Kindesschutz
Kein neuer Verdingkindskandal: Kantone wollen Mitsprache der Kinder stärken

Das Risiko, dass die Rechte der Pflegekinder verletzt werden, sei nach wie vor hoch, sagen die Konferenz für Kindesschutz und die kantonalen Sozialdirektoren. Mit zahlreichen Empfehlungen wollen sie sicherstellen, dass den Anliegen der Kinder Rechnung getragen wird, wenn sie in einem Heim oder bei einer Pflegefamilie untergebracht werden.

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Heimkinder rüsten Bohnen in der Armenerziehungsanstalt «Dorneren».

Heimkinder rüsten Bohnen in der Armenerziehungsanstalt «Dorneren».

Walter Studer/Keystone (Wattenwil, Juli 1954

Die Eltern sind schwer suchtkrank, gewalttätig oder aus einem anderen Grund nicht in der Lage, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern: Rund 18'000 Kinder und Jugendliche leben in der Schweiz in einer Pflegefamilie oder einem Heim. In etwa einem Drittel der Fälle ordnet die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) die Fremdplatzierung an, bei zwei Dritteln vereinbaren das die Eltern quasi freiwillig – zum Beispiel, wenn sie selber zur Einsicht gelangen, dass sie mit der Erziehung überfordert sind. Aufwachsen im Heim oder einer Pflegefamilie anstatt im Schoss der eigenen Familie bedeutet für Kinder und Jugendliche ein einschneidendes Erlebnis. Die Uno-Kinderrechtskonvention gewährt ihnen ein Recht auf Anhörung. Ihre Meinung muss gemäss Alter und Reife berücksichtigt werden. Doch werden die Minderjährigen bei Fremdplatzierungen tatsächlich genügend eingebunden?

Das Risiko, dass die Rechte der Kinder und Jugendlichen verletzt werden, ist nach wie vor hoch.

Das schreiben die Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz (Kokes) und die Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren (Sodk) in einem am Freitag veröffentlichten Papier zur ausserfamiliären Unterbringung. Mit mehr als 40 Empfehlungen an die Kantone wollen sie sicherstellen, dass die betroffenen Kinder ihre Anliegen einbringen können – und zwar vor, während und nach der Platzierung. Eine zentrale Empfehlung lautet: Die Behörden sollen dafür sorgen, dass die Kinder und Jugendlichen ihre Mitbestimmungsmöglichkeiten auch tatsächlich ausschöpfen können. Damit soll verhindert werden, dass gewichtige Entscheide über deren Köpfe hinweg gefällt werden – und sie sich wehren können, wenn sie lieber beim Götti leben möchten, anstatt in ein Heim gesteckt zu werden.

Das bedeutet jedoch nicht, dass sich der Kindeswillen a priori durchsetzt. «Die Behörden müssen immer abwägen», sagt Sven Colijn vom kantonalen Jugendamt Bern. Manchmal sei es aus fachlicher Sicht besser, ein Kind in einem Heim anstatt bei Verwandten unterzubringen – zum Beispiel, falls sich bei der Eignungsabklärung durch die Behörden zeigt, dass diese nicht in der Lage sein werden, sich um ein Pflegekind zu kümmern. Klar ist: Die Kinder und Jugendlichen sollen sich nicht ausgeliefert und ohnmächtig fühlen. Denn die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können, «ist für das Wohlbefinden, die Gesundheit und die Entwicklung von zentraler Bedeutung», heisst es in den Empfehlungen.

Eine Person des Vertrauens

Ordnet die Kesb eine Platzierung an, erhalten die betroffenen Kinder in der Regel einen Beistand, für das Verfahren manchmal auch einen Anwalt. Bei den meisten vereinbarten Platzierungen stehen die Pflegekinder ohne Beistand da. Die Kokes und die Sodk fordern die Kantone jetzt dazu auf, ihnen zumindest in jedem Fall eine Person des Vertrauens zur Seite zu stellen, damit sie nicht auf sich allein gestellt sind. Das kann zum Beispiel ein Götti, der Lehrer, oder der Sporttrainer sein. Die Person des Vertrauens soll einzig die Perspektive des Kindes vertreten. An sie soll sich ein Pflegekind etwa wenden können, wenn es findet, die Pflegeeltern kürzten ihm zu Unrecht das Sackgeld, seien generell zu streng oder schimpften zu stark bei schlechten Schulnoten. «Es kann sein, dass die Kinder und Jugendlichen nicht weiterkommen, wenn sie solche Anliegen dem Beistand mitteilen», sagt Colijn. Die Person des Vertrauens soll eine niederschwellige Anlaufstelle sein und die Kinder und Jugendlichen in Alltagsbelangen unterstützen.

Zufriedenheit soll erfasst werden

Wichtig ist laut Kokes und Sodk eine enge Begleitung während der Zeit in der Pflegefamilie oder im Heim. Sie empfehlen den Kantonen deshalb, die Zufriedenheit der Pflegekinder zu erfassen, etwa durch systematische Befragungen. Zudem soll für Pflegeeltern anders als heute eine Basisausbildung obligatorisch werden – dies unabhängig davon, ob sie mit den Kindern verwandt sind oder nicht. Die Kosten für die Ausbildung, so die Idee, übernähme die öffentliche Hand. Nicht zuletzt fordern die Kokes und die Sodk bessere Statistiken. Aktuell existieren in der Schweiz nämlich keine exakten Daten über die Anzahl und den Verlauf von Kindern, die in Pflegefamilien oder in einem Heim aufwachsen. Schliesslich sollen die Jugendlichen besser betreut werden, wenn sie volljährig werden – und mit 18 Jahren nicht quasi sich selber überlassen werden für die Bewältigung des Alltags.

Die Kokes und die Sodk verweisen in ihrem Papier auf den Verdingkindskandal. Bis 1981 schickten die Behörden Zehntausende Kinder und Jugendliche als billige Arbeitskräfte auf Bauernhöfe, in streng geführte Heime oder in geschlossene Einrichtungen. Zum Teil erlitten diese Kinder und Jugendlichen unsägliches Leid. Der Bund errichtete einen Wiedergutmachungsfonds, um Betroffene zu unterstützen. Es sei bedeutsam, ähnliche Verfehlungen in Zukunft zu verhindern, schreiben die Kokes und die Sodk. Befürchten die Behörden eine Neuauflage des Verdingkindskandals, wenn sie jetzt die Kinderrechte nicht stärken? Kathrin Schweizer, Baselbieter Regierungsrätin und Kokes-Präsidentin, beantwortet die Frage so:

Die Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen ist eine Verpflichtung: Damals waren die Kinder ‹Objekte›, über die verfügt wurde. Heute sind Kinder ‹Subjekte›, und ihr Wohl steht im Zentrum.

Man müsse sich immer und immer wieder die Frage stellen, wie man die Situation der Pflegekinder verbessern könne. Die Kokes und die Sodk seien aus eigenem Antrieb tätig geworden und hätten nicht gewartet, bis ein Leidensdruck entstehe und Betroffene auf sie zukämen.