JUNGPARTEIEN: «Das Geld konzentriert sich oben» – «Auch reiche Leute geben ihr Geld aus»

Zwei Luzerner stehen neu an der Spitze von zwei grossen Jungparteien. Politisch könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten.

Interview Jan Flückiger
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Maurus Zeier (links) und David Roth debattierten schon im Luzerner Kinderparlament zusammen. Heute wird Zeier zum Präsidenten der Schweizer Jungfreisinnigen gekürt. Roth ist bereits Präsident der Jungsozialisten. (Bild Manuela Jans)

Maurus Zeier (links) und David Roth debattierten schon im Luzerner Kinderparlament zusammen. Heute wird Zeier zum Präsidenten der Schweizer Jungfreisinnigen gekürt. Roth ist bereits Präsident der Jungsozialisten. (Bild Manuela Jans)

Läuft alles nach Plan, wird Maurus Zeier (22) heute zum alleinigen Präsidenten der Jungfreisinnigen gekürt – bisher war er Co-Präsident. Damit werden neu gleich zwei der grössten nationalen Jungparteien von Luzernern geführt. Denn auch bei den Jungsozialisten (Juso) steht mit David Roth ein Stadtluzerner an der Spitze. Wir lassen die beiden Jungpolitiker die Klingen kreuzen.

David Roth, nach dem Erfolg der Abzockerinitiative haben die Bürgerlichen Angst vor der 1:12-Initiative der Juso. Mit dem Mindestlohn und der Erbschaftssteuer sind weitere linke Initiativen im Anzug. Ist die Linke politisch in einem Hoch?

David Roth: Viele Menschen sind nicht mehr bereit, zuzusehen, wie sich einige wenige auf Kosten aller anderen bereichern. Die Leute sehen, wie sich die Wirtschaft entwickelt und dass wir immer wieder in Krisen schlittern. Dabei ist stets der Finanzsektor mitschuldig. Und genau in diesem Sektor werden auch horrende Millionensaläre ausgezahlt. Die Leute sagen zu Recht: Das wollen wir nicht mehr. Wir wollen eine Wirtschaft, in der wieder der gesunde Menschenverstand im Zentrum steht.

Maurus Zeier, pflichten Sie der Analyse von David Roth bei?

Maurus Zeier: Es gibt eine Verunsicherung in der Bevölkerung, ja. Deshalb wurde auch die Abzockerinitiative angenommen. Diese muss jetzt umgesetzt werden, das ist klar. Die Unsicherheit darf aber nicht dazu führen, dass man der Wirtschaft munter weiter die Flügel stutzt. Das würde man früher oder später bereuen. Man kann eine erfolgreiche Wirtschaft nicht einfach in Fesseln legen und glauben, sie sei dann immer noch gleich erfolgreich – und zusätzlich noch gerecht.

Roth: Die Regulative, welche du Fesseln nennst, sind demokratisch legitimierte Vereinbarungen, die sich die Gesellschaft selber auferlegt. Die gab es schon immer. Bei jeder Abstimmung, welche die Wirtschaft betraf, hiess es erst, die entsprechende Neuerung würde die Schweiz schwächen. Das war bei der Mutterschaftsversicherung so, das war bei der AHV so, das ist auch bei der Finanzmarktregulierung so. Heute wissen wir: Die Wirtschaft braucht Regeln und Leitplanken. Diese helfen, die Wirtschaft wieder auf einen gesunden Boden zu stellen.

Zeier: Wir reden hier über globalisierte Unternehmen, die weltweit tätig sind, und über Massnahmen in der Schweiz. Die Schweizer Wirtschaft wurde erfolgreich durch liberale Strukturen, insbesondere ein flexibles Arbeitsrecht, deshalb haben wir im weltweiten Vergleich auch eine sehr tiefe Arbeitslosigkeit. Die Rezepte, die jetzt vorgeschlagen werden – zum Beispiel der Mindestlohn –, sind Rezepte aus Ländern, die weniger erfolgreich sind als die Schweiz.

Sie möchten den Arbeitgebern die Freiheit lassen, diejenigen Löhne auszuzahlen, die er will.

Zeier: Ja. Ein Arbeitgeber muss die Möglichkeit haben, Leute flexibel einzustellen und auch eine gewisse Lohnbandbreite zu haben. Wenn der Bestverdienende mehr verdient, sollte das diejenigen, die weniger verdienen, eigentlich nicht stören. Wen das stört, der kann ja das Unternehmen verlassen. Dasselbe gilt für die Aktionäre. Es handelt sich hier um privates Geld, das privat investiert wird. Was mit dem Geld geschieht, hat nur den Eigentümer zu interessieren. Es sei denn, es wird damit ein grosser Schaden für das Land angerichtet.

