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Interview

Karin Keller-Sutter: «Ich will mich nicht aufs Geschlecht reduzieren lassen»

FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter kandidiert für den Bundesrat. Die 54-Jährige spricht über ihre Ambitionen, ihre Kritiker und ihre Mentalität.
Fabian Fellmann
«Ich kann mit allen Leuten irgendwie reden», sagt Karin Keller-Sutter. (Bild: Keystone)

«Ich kann mit allen Leuten irgendwie reden», sagt Karin Keller-Sutter. (Bild: Keystone)

Sie haben sich Zeit genommen, Ihre Kandidatur zu überdenken. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Ich konnte mir ehrlich nicht mehr vorstellen, mich nach 2010 noch einmal zur Verfügung zu stellen. Aber es war ein Prozess nach dem Rücktritt von Didier Burkhalter, als mir einige Fraktionskollegen sagten, sie würden auf mich zählen. Nun bin ich zum Schluss gekommen, dass ich mich zur Verfügung stelle. Erstens habe ich in den letzten sieben Jahren im Ständerat sehr viel Erfahrung gesammelt in der Bundespolitik und der Privatwirtschaft, ich konnte mein Profil erweitern und habe dazugelernt. Und zweitens haben mir in der vergangenen Woche viele Ständeräte mir ihre Unterstützung zugesichert. Auch von der Parteispitze wurde der Wunsch an mich herangetragen, zu kandidieren.

Für alle anderen waren Sie schon lange die Topfavoritin. War die Bedenkzeit nur Formsache?

Die Favoritenrolle ist nicht in meinem Interesse. Wissen Sie: Wenn man über Sie schreibt und spekuliert, dann lesen Sie das in der Zeitung und blättern weiter. Aber wenn es wirklich so weit ist, ändert sich die Situation. Dann muss man hinstehen und einen Entscheid fällen, mit allen Konsequenzen. Das ist nicht so einfach. Und man muss sich auf zwei Szenarien vorbereiten: Man wird gewählt oder man wird nicht gewählt. Auch für den Fall meiner Wahl habe ich grössten Respekt vor der Aufgabe.

Ihnen wird nachgesagt, Sie würden nur antreten, wenn Sie sicher sind, gewählt zu werden. Sind Sie das?

Nein. Wenn dem so wäre, würde ich nicht kandidieren – denn sicher ist meine Wahl nicht. Ich spüre einen grossen Rückhalt in der Fraktion. Aber die Wahl ist erst am Schluss eines Prozesses: Zuerst kommt jetzt die Nomination durch die Kantonalpartei. Dann entscheidet die Fraktion, wen sie nominiert und auf welchem Ticket. Das wird grossen Einfluss haben auf allfällige Wahlchancen.

Sie gelten als starke Kandidatin. Wer soll gegen Sie antreten?

Ich hoffe sehr, dass sich noch andere Fraktionsmitglieder melden. Die FDP hat ein breites Feld an guten National- und Ständeräten. Ein Wettbewerb ermöglicht eine Diskussion über das politische Profil der Kandidaten.

Was würde es für Sie bedeuten, die erste FDP-Bundesrätin seit Elisabeth Kopp zu werden?

Ich spüre, dass der Wunsch nach einer Frau in der FDP sehr stark ist, in unserer Basis und in unserer Fraktion. Aber ich will mich nicht aufs Geschlecht reduzieren lassen. Ich habe Erfahrung als Regierungsrätin, als Ständerätin, als Ratspräsidentin, in der Privatwirtschaft und im Verbandswesen. Den Ausschlag geben wird eine Mischung dieser Faktoren.

Ein Faktor ist die Region: Sie würden die Ostschweizer Interessen in Bern einbringen. Was heisst das für Sie?

Auch die Frage der Regionen ist nicht das allein entscheidende Kriterium. Laut Bundesverfassung müssen sie im Bundesrat angemessen berücksichtigt sein. Aber ein Bundesratsmitglied vertritt nicht einfach die Interessen einer Region, sondern des gesamten Landes. Aber der Zugang zur Landesregierung wird vielleicht einfacher, auch der emotionale Teil, dass sich die Regionen vertreten fühlen. Und schliesslich gibt es in der Deutschschweiz sehr unterschiedliche Mentalitäten.

