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KATHOLISCHE KIRCHE: «Mir fehlt ein klares Zeichen von Rom»

Der Abt des Klosters Engelberg übt Kritik am Vorgehen des Bistums Chur im Fall des Bürgler Pfarrers. Und er hofft, dass der Botschafter des Heiligen Stuhls, der Apostolische Nuntius, aktiv wird.
Interview Eva Novak
Abt Christian: «Mein Gott, wie oft hätte schon der Bischof von Chur abgesetzt werden müssen, weil er mit seinen Hirtenbriefen oder unverständlichen Personalentscheiden Ärgernis erregt hat – in der ganzen Schweiz ebenso wie im Ausland!» (Bild Manuela Jans)

Abt Christian: «Mein Gott, wie oft hätte schon der Bischof von Chur abgesetzt werden müssen, weil er mit seinen Hirtenbriefen oder unverständlichen Personalentscheiden Ärgernis erregt hat – in der ganzen Schweiz ebenso wie im Ausland!» (Bild Manuela Jans)

Abt Christian, würden Sie einem homosexuellen Paar den Segen erteilen?

Abt Christian: Diese Frage erinnert mich an eine Stelle im Johannes-Evangelium. Die Pharisäer bringen Jesus eine Frau, die gerade beim Ehebruch ertappt worden ist, und fragen: Sollen wir sie steinigen, wie es das Gesetz will? Jesus weiss: Wenn er Ja sagt, enttäuscht er jene, die in ihm eine neue Hoffnung sehen. Und wenn er Nein sagt, muss er mit dem Vorwurf leben, sich nicht an das göttliche Gesetz zu halten. Also gibt er keine direkte Antwort und sagt: Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. In dieser Situation bin ich jetzt auch. Wenn ich die Frage bejahe, bekomme ich es mit den Konservativen zu tun. Und wenn ich sie verneine, enttäusche ich alle lesbischen und schwulen Menschen.

Können Sie trotzdem sagen, was Sie tun würden?

Abt Christian: Ich bin Seelsorger, Priester. Als solcher würde ich mich mit dem Paar an einen Tisch setzen, mit ihnen sprechen und spüren, wie tief der Wunsch religiös begründet ist. Dann würde ich entscheiden.

Pfarrer Wendelin Bucheli hat in Bürglen entschieden, einem lesbischen Paar den Segen zu erteilen. Hat er richtig gehandelt?

Abt Christian: Für mich hat er insofern richtig gehandelt, als er das Seelenheil über das buchstabengetreue Kirchengesetz gestellt und den beiden Frauen den Segen für ihren gemeinsamen Weg gespendet hat – nachdem er, wie ich annehme, erkannt hatte, dass die Bitte um den Segen aus einem religiösen Bedürfnis heraus entsprungen war.

Homosexuelle Einzelpersonen dürfen laut Kirchenrecht gesegnet werden, Paare aber nicht. Solche Vorschriften muten etwas seltsam an.

Abt Christian: Vor allem gehen sie in der Praxis einfach nicht auf. Wenn man nur das Gesetz strikt auslegt und den Menschen mit seinem Glauben dahinter nicht sehen will, müsste man eigentlich verlangen, dass am Sonntag im Gottesdienst viele Menschen vor dem Schlusssegen die Kirche verlassen müssten – weil sie nämlich den Segen in der Gemeinschaft nicht empfangen dürften. Das geht natürlich nicht, schon nur wegen der Bedeutung des Segens.

Inwiefern?

Abt Christian: Segnen heisst auf lateinisch benedicere, was wörtlich übersetzt bedeutet, ein gutes Wort zu sagen. Wenn ich Menschen segne, lege ich ein gutes Wort für sie ein, stelle sie in ein gutes Umfeld und versuche, sie aufzustellen. Wir alle segnen im Alltag, wenn auch meist unbewusst. «Alles Gute zum Geburtstag» zum Beispiel ist nichts anderes als eine Segnung.

Trotzdem möchte die Kirche gewissen Menschengruppen diese Möglichkeit verweigern?

Abt Christian: Der Segen ist für die Menschen da. Man soll ihn erteilen, denn er soll das Gute hervorbringen. Als Pfarrer und Seelsorger jemandem einfach so den Segen zu verweigern, käme einer Verletzung des Seelenheils gleich. In meiner Arbeit als Seelsorger ist mir dies zum Glück noch nie begegnet.

Hat der für Pfarrer Bucheli zuständige Bischof von Chur überreagiert?

Abt Christian: Für mich zählt das seelsorgerische Fingerspitzengefühl, das in diesem Fall überhaupt nicht zum Tragen kam. Da geht es nur um Buchstaben und Paragraphen, aber nicht um das Seelenheil.

Jetzt will man den Pfarrer aus dem Urnerland abziehen. Hat man Angst, sein Beispiel könnte Schule machen?

Abt Christian: Vielleicht soll er als abschreckendes Beispiel dienen für Seelsorger, welche die Segnung homosexueller Paare schon praktizieren oder für Seelsorger, an die solche Anfragen in Zukunft herangetragen werden.

Gibt es viele Priester, die solche Segen erteilen?

Abt Christian: Ich bin überzeugt, dass es viele gibt, die es schon getan und aus dem seelsorgerischen Gespräch mit den betroffenen Menschen heraus den Segen erteilt haben. Häufig handelt es sich bei homosexuellen Männern und Frauen ja um Menschen, die in unserer Kirche aktiv mitmachen und eine wirkliche Verbindung haben zum Glauben. Auch ich bin schon mehrmals als Pfarrer in solchen Situationen gestanden und habe mich mit diesen Suchenden auf den Weg gemacht und mit ihnen den Abschluss dieses Weges in einer Feier begangen. Es war ja kein Gag, sondern Seelsorge. Pfarrer Wendelin Bucheli wird gespürt haben, dass die beiden Frauen das religiöse Bedürfnis hatten, und dann auch gehandelt haben. So habe ich es zumindest den Medien entnommen.

