KAMPFJET: «22 Gripen haben einen höheren Kampfwert als 54 Tiger»

Das VBS lässt die Aussagen einer Studie nicht gelten, der Kauf des Gripen bringe wenig. Der Vizechef der Luftwaffe nimmt Stellung.

Interview Léa Werthiemer Interview Léa Werthiemer
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Saab-Kampfflieger Gripen bei Trainingsflug. (Bild: PD)

Saab-Kampfflieger Gripen bei Trainingsflug. (Bild: PD)

Bernhard Müller, eine Studie des Forums für Aussenpolitik kommt zum Schluss, dass die Beschaffung des Gripen die Neutralität der Schweiz nicht stärken kann. Ein Grund zum Verzicht darauf?

Bernhard Müller*: Keinesfalls! Die neutralitätsrechtliche Diskussion greift viel zu kurz. Unsere Kampfflugzeuge dienen verschiedenen Aufgaben, ausgehend vom täglichen Luftpolizeidienst zum verstärkten Luftpolizeidienst im Rahmen eines Konferenzschutzes wie etwa am WEF bis zur Wahrung der Lufthoheit in einer Krise oder im Krieg.

Die Studie sagt, dass durch den Kauf der 22 Gripen die Durchhaltefähigkeit verringert würde. Wie sehen Sie das?

Müller: Wenn man nur die Zahlen vergleicht, also 54 Tiger F-5 mit nur 22 Gripen, könnte man zu diesem Schluss gelangen. Der Gripen ist allerdings viel moderner und leistungsfähiger, sodass diese 22 Gripen einen viel höheren Kampfwert als die 54 Tiger darstellen. Dank der Allwettertauglichkeit und der wartungsarmen Konzeption des Flugzeuges steigt die Durchhaltefähigkeit der Luftwaffe an. Im Übrigen erreichen die Tiger das Ende ihrer Einsatzfähigkeit. Studien haben gezeigt, dass sich die Aufrüstung dieser Flugzeuge nicht mehr lohnt. Sie gar nicht zu ersetzen, verringert die Durchhaltefähigkeit massiv!

Reichen die 33 F/A-18 zur Sicherung des Luftraums nicht?

Müller: Sie reichen für den täglichen Luftpolizeidienst sowie für den Konferenzschutz für 1 bis 2 Wochen, so wie etwa am WEF. Kommt es zu einer längeren Krise, reichen sie bei weitem nicht mehr.

Die Studie besagt, dass die Gripen-Beschaffung ohne wesentlichen Mehrwert und neutralitätstechnisch nicht notwendig ist. Was sagen Sie dazu?

Müller: Es gibt keine Konventionen oder Verträge, die den Ländern vorschreiben, mit welchen Mitteln sie die Wahrung der Lufthoheit durchsetzen sollen. Somit kann die Schweiz im Rahmen der Rüstungsbeschaffung selber entscheiden, wie die Prioritäten zu setzen sind. Im Masterplan der Armee wird aufgezeigt, welche Fähigkeitslücken zu schliessen sind. Der Bundesrat hat bereits 2007 der Armee den Auftrag erteilt, einen Nachfolger für den Tiger zu beschaffen. Dabei geht es primär um die Verstärkung der Wahrung der Lufthoheit.

Inwiefern trägt die Luftwaffe heute zur Sicherung der Neutralität bei?

Müller: Die Luftwaffe gibt gegenüber allen andern Nutzern des schweizerischen Luftraums klar zu verstehen, dass die geltenden Regeln einzuhalten sind. Dazu gehört auch die Sicherung der Neutralität im Bedarfsfall.

Gab es in der Vergangenheit Situationen, in welchen die Schweiz wegen eines Konfliktes beschloss, den Luftraum aus Neutralitätsgründen zu schliessen?

Müller: Ja, beispielsweise während der Irak-Kriege und des Kosovo-Kriegs für bewaffnete Flugzeuge der beteiligten Staaten.

Finden Neutralitätsverletzungen im Schweizer Luftraum statt?

Müller: Aktuell sind mir keine bekannt. Die Schweiz hat sowohl während der Libyen- wie der Mali-Krise den beteiligten europäischen Staaten aufgrund des UNO-Mandates den freien Überflug gewährt. Hingegen wurde der Luftraum für Einflüge von Flugzeugen der Familie Gha­dhafi gesperrt. Die Schweiz führt auch eine lange Liste von Fluggesellschaften, denen der Ein- und Überflug der Schweiz aus Sicherheitsgründen verwehrt ist.

Hinweis

* Bernhard Müller (56) ist stellvertretender Kommandant der Schweizer Luftwaffe.

Eine ausreichend ausgerüstete Armee

kä. Das Neutralitätsrecht ist im Haager Abkommen von 1907 festgeschrieben. Der unverrückbare Grundgedanke ist die Nichtteilnahme an bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen zwei Staaten. Neutrale Staaten haben die Pflicht, ihr Land mit einer ausreichend ausgerüsteten Armee gegen Angriffe zu verteidigen und die territoriale Unversehrtheit sicherzustellen. Neutrale Länder haben auch Rechte. Krieg führende Staaten dürfen sie nicht angreifen. Fremden Armeen ist es zudem verboten, neutralen Boden für Munitions- oder Truppentransporte zu benutzen. Die Schweiz ist dauerhaft neutral. Sie verpflichtet sich, sich bei allen kommenden Konflikten – egal, wer die Kriegsparteien sind – neutral zu bleiben.