Roth: Genau das ist der Punkt: Die Ospels und Vasellas schaden unserem Land. Sie bereichern sich und investieren ihr Vermögen nicht mehr in die reale Wirtschaft, sondern werfen es in die Fluten der Finanzmärkte. Dies führt zu jenen Finanzblasen, die wir in letzter Zeit immer häufiger erleben.

Herr Roth, Sie wollen den Kuchen gerechter verteilen. Aber der Kuchen ist doch nicht konstant gleich gross, egal welche Rahmenbedingungen man der Wirtschaft überstülpt.

Roth: Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die Lohnentwicklung bis in die 1990er-Jahre mit der Produktivität Schritt gehalten. Seit den 90er-Jahren hat die Hälfte der Einkommen an Kaufkraft verloren. In der gleichen Zeit gingen die Lohnscheren auseinander. Das ist doch evident: Die Einkommensverteilung und die Kaufkraft haben einen inneren Zusammenhang.

Zeier: Mit der 1:12-Initiative würden einfach die oberen Löhne gestutzt. Zu glauben, dass die Leute mit tieferen Einkommen davon profitieren, ist blauäugig. Der Kuchen würde einfach kleiner.

Herr Roth, was ist denn eigentlich das Problem, wenn ein paar Prozent der Bevölkerung mehr verdienen oder reicher sind als der Rest?

Roth: Das Problem ist, dass das Geld sich dort oben konzentriert und weniger in den Konsum und in sinnvolle Investitionen fliesst.

Zeier: Wieso denn? Auch reiche Leute geben ihr Geld doch aus!

Roth: Ja, aber wer gibt Geld sinnvoller aus? Nützt es mehr, wenn man demjenigen 1000 Franken mehr gibt, der schon eine Million hat, oder demjenigen, der fast nichts hat? Letzterer wird das Geld sofort wieder ausgeben.

Zeier: Damit wären wir direkt beim Kommunismus angelangt. Man gibt einfach allen gleich viel.

Roth: 1980 hatten wir bei den grössten Unternehmen eine Lohnschere von 1 zu 6. Aber wir haben damals meines Wissens nicht im Kommunismus gelebt. Es gab aber weniger Leute, welche die Wirtschaft als Selbstbedienungsladen gesehen haben.

Herr Zeier, Herr Roth, was macht das Erfolgsmodell Schweiz aus?

Zeier: Einerseits sicher die flexiblen Strukturen, der flexible Arbeitsmarkt. Andererseits die Nähe der Wirtschaft zu den Bürgern, das zeigen die unzähligen KMU im Land.

Roth: Ich glaube nicht an abstrakte Erfolgsfaktoren. Der zentrale Faktor sind die Menschen in diesem Land, ihre Leistungsbereitschaft, ihre gute Ausbildung. Ohne diese Menschen gäbe es auch keine Unternehmen.

Zeier: Und genau die Leistungsbereitschaft würgt ihr mit eurer Politik ab. Ihr beschränkt Entfaltungsmöglichkeiten.

Roth: Es wird doch niemand eingeschränkt durch unsere Politik. Entfaltungsmöglichkeiten werden eingeschränkt, wenn sich ein Jungunternehmen keine Büroräumlichkeiten mehr leisten kann oder wenn sich eine Alleinerziehende nicht mehr leisten kann, ihre Familie zu ernähren.

Machen wir hier einen Punkt. Es gibt sicher auch Themen, wo ihr euch eher einig seid. Wie steht ihr zum Beispiel zu den Einschränkungen des Alkoholverkaufs an Jugendliche.

Zeier: Da halte ich gar nichts davon. Erstens wird immer weniger getrunken, zweitens ist das blosse Symptombekämpfung. Wer sich betrinken will, wird sich weiterhin betrinken. Vielleicht ist das Ganze sogar kontraproduktiv, weil man sich dann noch gezielter betrinkt.

Roth: Mit Verkaufsverbot nach 22 Uhr habe ich kein Problem. Was mich hingegen stört, ist, dass Jugendliche zunehmend in ein schlechtes Licht gerückt werden. Statistisch wird weniger getrunken, aber das Thema wird medial und von der Politik hochgekocht. Das führt dann zu diversen Einschränkungen, die völlig übertrieben sind.

Zeier: Genau! Das Thema wurde fast so unnötig erhitzt wie die Problematik der Managerlöhne (lacht).

Roth: (lacht auch) Bleiben wir beim Thema. Was nicht sein darf, ist, dass Jugendliche zunehmend aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden.

Bei dem Thema sind Sie sich also einig?

Zeier: Ja klar. Es ist das Recht von Jugendlichen, sich im öffentlichen Raum aufzuhalten. Missbräuche soll man bekämpfen, aber nicht von vornherein alles verbieten.