Sie stammen ursprünglich aus Basel, wo das Bistum viel toleranter ist als jenes von Chur. Wäre nicht eine einheitliche, klare Linie angebracht?

Abt Christian: Eine einheitliche Linie hat es in der römisch-katholischen Kirche noch nie gegeben. In der ganzen Kirchengeschichte hatten wir immer ein sehr farbenfrohes, differenziertes Bild. Diese Vielfarbigkeit spürt man auch in der Schweiz von Bistum zu Bistum. Je nach Bischof und seiner inneren Überzeugung zu Gott ergibt sich allerdings eher ein Schwarz-Weiss-Bild, anstelle einer farbenfrohen und lebendigen Kirche, die sich zu den Menschen gesellt und sie begleitet.

Was jetzt dazu führt, dass ein Pfarrer strafversetzt werden soll, weil er an den falschen Bischof geraten ist. Braucht es da keine Klärung von Rom?

Abt Christian: Jetzt sollte in der Tat der päpstliche Nuntius einschreiten, anders gesagt den Vorfall zumindest klar und deutlich nach Rom melden. Er sollte nicht nur die kirchenrechtliche Sicht schildern, sondern auch die pastorale, die seelsorgerliche Sicht. Hier hat sich ein Seelsorger für Menschen eingesetzt, um sie religiös zu begleiten. Der Nuntius sollte auch unbedingt schildern, dass ein Seelsorger wie ein Fussball von einem Bischof zum anderen gespielt wird und umgekehrt. Und dies ist ebenso ein Verstoss gegen das Kirchenrecht, weil die Würde des Amtes und des Menschen nicht beachtet werden. Weiter müsste der Nuntius auch die eher peinliche Begründung, die der Kommunikationsbeauftragte des Ordinariates gegenüber Medien aussprach, nach Rom melden.

Welche Begründung?

Abt Christian: Dieser sagte, die Segnung der beiden lesbischen Frauen habe bis über die Landesgrenzen hinaus Aufsehen erregt und man jetzt handeln müsse. Da habe ich für mich laut gedacht und tue es jetzt halt wieder: Mein Gott, wie oft hätte schon der Bischof von Chur abgesetzt werden müssen, weil er mit seinen Hirtenbriefen oder unverständlichen Personalentscheiden Ärgernis erregt hat – in der ganzen Schweiz ebenso wie im Ausland!

Zumal im Vatikan ein Tauwetter anzubrechen scheint, wenn man an die Äusserungen von Papst Franziskus zu Homosexuellen denkt.

Abt Christian: Ja und Nein. Als der neue Papst gewählt worden ist, hatte ich in der «Neuen Luzerner Zeitung» geschrieben, dass ich von ihm als Minimum erwarte, dass er ein neues Klima und eine neue Umgangsform in unsere Kirche bringt, in dem man ohne Angst offen über verschiedene Dinge sprechen kann. Da sind wir, so glaube ich, auf einem guten Weg. Was mir aber noch fehlt, ist ein klares Zeichen von Rom: Ich wünschte mir eine klare Aussage, dass es Wege gibt, Homosexuelle zu segnen. Es gibt viele Wege, um die Mauern abzubauen, welche um homosexuelle Menschen aufgebaut wurden. Um Menschen wohlverstanden, von denen viele in unserer Kirche engagiert sind und durch solches Verhalten im Innersten verletzt werden.

Wäre die angedrohte Absetzung des Pfarrers von Bürglen eine gute Gelegenheit für Rom, um ein solches Zeichen für die Homosexuellen zu setzen?

Abt Christian: An sich ja, aber leider ist das für Rom – erlauben Sie bitte den Ausdruck – nur ein kleiner Fisch. Was mit dem Pfarrer von Bürglen passiert, ist Rom Wurst. Es wäre immerhin ein Zeichen, wenn es der Nuntius zumindest nach Rom meldet und danach vielleicht auch das Gespräch mit den Beteiligten sucht. Der Nuntius müsste auch merken, dass in den letzten Jahren aus Chur immer wieder Sachen gekommen sind, die dem religiösen Frieden im Bistum Chur und in der Schweiz und letztlich auch dem Glauben der kirchlichen Gemeinschaft nicht gut tun.

Pfarrer Bucheli will sich dem «Marschbefehl» aus Chur widersetzen. Was glauben Sie: Wird er damit erfolgreich sein, wie seinerzeit Franz Sabo, der Pfarrer von Röschenz, der nach einem Konflikt mit seinem Bischof sein Amt wieder ausüben kann?

Abt Christian: Dazu müssten Gespräche stattfinden, die es auch damals in Röschenz gegeben hat. In unserer Kirche ist es doch Tradition, miteinander «unter vier Augen zu sprechen». Es ist einfach nicht in Ordnung, dass man eine Medienmitteilung herausgibt, bevor die beiden beteiligten Bischöfe – neben jenem von Chur auch Pfarrer Wendelins «Heimatbischof» Charles Morerod – mit Pfarrer Wendelin an einem Tisch gesessen sind und alle miteinander gesprochen haben. Nun ist es höchste Zeit, dass es zu gemeinsamen Gesprächen kommt. Denn so darf es nicht weitergehen, sonst ist «Röschenz II» geboren.

Hinweis

Christian Meyer (48) ist seit November 2010 Abt des Klosters Engelberg. Zuvor war der Basler während 14 Jahren Pfarrer in Engelberg – ein überaus geschätzter und beliebter Seelsorger, wie unsere Zeitung bei seiner Wahl geschrieben hat.

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