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Die Ärzte sind sauer: Kinder behandeln ist zeitintensiv – und ein Verlustgeschäft

Eine grosse Allianz setzt sich für die kleinen Patienten ein - und für jene, die sie behandeln. Politiker von links bis rechts fordern bessere Bedingungen für Kinderärzte und -spitäler.
Maja Briner
Braucht unter Umständen viel Zeit und Geduld: Ein Kinderarzt untersucht einen Säugling. (Bild: Keystone)

Braucht unter Umständen viel Zeit und Geduld: Ein Kinderarzt untersucht einen Säugling. (Bild: Keystone)

Der Dreijährige hustet, das Atmen fällt ihm schwer. Ein Asthmaanfall. Der Vater bringt ihn zur Kinderärztin. Mit viel Geduld schafft sie es, ihm die Angst vor dem Inhalieren zu nehmen.

Dadurch muss der kleine Patient nicht ins Spital. Ein Erfolg. Nur: Finanziell ist die Bilanz für die Ärztin schlecht. Sie kann nicht ihren ganzen Zeitaufwand verrechnen – das lässt das Tarifsystem nicht zu.

Es sind solche Beispiele, welche Experten der Kinder- und Jugendmedizin nennen, um ihre politischen Forderungen zu untermauern. Nun will eine breite Allianz diesen zum Durchbruch verhelfen: Sieben National- und Ständeräte aus allen Fraktionen haben kürzlich Vorstösse eingereicht, in der sie eine Stärkung der Kinder- und Jugendmedizin fordern – von Maya Graf (Grüne) über Ruth Humbel (CVP) bis zu Verena Herzog (SVP).

«Unser Ziel ist es, überparteilich Druck zu machen», sagt Herzog. Dass Politiker von links bis rechts mitmachen, zeige die Bedeutung des Anliegens.

Leiden könnten die Patienten

Auch die Akteure haben sich zusammengerauft. Im Auftrag der parlamentarischen Gruppe für Kinder- und Jugendmedizin haben Kinderärzte, -chirurgen, -psychiater und -spitäler ihre wichtigsten Forderungen kürzlich in einem Papier aufgelistet. Eine davon: Die Tarife müssten besser berücksichtigen, dass die Behandlung von Kindern mehr Zeit brauche als bei Erwachsenen. Heute sind die Tarife zum Teil die gleichen. Die Folge: Ärzte können nicht all ihren Aufwand verrechnen.

Die Kinderspitäler etwa klagen über tiefrote Zahlen im ambulanten Bereich. Gemäss Berechnungen der Allianz Kinderspitäler schrieben die Kinderspitäler Zürich, Basel, St. Gallen, Bern, Lausanne und Genf 2018 ein Defizit von rund 60 Millionen Franken im ambulanten Bereich.

Martin Vollenwyder, Stiftungsratspräsident des Kinderspitals Zürich und früherer FDP-Stadtrat, warnt vor den Folgen dieser Situation. «Wir schaffen immer schlechtere Voraussetzungen, weil in allen Bereichen Kostenoptimierungen vorgenommen werden müssen.» Diese könnten unter anderem zu mangelhafter Betreuung der kleinen Patientinnen und Patienten führen, mahnt er. Mit anderen Worten: Leiden könnten die kranken Kinder.

«Wir bleiben relativ häufig auf den Kosten sitzen»

Problematisch sind die Limiten bei der Abrechnung auch für Kinder- und Jugendpsychiater, wie Alain di Gallo erklärt. Der Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik Basel sagt: «Bei Kindern müssen wir stark mit dem Umfeld arbeiten.» Wenn ein Kind etwa nicht zur Schule gehen wolle, könne dies viele Gründe haben – Mobbing, Depression oder Trennungsangst zum Beispiel.

Um die Ursache zu finden, brauche es Gespräche mit Bezugspersonen wie Eltern, Lehrern und Freunden. In vielen Situationen benötige das mehr Zeit, als die Psychiater verrechnen könnten, sagt di Gallo. Manchmal bezahlten die Kantone gewisse Leistungen. Der Kinderpsychiater sagt:

«Es geschieht aber relativ häufig, dass wir auf den Kosten sitzen bleiben.»

Das führe dazu, dass die Ambulatorien der Kliniken nicht rentierten, sagt di Gallo. Geführt würden die Gespräche mit dem Umfeld trotzdem, erklärt er. «Alles andere wäre keine seriöse Arbeit.»

Politiker fordern Verbesserungen

Die parlamentarische Gruppe für Kinder- und Jugendmedizin will das Problem nun anpacken. FDP-Ständerat Damian Müller verlangt in einer Motion, dass der grössere Zeitaufwand bei den Tarifen berücksichtigt wird. «Heute werden Kinderärzte – vor allem im ambulanten Bereich – nicht für das entschädigt, was sie tatsächlich leisten», kritisiert er. So komme es zu einer Quersubventionierung, die eigentlich nicht vorgesehen sei.

Auch CVP-Nationalrätin Humbel geht davon aus, dass im ambulanten Bereich gewisse Leistungen ungenügend abgedeckt sind. «Bei Kindern ist sicher wichtig, die Zeit für Behandlungen beim Kinderarzt in der freien Praxis genügend zu entschädigen», erklärt sie. Das stärke die Grundversorgung und dürfte Spitalaufenthalte reduzieren.

Umstrittene Rolle des Bundesrats

Umstritten ist, inwieweit der Bundesrat die Lage verschärft hat. Die Kinderspitäler klagen, mit seinem Eingriff in den Ärztetarif Tarmed habe er die Situation noch verschlechtert. Der Bundesrat weist den Vorwurf zurück.

Und das Bundesamt für Gesundheit verspricht: Der Bundesrat werde «auch künftig im Rahmen seiner Kompetenzen auf die Tarifstrukturentwicklung der Kindermedizin ein besonderes Augenmerk legen». Angesichts des politischen Drucks dürfte er dazu auch gezwungen sein.

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