Was brächten Sie an typisch ostschweizerischer Mentalität mit?

Ich bin vielleicht auch etwas eine brötige St. Gallerin. Wir sind halt etwas nüchtern, aber sehr zugänglich, wenn man uns kennt. Ich zitiere jeweils den ehemaligen St. Galler Regierungsrat und Ständerat Ernst Rüesch: «Die St. Galler sind wie eine Flasche Ketchup. Man muss lange schütteln, bis etwas rauskommt, aber wenn es kommt, schüttet der St. Galler seine ganze Seele aus.»

Sie werden beschrieben als berechnend und kühl. Was löst es bei Ihnen aus, das über sich selbst zu lesen?

Ich höre das nicht von Leuten, die mich kennen. Aber ich nehme das zur Kenntnis, es darf mich nicht irritieren. Manchmal sind das einfach nur Zuschreibungen, mit denen man leben muss. Das St. Galler Volk hat mich mehrfach in die Regierung und den Ständerat gewählt und hat mich offensichtlich von einer anderen Seite kennen gelernt.

Die Angriffe auf Sie werden zu­nehmen, wenn Sie jetzt kandidieren. Sind Sie bereit dafür?

Wenn man sich für eine Kandidatur entscheidet, weiss man, dass jetzt nicht die einfachste Zeit des Lebens wartet. Umso wichtiger ist es, dass man Rückhalt spürt, man hat Freunde, man hat eine Familie, man hat einen Mann. Aber den Druck muss man aushalten können. Bundesräte werden nicht mit Samthandschuhen angefasst. Und das Amt ist allumfassend, wie mein Ständeratskollege An­drea Caroni sagte. Man stellt sich voll in den Dienst des Landes, und man stellt sich voll in den Dienst dieses Mandats.

Die Transparenzanforderungen sind gestiegen. Sind Sie bereit, Ihre Steuererklärung offenzulegen?

Kein Problem habe ich damit, wenn meine Partei Belege dafür will, dass ich meine Steuern bezahlt habe. Ich bin aber nicht bereit, in der Öffentlichkeit mein Einkommen offenzulegen, weil es aus der Privatwirtschaft stammt und ich keinen Zusammenhang für die Eignung für das Amt einer Bundesrätin sehe.

Ihre Partei will die Kandidaten mit Road-Shows als Wahllokomotiven nutzen. Reichen Sie dazu Hand?

Ich habe Verständnis dafür, dass die Partei ihrer Basis die Personen vorstellen will, die sich zur Verfügung stellen. Aber einmal im Amt, muss ein Bundesratsmitglied eine andere Rolle einnehmen: Ein Bundesrat ist kein Wahlkämpfer.

Laut Bundesrätin Doris Leuthard braucht es Magistraten, die von ihrer Partei unabhängig sind. Gerade die FDP sucht aber Bundesräte mit enger Parteibindung. Wie wollen Sie diese Gratwanderung bewältigen?

Es braucht eine Mischung von Nähe und Distanz. Ich habe selbst 12 Jahre Exekutiverfahrung und weiss, was das bedeutet. Bundesräte müssen in der Fraktion gut verankert sein. Darauf ist der Bundesrat angewiesen, damit seine Vorlagen Mehrheiten finden. Aber ein Bundesratsmitglied muss das Gesamtinteresse natürlich vor das Parteiinteresse stellen.

Sie gelten als Kompromissbeschafferin, etwa beim AHV-Steuer-Paket. Damit setzen Sie sich aber auch Kritik aus. Wie gehen Sie mit solchen Widersprüchen um?

Ich habe damit keine Mühe. Ich habe ­einen klar liberalen Kompass. Nur wenn die eigene innere Mitte gefestigt ist, kann man auch kompromissbereit sein. Lösungen zu suchen und zu finden, die Gespräche zu führen, das ist für mich die eigentliche Herausforderung und das Spannende an der Politik.

Das AHV-Steuer-Paket ist ein Sinnbild für Ihre Politik: Sie wurden von der rechten Asylhardlinerin zur Brückenbauerin.

