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JUSTIZ: USA greifen zu Anti-Mafia-Artikel

Die Anzeichen, dass die US-Behörden Fifa-Chef Sepp Blatter im Visier haben, verdichten sich. Für die Fifa hätte die Anklage in jedem Fall tief greifende Konsequenzen.
Sermîn Faki
Fifa-Präsident Josef Sepp Blatter – hier bei einem Jubiläumsanlass des indischen Fussballverbandes. (Bild: AP/Manish Swarup)

Fifa-Präsident Josef Sepp Blatter – hier bei einem Jubiläumsanlass des indischen Fussballverbandes. (Bild: AP/Manish Swarup)

Sepp Blatter war gewarnt: «Ich habe ihn gebeten: Er soll nicht mehr von Familie reden im Zusammenhang mit der Fifa», sagte Kommunikationschef Walter de Gregorio im Sommer 2013 dem deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». «La famiglia, das evoziert nun mal die Mafia.» Wie recht de Gregorio damit hatte, zeigt sich jetzt. Denn die US-Justiz setzt im Verfahren gegen führende Fifa-Funktionäre auf das Anti-Mafia-Gesetz. Das geht aus dem in dieser Woche veröffentlichten Geständnis des ehemaligen Exekutivkomiteemitglieds Chuck Blazer hervor. Der Amerikaner ist Kronzeuge im Fifa-Verfahren. «Die Anschuldigungen bezeichnen die Fifa als Rico-Unternehmen», so der Richter während der Vernehmung. Rico steht für Racketeering Influenced Corrupt Organization, was auf Deutsch so viel bedeutet wie kriminelle Vereinigung des organisierten Verbrechens.

Regierung zielt auf Funktionäre

Das Rico-Gesetz wurde in den Siebzigerjahren erlassen, um gegen die amerikanische Mafia, die Cosa Nostra, vorzugehen. Allerdings zielt die Anklage noch nicht auf den Weltfussballverband selbst. Rechtsprofessor Peter J. Henning von der amerikanischen Wayne State University geht davon aus, dass dies so bleibt. Eine Strafverfolgung von Unternehmen oder Organisationen aufgrund des Anti-Mafia-Gesetzes sei zwar möglich, aber unüblich. «Das Justizministerium hätte keinen Vorteil davon, die Fifa anzuklagen», sagt er. Eine Anklage wäre zudem gleichbedeutend mit dem Ende der Fifa – und die Regierung wolle dem Fussball wahrscheinlich nicht noch mehr Schaden zufügen als ohnehin schon. «Die Regierung will die Fifa nicht zerschlagen, ich denke vielmehr, sie zielt auf einzelne Funktionäre – möglicherweise auch auf Herrn Blatter», so Henning.

Rico erlaubt Zugriff auf Bosse

Nach Blatters überraschendem Rücktritt am Dienstag hatten US-Medien wie die in der Fifa-Affäre gut informierte «New York Times» gemeldet, dass im Zusammenhang mit dem Korruptionsskandal auch gegen Blatter ermittelt werde. Eine offizielle Bestätigung fehlt bis heute, aber mit dem Rico-Gesetz verdichten sich zumindest die Hinweise darauf. Die Idee hinter dem Anti-Mafia-Gesetz ist, alle einzelnen Verbrechen in einem einzigen Verfahren zu bündeln, was den Anklägern erlaubt, auch die Bosse vor Gericht zu bringen, selbst wenn diesen keine eigenhändig begangenen Verbrechen nachgewiesen werden können. Das bestätigt der ehemalige Tessiner Staatsanwalt und Mafia-Jäger Paolo Bernasconi: «Rico ist das typische und erprobte US-Werkzeug in einem solchen Fall. Wenn es nur ungenügende Beweise für eine bestimmte Straftat wie Geldwäscherei gibt, greift die US-Justiz gern zum Vorwurf der Beteiligung an einer kriminellen Organisation.» Diese Strategie war erfolgreich: 1980 wurde mit Frank Tieri, einem Vorbild für die Figur des Don Vito Corleone im Roman «Der Pate», der erste Cosa-Nostra-Boss auf Basis des Rico-Gesetzes zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt. Weitere, zum Teil mit drakonischen Strafen, folgten.

Es drohen Schadenersatzklagen

US-Jurist Henning geht davon aus, dass auch den Angeklagten (bislang sind es vierzehn Personen) im Fifa-Fall bei einer Verurteilung Haftstrafen zwischen 5 und 10 Jahren drohen. Zudem lauern weitere Gefahren. Geschädigte – im vorliegenden Fall etwa Länder wie Grossbritannien, die bei der Wahl der Austragungsorte der Fussballweltmeisterschaften unterlagen – könnten in Zivilprozessen auf Schadenersatz klagen. Gab es zuvor eine Rico-Verurteilung, würde die Schadenssumme automatisch verdreifacht. Da stünden gigantische Zahlungen an.

Am Fifa-Hauptsitz in Zürich fürchtet man gemäss mehreren Quellen vor allem, dass die US-Behörden Sponsoren nach einem Rico-Urteil verbieten könnten, weiterhin mit der Fifa zu geschäften. Hier gibt Henning aber Entwarnung: «Es würde selbst im Fall einer Verurteilung keine Restriktionen geben, denn sowohl Coca-Cola, Visa und die anderen Sponsoren sind, wie die Fifa, private Unternehmungen.» Er glaubt, die grössere Sorge für die Fifa sei, dass sich noch mehr Funktionäre einer Strafverfolgung ausgesetzt sehen könnten, weil sie die Organisation benutzt haben, Geld in die eigenen Taschen zu wirtschaften.

Bereits grosser Schaden entstanden

Keinen Zweifel hat Henning daran, dass die US-Justiz einiges in der Hand haben muss, wenn sie das Anti-Mafia-Gesetz heranzieht. «Eine Rico-Anklage ist sehr schwer zu beweisen», sagt er. «Nur sehr starke Beweise sind eine gute Basis dafür.» Selbst wenn es nicht zu einer Verurteilung kommen sollte – der Image-Schaden sei allein mit der Anklage riesig: «Die Bezeichnung «kriminelle Vereinigung» ist sehr mächtig und hat der Fifa bereits tief greifenden Schaden zugefügt.»

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