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KATHOLISCHE KIRCHE: Nur wenige Opfer wollen Geld

Über 220 Opfer sexueller Übergriffe hatten sich bei den Schweizer Diözesen gemeldet. Doch Anträge auf Genugtuung wurden bis jetzt bloss rund 20 gestellt. Die Angst der Betroffenen vor Stigmatisierung ist ein Grund hierfür.
Balz Bruder
Die Bischofskonferenz führte im Dezember 2016 eine Buss- und Gedenkfeier für die Opfer sexueller Übergriffe durch. (Bild: Oliver Maire/KEY)

Die Bischofskonferenz führte im Dezember 2016 eine Buss- und Gedenkfeier für die Opfer sexueller Übergriffe durch. (Bild: Oliver Maire/KEY)

Balz Bruder

Der Vorgang hatte ebenso Auf­sehen wie Respekt ausgelöst. Anfang Dezember des vergangenen Jahres führte die Schweizerische Bischofskonferenz (SBK) eine Buss- und Gedenkfeier für die Opfer sexueller Übergriffe im kirchlichen Umfeld durch. Dabei stellte sie Zahlen vor, die aufhorchen liessen: Bis Ende 2015 hatten sich 223 Opfer bei den Diözesen gemeldet.

Die Fälle liegen mehrheitlich Jahrzehnte zurück und sind verjährt. Aus diesem Grund hat die SBK einen mit 500000 Franken dotierten Fonds geäufnet, aus dem Genugtuungsbeiträge für die Opfer verjährter sexueller Übergriffe gesprochen werden können. Beurteilt werden die ­Anträge von der sogenannten ­Genugtuungskommission. Diese wird von Rechtsanwältin Liliane Gross, der stellvertretenden Generalsekretärin der katholischen Kirche im Kanton Zürich, präsidiert. Der Kommission gehören Fachleute ebenso an wie Ver­treter der Diözesen, Orden und Staatskirchen.

Wie Gross unserer Zeitung gegenüber bestätigt, «sind bis heute rund 20 Anträge auf Genugtuungszahlung an die Kommission gestellt worden». Gut die Hälfte der Anträge sei bearbeitet und abgeschlossen worden – was je nachdem auch bedeuten kann, dass die Kommission aufgrund ihrer Prüfung keine Genug­tuungssumme ausgerichtet hat.

Höchstbetrag liegt bei 20000 Franken

Die bisher ausbezahlten Beträge liegen nach Aussage von Liliane Gross zwischen 5000 und 18000 Franken. Der Höchstbetrag, den die Genugtuungs­kommission ausrichten kann, liegt ­gemäss Geschäftsreglement bei 20000 Franken. Die Entscheide sind abschliessend und können nicht an höhere kirchliche oder staatskirchenrechtliche Instanzen weitergezogen werden. Die pendenten Anträge sollen laut Gross bis Frühherbst behandelt werden.

Dass es nicht bei den rund 20 Anträgen bleiben wird, ist gemäss Kommissionspräsidentin Gross anzunehmen. Sie bezieht sich dabei auf Ankündigungen aus verschiedenen Diözesen sowie der unabhängigen und neu­tralen Kommission Cecar, die sich mit Missbrauchsfällen in der Westschweiz befasst. Laut Joseph M. Bonnemain, Sekretär des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld», wird die ordentliche Versammlung der Bischofskonferenz im September die Statistik entgegennehmen.

Nach heutigem Stand der Dinge geht es um zehn Fälle in der Diözese Lausanne-Genf-­Fribourg, sieben in Chur, fünf in Basel sowie je zwei in Sitten und St. Gallen. Keine Fälle sind bisher aus der Diözese Lugano gemeldet worden. Gemäss Bonnemain ­beziehen sich die Meldungen schwerwiegender Übergriffe ausnahmslos auf Ereignisse, die vier oder fünf Jahrzehnte zurückliegen. «Die wenigen Meldungen von Übergriffen, die in den letzten Jahren stattfanden, bewegen sich alle im Bereich einer nicht professionellen Wahrnehmung von Nähe und Distanz, zwei­deutiger Äusserungen, Annä­herungsversuche oder ähnlich», sagt Bonnemain.

Hohe Fallzahlen, relativ wenig Anträge

Aufschlussreich dabei: So wie bei der Wiedergutmachung für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen oder von Fremdplatzierungen ist auch bei den Opfern von sexuellen Übergriffen im kirchlichen Umfeld festzustellen, dass die Fallzahlen zwar erheblich sind, gleichzeitig aber nur vergleichsweise wenige Opfer Anspruch auf den Solidaritätsbeitrag beziehungsweise die Genugtuung erheben. Stehen bei der katholischen Kirche derzeit rund 20 Gesuche gut 200 Meldungen gegenüber, sind es beim Bundesamt für Justiz rund 2500 Gesuche bei noch rund lebenden 20000 Opfern. Die Angst vor Stigmatisierung ebenso wie die Überzeugung, dass mit Geld nicht gutzumachen ist, was einst verbrochen wurde, sind Gründe für das Verhalten der Opfer. Dass es dabei Betroffene gibt, denen sowohl von kirchlicher als auch von weltlicher Seite Schaden zugefügt worden ist, muss angenommen werden.

Die Genugtuungskommission hat für solche Fälle vorgesorgt: «Bei Anträgen von Opfern, die zusätzlich Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen waren, zahlt die Kommission bei positivem Bescheid kumulativ einen Genugtuungsbeitrag aus – unabhängig von bereits zugesprochenen Beiträgen aus dem Soforthilfefonds.»

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