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KERNENERGIE: Kuhweide statt Atomkraftwerk

Nach dem Zweiten Weltkrieg löste die Kernenergie in der Schweiz Begeisterung aus. Auch im luzernischen Inwil sollte ein Kraftwerk gebaut werden. Doch dann machte sich Widerstand breit.
Lukas Leuzinger
Mehr als 30000 Personen demonstrierten am 21. Juni 1986 in Gösgen gegen AKWs, auch gegen die Pläne in Inwil. Bild: Keystone

Mehr als 30000 Personen demonstrierten am 21. Juni 1986 in Gösgen gegen AKWs, auch gegen die Pläne in Inwil. Bild: Keystone

Über weite Teile des politischen Spektrums ist man sich einig: Die Schweiz soll raus aus der Atomkraft. Die Frage ist nur noch: wann? So bald als möglich, finden die Grünen. Ihre Atomausstiegsinitia­tive, über die wir in einer Woche abstimmen, fordert, dass die Schweizer Kernkraftwerke nach spätestens 45 Jahren vom Netz gehen sollen; Beznau I und Mühleberg, welche diese Lebensdauer bereits erreicht haben, sollen nächstes Jahr stillgelegt werden. Die Mehrheit des Parlaments hingegen will die AKW so lange laufen lassen, wie sie sicher sind, und erst dann aussteigen.

Vor einem halben Jahrhundert war die Devise umgekehrt: «Rein in die Atomenergie – und zwar so schnell wie möglich!» Das war das Ziel, das kaum in Frage gestellt wurde, wie der WWF in seiner Dokumentation «Atomare Zentralschweiz – 45 Jahre Ungewissheit» aufzeigt. Pläne dazu verfolgte der Bund seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. In Beznau nahm 1969 das erste AKW seinen Betrieb auf, drei Jahre später folgte Mühleberg. Weitere Anlagen waren in Planung. «Alle wollten damals ihr Kernkraftwerk», erinnert sich Eduard Kiener, der ehemalige Direktor des Bundesamts für Energie. Die Centralschweizerischen Kraftwerke (CKW) planten im luzernischen Inwil ein AKW, auf der Schweissmatt, direkt an der Reuss. 1971 machte es seine Pläne publik.

AKW-Pläne stossen auf breite Begeisterung

In den 1950er- und 1960er-Jahren galt die Kernkraft als Zukunftstechnologie. Die Wasserkraft, die damals den überwiegenden Teil des Schweizer Stromverbrauchs deckte, war weitgehend ausgeschöpft. Es brauchte neue Energiequellen. Aus Sicht des Bundesrats sollte die Atomenergie diese Quelle sein. Sie war in seinen Augen modern, leistungsstark und erst noch umweltfreundlich, da sie im Vergleich mit Kohle- oder Ölkraftwerken die Luft kaum belastete. Auch in der Bevölkerung herrschte überwiegend Begeisterung für die neue Technologie. Als 1957 über eine Verfassungsänderung abgestimmt wurde, die dem Bund die Gesetzgebungskompetenz für die Kernenergie gab, waren 77 Prozent dafür. Eine besonders grosse Zustimmung erreichte die Vorlage in den Städten, während länd­liche Gebiete skeptischer waren. Heute ist das Bild genau umgekehrt.

Auch die damalige Haltung der politischen Gruppierungen ist aus heutiger Sicht erstaunlich: Die Gewerkschaften schwankten zwischen Skepsis und Hoffnung auf neue Arbeitsplätze. Auch Naturschützer lehnten die Atomkraft keineswegs von Beginn weg ab: Viele von ihnen befürworteten AKW als Alternative zu Staudämmen, welche das Landschaftsbild viel stärker veränderten. Erst in den 1970er-Jahren wuchs der Widerstand gegen die Kernenergie. Unfälle im Ausland, aber auch in der Schweiz (1969 im Versuchsreaktor in Lucens) nährten Zweifel an der Sicherheit. In Kaiseraugst im Kanton Aargau wuchs der Widerstand gegen das dort geplante AKW zu einer Volksbewegung an. 1975 besetzten Demonstranten das Gelände und forderte den Abbruch des Projekts. Die Bauarbeiten mussten auf Eis gelegt werden. Die Aktion weckte die Gegner an anderen potenziellen Standorten.

Auch gegen das AKW in Inwil gab es Widerstand. 1973 fand in Inwil eine Volksabstimmung darüber statt, ob die Schweissmatt von der Landwirtschafts- in die Industriezone umgeteilt werden sollte – das war eine Voraussetzung für den Bau des AKW. Der Abstimmungskampf war hitzig. Am Ende hiessen die Stimmbürger die Umzonung mit 12 Stimmen Differenz gut. Die Gegner reichten Beschwerde gegen den Entscheid ein. Diese wurde vom Bundesgericht zwar abgelehnt, doch verzögerte der Rechtsstreit das Projekt um ein Jahr. Die CKW reichten 1974 beim Bund das Gesuch für die Standortbewilligung ein. Allerdings wurde Inwil laut Eduard Kiener «nie zu einem realistischen Standort». Die Prioritäten des Bundes lagen bei Leibstadt, Kaiseraugst und Graben. Am Ende wurde einzig in Leibstadt ein AKW gebaut. «Inwil befand sich auf der Warteliste», sagt Roni Vonmoos. Er ist ehemaliger Präsident der Gewaltfreien Aktion Inwil (GAI), eine der Organisationen, die sich mit Kundgebungen und politischen Vorstössen gegen das AKW wehrten. Es sei vor allem darum gegangen, zu verhindern, dass die Atombranche plötzlich auf Inwil umschwenken würde, wenn die anderen Projekte blockiert würden, erklärt er. «Wir wollten zeigen, dass so etwas auch in der Innerschweiz nicht ohne Opposition durchkommt.» Das AKW-Projekt in Inwil versandete in den 1980er-Jahren allmählich. Der Reaktorunfall in Tschernobyl 1986 setzte den Plänen für neue Kernkraftwerke ein Ende. Auch das Projekt in Kaiseraugst wurde begraben.

Vergnügungspark oder Solarkraftwerk?

Nach der Jahrtausendwende sorgte eine Investorengruppe für Aufsehen, die auf der Schweissmatt einen Vergnügungspark bauen wollte. Der Luzerner Regierungsrat legte dagegen sein Veto ein. Später planten die CKW auf dem Gelände das grösste Solarkraftwerk der Schweiz. Auch dieses Projekt scheiterte an den Kantonsbehörden. So bleibt die Schweissmatt, was sie schon 1971 war: eine unscheinbare Kuhweide. Und ein Sinnbild für die Hoffnungen und Ängste, welche die Atomkraft in der Schweiz auslöste.

Lukas Leuzinger

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