Mein Profil hat sich nicht verändert, ich bin eine Mitte-rechts-Politikerin. Ich erhielt vorher einfach ein Etikett wegen meiner Rolle als St. Galler Justizdirektorin. Wäre ich als Regierungsrätin nicht kompromissbereit gewesen, hätte ich meine Vorlagen nicht durchgebracht.

2010 haben die Linken Sie nicht gewählt, diesmal müssen Sie die SVP überzeugen. Wie?

Im Ständerat haben mich auch Kollegen von der SVP zu einer Kandidatur ermutigt. Die kennen mich als verlässliche Partnerin, zum Beispiel bei der Altersvorsorge 2020, als ich hart kämpfte gegen das Paket, das damals von Mitte-links geschnürt worden war.

Gibt es ein Departement, in dem Sie sich besonders gerne sähen?

Nein. Als ich Regierungsrätin wurde, rechnete niemand damit, dass ich Justiz- und Polizeidirektorin würde, und meine Begeisterung hielt sich anfänglich in Grenzen. Aber man kann sich überall einarbeiten, und dann bekommt man auch Freude. Wenn man sich zu einer Bundesratskandidatur bereit erklärt, bewirbt man sich um einen Sitz in der Landesregierung und nicht um ein Departement. Es braucht mehr Bundesräte und weniger Departementschefs. In einem Gremium wie dem Bundesrat ist eine vertiefte politische Auseinandersetzung vor allem in wichtigen Fragen nötig.

Welches sind Ihre Stärken?

Ich bin entscheidungsfreudig, kann Widerstand aushalten und weiss zu überzeugen. Und ich kann auf andere zugehen und mit allen Leuten irgendwie reden. Das habe ich wohl gelernt, weil ich in einem Restaurant aufgewachsen bin.

Und was sind Ihre Schwächen?

Die Schwächen sind nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass man sich kennt und sich selbst führen kann. Beim Führungsverhalten habe ich gelernt zu erkennen, wann ich an eine Grenze stosse oder in ein Fahrwasser gerate, in dem ich mich korrigieren muss, oder Unterstützung und Rat eines Kollegen brauche.

Woher kommt Ihr Antrieb, sich selbst zu führen?

Das ist die Entwicklung einer Person, das ist Lebenserfahrung. Ich bin 54, ich habe privat, politisch und beruflich viel erlebt, auch schwierige Situationen, meine Fehlgeburten, den Tod meiner Eltern. Wenn Sie den Tod erlebt haben, haben Sie einfach ein anderes Koordinatensystem. Sie gewichten anders im Leben, was wirklich wichtig ist. Und man hat dennoch die Gewissheit, dass es immer wieder irgendwie weiter geht, vielleicht halt nicht so, wie man es wollte, aber man muss das Positive darin finden. Diese Erfahrungen haben mir eine innere Stärke gegeben.

Andere würden sich aber gegen das Amt entscheiden und ihr Leben geniessen. Warum entscheiden Sie anders?

Das ist eine gute Frage, das habe ich mir auch überlegt. Einige Kollegen fragten mich, warum ich mir das antun wolle, ich habe es doch so schön. Andere sagten mir, ich solle kandidieren, ich hätte die Kraft. Ich habe mir dann gesagt, ich könne nun nicht einfach so egoistisch sein. Der Preis für das Amt ist hoch. Aber es ist auch interessant, man kann etwas mitgestalten, man kann etwas mitprägen. Und ich bin jetzt in der Phase, in der ich sagen kann, dass ich die Zeit, die ich noch habe, jetzt in das Amt investieren kann.

Wo holen Sie Luft, wenn Sie eine Verschnaufpause brauchen?

Die Natur ist mir wichtig. Ich stehe früh auf und gehe raus, das ist die Zeit, die ich für mich habe, die ist ruhig, es ist niemand auf, es redet niemand. Und natürlich habe ich auch meine Familie und Freunde. Ich bin gesellig und habe es gern lustig. Das ist wichtig für mich, aufgehoben zu sein in der Familie, einen geschützten Raum zu haben. Und ich habe grosse Freude an meiner Tätigkeit in der Politik – das hilft ebenfalls.

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