Studenten in Locarno 2008. Die Fusstritte und Faustschläge waren so heftig, dass der einheimische Student später starb. Eine Debatte über Jugendgewalt lösten auch drei Schweizer aus, die 2009 bei einer Klassenreise in München fünf Menschen brutal zusammengeschlagen hatten. Die Täter waren damals 16 Jahre alt, der Haupttäter wurde zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren verurteilt.

Doch eigentlich gibt die Statistik Grund zur Freude. Denn Jugendliche begehen seit 2009 immer weniger Gewaltdelikte. Dieser Trend hat sich auch 2014 fortgesetzt. Laut der neuesten, Anfang Dezember publizierten polizeilichen Kriminalstatistik wurden im letzten Jahr 44 Prozent weniger Jugendliche einer Gewaltstraftat beschuldigt als noch 2009. Das Bundesamt für Statistik (BFS) streicht heraus, dass die Zahl der beschuldigten Jugendlichen zwischen 2009 und 2014 um 1768 (44 Prozent) gesunken ist, während die Anzahl Minderjähriger in der ständigen Wohnbevölkerung nur um 34 651 Personen (5 Prozent) abnahm. Also könne der Rückgang der Jugendgewalt nicht damit erklärt werden, dass es in der Schweiz weniger Jugendliche gebe. Kurzum: In den Augen der Statistiker verhalten sich die Teenager in der Schweiz friedlicher als auch schon.

Widersprüchliche Erkenntnisse

Zu einem anderen Schluss kommt Martin Killias, Gastprofessor für Kriminologie an der Universität St. Gallen. Er und seine Assistentin Anastasiia Lukash befragten im Jahr 2013 knapp 3000 Oberstufenschüler zwischen 13 und 16 Jahren. Diese Zahlen verglichen sie mit Erhebungen von 2006 und 1992. Gemäss Killias’ Studie hat die Jugendgewalt 2013 verglichen mit den Vergleichsperioden zugenommen. Während beispielsweise 2006 1,2 Prozent der befragten Jugendlichen angaben, im vorangegangenen Jahr eine Körperverletzung begangen zu haben, lag diese Zahl 2013 (3,2 Prozent) fast dreimal so hoch. Von 1992 bis 2013 stieg auch die Gesamtzahl der begangenen Gewaltdelikte. Immerhin: Verglichen mit 2006 klauten die Jugendlichen 2013 seltener in Läden und waren weniger oft in Gruppenschlägereien verwickelt.

Die Unterschiede zwischen den zwei Statistiken sind einerseits auf die unterschiedlichen Erhebungsmethoden zurückzuführen: Während sich die Kriminalstatistik auf polizeiliche Daten stützt, basiert Killias’ und Lukashs Studie auf der persönlichen Befragung von Jugendlichen. Ebenso decken sich die Zeiträume des BFS und der Studie Killias’ nicht. «Die statistisch erfasste Jugendkriminalität war von 2005 bis 2009 weiter stark gestiegen», sagt Killias. Seit 2009 erhebt das BFS die Daten für die Kriminalstatistik anders. Deshalb sind die Polizeidaten vor und nach 2009 nicht miteinander vergleichbar. Folglich fehle eine Statistik, anhand welcher direkt 2005 und 2013 miteinander verglichen werden könne, sagt Killias. «Ich gehe aber davon aus, dass das Jahr 2013 eben immer noch höher lag als 2005, wohl auch in der Statistik», sagt der Kriminologieprofessor. Insofern würden sich die beiden Quellen also nicht widersprechen, sagt er. Trotzdem bleibt ein zwiespältiges Bild. Hat die Jugendgewalt nun zugenommen oder nicht?

Veränderter Gewaltbegriff

Diese Frage erachtet Jugendpsychologe Allan Guggenbühl als zweitrangig. Die Zahlen würden überbewertet. «Die Statistik dient höchstens als Indikator, ob eine Gewaltwelle auf uns zukommt», sagt er. Guggenbühl bestätigt aber, dass die Jugendgewalt auch zurückgehe, weil die Anzahl Jugendlicher sinke. «So ist die wirkungsvollste Massnahme gegen Jugendgewalt das Altern», sagt er. Denn je älter jemand ist, desto seltener begeht er eine Gewalttat.

Für Guggenbühl ist auch klar, dass heute tendenziell immer leichtfertiger von Gewalt gesprochen wird. «Was früher noch eine Rangelei war, etwa ein Schlag in den Magen, wird heute als Gewalt bezeichnet», sagt Guggenbühl. Das habe damit zu tun, dass ältere Menschen ihre Normen und Werte auf Jugendliche projizierten. 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind gemäss aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik über 20 Jahre alt. «Für Jugendliche ist das schwierig, ihre Unruhe und ihr Übermut werden von den Alten als Problem wahrgenommen», sagt der Jugendpsychologe. Gerade Buben bräuchten die Möglichkeit, zu rangeln und Streiche zu spielen. Früher, als die Kinder tendenziell mehr Geschwister hatten, seien sie auch in ‹Rudeln› aufgewachsen. «Da haben kleine Kämpfe zum Alltag gehört», sagt der Jugendpsychologe.

Deborah Stoffel

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