KATHOLISCHE KIRCHE: Bistümer vermelden mehr nichtige Ehen

Papst Franziskus hat das Verfahren verschlankt: Eine Ehe für nichtig zu erklären, ist einfacher geworden. Prompt rufen in der Schweiz mehr Katholiken Kirchengerichte an. Ein Experte warnt vor Missbrauch.

Kari Kälin
Drucken
Teilen
Unter gewissen Umständen dürfen Christen ein zweites Mal kirchlich heiraten. (Symbolbild) (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Unter gewissen Umständen dürfen Christen ein zweites Mal kirchlich heiraten. (Symbolbild) (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Kari Kälin

 

Zerbrochenes Eheglück – das ist in der Schweiz gang und gäbe. 2015 wurden 16 960 zivile Ehen geschieden. «Katholische Scheidungen» hingegen gibt es nicht. Gemäss kirchlichem Recht ist ein vor Gott geschlossener Bund fürs Leben unauflöslich; er wird erst durch den Tod geschieden.

Unter gewissen Umständen können indes auch getaufte Christen ein zweites Mal kirchlich heiraten – zum Beispiel dann, wenn ein Kirchengericht eine Ehe für nichtig erklärt. Ein Nichtigkeitsurteil bedeutet, dass die Ehe zum Zeitpunkt der Schliessung gar nicht bestanden hat. Dafür gibt es diverse Gründe, etwa beabsichtigte Untreue von allem Anfang an (siehe Kasten unten).

Am meisten Urteile in der Westschweiz

Im diesem Jahr wurden in der Schweiz 66 Ehen für nichtig erklärt. Das sind so viele wie nie in den letzten zehn Jahren. Zwischen 2005 und 2015 wurden durchschnittlich nur 42 Ehen für nichtig erklärt. Am meisten Ehenichtigkeitsurteile fällte das Kirchengericht im Bistum Lausanne-Genf-Freiburg (28), gefolgt von Lugano (16), Chur (13), St. Gallen (5) und Basel (2). Das Bistum Sitten machte keine Angaben, es war über die Festtage nicht erreichbar. Sämtliche Bistümer berichten über eine steigende Nachfrage für Ehenichtigkeitsprozesse. So hat in diesem Jahr allein das Bistum Chur 21 neue Verfahren eröffnet.

Für die Zunahme von Ehenichtigkeitsurteilen und -begehren ist Papst Franziskus verantwortlich. Am 8. Dezember 2015 hat er neue Regeln in Kraft gesetzt, die das Verfahren vereinfachen und beschleunigen. Die wichtigste Änderung: Ein Urteil, welches das Kirchengericht in einem Bistum fällt, wird nicht mehr zwingend einer zweiten Instanz unterbreitet. Eine Rekursinstanz kommt nur noch ins Spiel, wenn eine Partei oder einEhebandverteidiger das Verdikt nicht akzeptiert. Ein Ehebandverteidiger ist quasi der Anwalt der Kirche, der nach Gründen sucht, um die kirchliche Ehe zu retten.

Die Berufungsinstanz wird fast arbeitslos

Das Interdiözesane Schweizerische Kirchliche Gericht (ISKG), ein Gremium der Schweizer Bischofskonferenz, ist durch das beschleunigte Verfahren fast arbeitslos geworden. 2016 hatte die Berufungsinstanz nur noch 4 Fälle zu beurteilen. Noch 2015 waren es 40, zwischen 2005 und 2015 insgesamt 497. In 93 Prozent bestätigte das ISKG das Verdikt der Vorinstanz. Dort wirkt Niklaus Herzog als Ehebandverteidiger. Der Jurist und Theologe mit Schwerpunkt Kirchenrecht kritisiert die päpstlichen Neuerungen. Er befürchtet, dass damit der Glaubenssatz der Unauflöslichkeit der Ehe ausgehöhlt und eine «Scheidung» durch die Hintertür eingeführt wird.

«Der Verzicht auf eine zweite obligatorische Instanz führt unweigerlich zu einem Verlust an Rechtssicherheit, Rechtsgleichheit und Urteilsqualität», sagt Herzog. Seine jahrelange Erfahrung sage ihm, dass nicht alle Bistümer über ausreichend qualifiziertes Fachpersonal verfügten und materiell unterschiedliche Urteile fällten. Das ISKG hingegen habe in der Schweiz eine einheitliche und gesetzeskonforme Gerichtspraxis sichergestellt.

Bistümer erteilen Franziskus gute Noten

In einer weiteren Änderung ortete Herzog Missbrauchpotenzial. Faktisch kann ein Partner neuerdings in einem beliebigen Bistum einen Ehenichtigkeitsprozess anstrengen. «Es lässt sich einfach ausmalen, dass Ehenichtigkeitsklagen künftig bei jenem Diözesangericht eingereicht werden, wo man am schnellsten und einfachsten ein Nichtigkeitsurteil erhält», sagt Herzog.

Papst Franziskus verspricht sich vom neuen Verfahren derweil klarere und einfachere Verfahren. Es gehe ihm keinesfalls darum, die Ehenichtigkeit zu fördern. Entsprechend hat er die Bischöfe dazu aufgerufen, die Zügel nicht schleifen zu lassen. Anders als Niklaus Herzog erteilen die Schweizer Bistümer der Reform gute Noten. Die neue Regelung ermögliche es, die Verfahren speditiv abzuwickeln, sagt Joseph M. Bonnemain, Bischofsvikar und Kirchenrichter im Bistum Chur. «Es ist erfreulich und gut, dass in Fällen, in denen die Lage von Anfang an sehr eindeutig ist, die Entscheidung in kürzester Zeit gefällt werden kann», so Bonnemain. Wer mit dem Urteil nicht zufrieden sei, könne immer noch Berufung einlegen.

«Befürchtungen bis heute nicht bestätigt»

Auch das Bistum St. Gallen betrachtet die kürzere Prozessdauer als Vorteil, wie Claudius Luterbacher, Leiter der Bischofskanzlei, sagt. Mehr Gewicht erhalten haben mit den neuen Bestimmungen die Aussagen der Ehepartner. Der Papst vertraue hier auf die Wahrhaftigkeit der Parteien, sagt er. Und: «Die Befürchtung einiger Gerichte, dass es einfacher wird, über Falschaussagen zu einer Nichtigkeitserklärung zu kommen, sehen wir bis heute nicht bestätigt.» Wie Niklaus Her­zog argumentiert Günter Assen­macher, der unter anderem das Gericht des Erzbistums Köln leitet. Assenmacher befürchtet einen «merklichen Verlust für die Qualität der Rechtsprechung», wie er kürzlich an einem Vortrag der Universität Augsburg sagte. Etliche Urteile seien bis jetzt in zweiter Instanz nicht einfach bestätigt worden. 2015 zum Beispiel annullierte in Deutschland die Berufungsinstanz immerhin knapp 5 Prozent der erstinstanzlichen Ehenichtigkeitserklärungen.