Sexueller Missbrauch
Kindsmissbrauch: Die Krux mit der Verjährung

114 Menschen hat ein 54-jährige Pfleger aus dem Kanton Bern sexuell missbraucht, ein Grossteil davon waren Kinder. So erschreckend hoch diese Zahl ist - der Täter hat nur in 33 Fällen strafrechtliche Konsequenzen zu befürchten.

Jessica Pfister
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114 Menschen soll der Mann missbraucht haben. Doch ein grosser Teil der Fälle ist verjährt. (Symbolbild)

114 Menschen soll der Mann missbraucht haben. Doch ein grosser Teil der Fälle ist verjährt. (Symbolbild)

Keystone

Denn: Der grösste Teil der am Dienstag bekannt gewordenen Fälle ist verjährt. Doch was heisst das überhaupt?

Der 54-Jährige aus dem Kanton Bern hat sich während 29 Jahren an seinen Opfern vergriffen. In dieser Zeitspanne hat die Schweiz dreimal die Verjährbarkeit bei sexuellem Missbrauch von Kindern im Strafgesetz neu definiert.

Bis 1992 keine Regelung

Bis 1992 kannte das Schweizer Strafrecht keine Sonderregelung für die Verjährung bei Kindesmissbrauch. Am 1. Oktober 1992 wurde erstmals eine fünfjährige Verjährungsfrist im Sexualstrafrecht eingeführt. Diese galt auch für Taten, die bis fünf Jahre vor dem 1. Oktober begangen wurden.

Im Jahr 1997 wurde die Sonderregelung allerdings wieder aufgehoben. Dafür wurde eine neue Verjährungsfrist von zehn Jahren bestimmt. Diese jedoch galt nicht mehr rückwirkend. Fünf Jahre später, am 1. Oktober 2002, kam es schon wieder zu einer Änderung - sie ist bis zum heutigen Tag gültig. Es gilt, dass Opfer von Kindesmissbrauch bis zu ihrem 25. Lebensjahr Strafanzeige erstatten können.

Unverjährbarkeit greift noch nicht

Aufgrund dieser zahlreichen Gesetzesänderungen musste im aktuellen Missbrauchsskandal um den Berner Pfleger jeder Fall einzeln geprüft werden. Resultat: 33 Taten sind noch strafrechtlich relevant - gut dreimal so viele Fälle sind verjährt.

Anders hätte es womöglich ausgesehen, wenn die Unverjährbarkeitsinitiative, die das Schweizer Stimmvolk im November 2008 angenommen hat, bereits heute schon in Kraft wäre. Diese sieht vor, dass schwerer sexueller Missbrauch von Kindern unverjährbar sein soll, wenn zum Zeitpunkt der Tat das Opfer jünger als 10 Jahre alt war.

Die Unverjährbarkeit soll auch rückwirkend für jene Taten gelten, die vor der Abstimmung am 30. November 2008 noch nicht verjährt waren. Die definitive Botschaft für das neue Gesetz soll im Frühling 2011 vorliegen.