Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

KINO: «Vater hatte keine Chance mehr»

Vor kurzem durfte sie in St. Gallen eine Gedenktafel an ihren Vater, den Flüchtlingsretter Paul Grüninger, ent­hüllen. Nach dem Rummel um den Kinofilm erzählt Ruth ­Roduner (93), wie sie ihren Vater in Erinnerung hat.
Ruth Roduner beschäftigt die Asylpolitik der Schweiz bis heute: «Wie wir Flüchtlinge unterbringen und behandeln, ist oft eine Schande.» (Bild Luca Linder)

Ruth Roduner beschäftigt die Asylpolitik der Schweiz bis heute: «Wie wir Flüchtlinge unterbringen und behandeln, ist oft eine Schande.» (Bild Luca Linder)

Frau Roduner, im Januar kam der Film «Akte Grüninger» über Ihren Vater, der während des Zweiten Weltkrieges als Polizeihauptmann 3600 Juden das Leben gerettet hat, in die Schweizer Kinos. Ich stelle mir vor, dass dies einigen Trubel in Ihr Leben gebracht hat.

Ruth Roduner: Nun, so wild war es nicht. Es lief auch in den vergangenen Jahren immer mal wieder etwas im Zusammenhang mit meinem berühmten Vater. Einmal kam etwas im Theater, einmal stand etwas in der Zeitung, einmal kamen Journalisten vorbei und wollten mit mir reden. Es wurde mir nie zu viel. Ich bin ja die Einzige, die alles selber miterlebt hat. Es gibt nicht mehr so viele Zeitzeugen. Meine Söhne kannten den Grossvater zwar noch, aber sie haben die Kriegszeit nicht selber miterlebt.

Wie hat Ihnen der Film eigentlich gefallen?

Roduner: Ich fand ihn gut und vor allem wahrheitsgetreu. Da war nur ganz wenig Fantasie drin. Im Oktober soll er im Fernsehen gezeigt werden. Da werde ich sicher wieder einschalten, auch wenn ich ihn schon etwa dreimal gesehen habe.

Haben Sie Reaktionen aus der Bevölkerung bekommen, die Sie besonders gefreut haben?

Roduner: Ich habe sehr viele Briefe bekommen, die zuerst einmal in einem Körbchen warteten, bis ich Zeit hatte und meine Augen es zuliessen, dass ich sie lese. Ich habe seit einiger Zeit etwas Schwierigkeiten mit den Augen. Aber jetzt habe ich alle gelesen. Es war schön zu sehen, wie viele Menschen es zu schätzen wissen, dass mein Vater damals diesen Menschen geholfen hat. Ich war mehrmals in Schulklassen eingeladen, um zu erzählen, wie es damals war, und habe gestaunt, dass die Kinder sich so stark für diese Zeit interessieren. Das hat mich sehr gefreut.

Heute ist bekannt, dass Ihr Vater Tausenden Juden das Leben gerettet hat, indem er ihre Einreisedokumente vordatiert und andere Dokumente gefälscht hat. Im Film ist es so dargestellt, als ob Sie und Ihre Mutter nicht gewusst haben, was er tat.

Roduner: Er sagte natürlich nicht, wie viele gerade wieder gekommen seien. Das durfte er ja auch nicht. Aber dass meine Mutter und ich von nichts gewusst haben, ist falsch dargestellt. Wir waren ja nicht ab der Welt.

Wie war es denn für Ihre Mutter? Hat sie Ihren Vater eher ermutigt, oder hatte sie Angst vor dem, was passieren könnte?

Roduner: Sie hat meinen Vater unterstützt. Wir hatten nicht das Gefühl, es sei gefährlich. Auch für sie war wichtig, dass die Flüchtlinge, die bei Nacht und Nebel kamen, in Sicherheit kamen und eine gute Unterkunft hatten.

Der Film endet mit der Entlassung Ihres Vaters. In der Realität fing für Sie damals wohl der Ernst des Lebens an. Sie mussten die Handelsschule in Lausanne abbrechen und sich eine Stelle suchen, damit Sie die Eltern unterstützen konnten.

Roduner: Mein Vater wurde fristlos entlassen, als er 1939 eines morgens ins Büro kam. Ein junger Polizist stand am Eingang und sagte, er dürfe sein Büro nicht betreten. Er konnte nicht einmal mehr seine privaten Gegenstände abholen. Ich wusste sofort, dass ich die Schule aufgeben würde. Aber meine Eltern sagten, ich solle vorläufig in Lausanne bleiben. Sie wussten ja auch noch nicht, was sie nun mit mir anfangen sollten. Als aber klar wurde, dass mein Vater keine Aussichten mehr auf eine Stelle hatte, gab ich die Schule auf. Ich stand ein Jahr vor der Matura. Für ein junges Mädchen war das alles nicht ganz einfach. Mein Leben wäre sicher anders verlaufen ... Aber ich habe mich nie darüber beklagt, ich hatte es schon recht.

Wie haben Sie es sich damals denn erträumt?

Roduner: Ich hätte wahrscheinlich ein Studium gemacht, vielleicht Jus oder Medizin.

Stattdessen arbeiteten Sie dann im Büro eines Textilbetriebs mit.

Roduner: In St. Gallen hatte es damals viele jüdische Geschäfte. Eines davon gehörte der Familie Sternbuch. Ihre Textilfirma verkaufte Wäsche und Regenmäntel. Frau Sternbuch war vorher oft bei meinem Vater und hat ihn gebeten, Juden hereinzulassen. Nach seiner Entlassung traf er sie zufällig und erzählte ihr, dass er keine Arbeit mehr finde. Und dass es auch für mich aussichtslos sei, trotz meines Handelsdiploms, das ich später in St. Gallen nachgeholt hatte, und guter Zeugnisse. So konnte ich zu ihnen arbeiten gehen. Ich verdiente 120 Franken, die Wohnungsmiete lag bei 100 Franken. Diesen Betrag legte ich zu Hause jeweils hin, damit wir nicht wegen der Wohnung in die Schulden kamen. Heute denke ich manchmal schon: Wie haben wir das eigentlich gemacht? Einmal nahm mein Vater ein Darlehen auf, das wir mühsam abstottern mussten.

Wie ging Ihre Mutter mit den erzwungenen Veränderungen um?

Roduner: Für sie war es schwierig. Es war ein Schock, als ihr Mann heimkam und sagte, sie hätten ihn heimgeschickt und er dürfe nicht mehr ins Büro. Als ein paar Tage später ein Polizist kam, um die Hauptmann-Uniform zu holen, hat sie das sehr getroffen. Es war dann definitiv. Und dann mussten wir auch innert kürzester Frist aus der Dienstwohnung ausziehen, bald wohnten wir in ihrem Elternhaus in Au.

Hat sich auch der Bekanntenkreis verändert?

Roduner: Vorher war man jemand. Der Vater hatte eine rechte Stelle, wir hatten eine schöne Wohnung und häufig Besuch. Nun zogen sich viele zurück, auch sogenannt gute Freunde. Ich wurde danach etwas ausgegrenzt. Es stand halt in der Zeitung, dass der Vater gegen die Vorschriften verstossen habe. Er wurde wie ein Verbrecher dargestellt. Als ich noch in Lausanne lebte und nach einem Ferienlager zurück in die Wohnung kam, war mein Bett von einer anderen besetzt. Der Vater meiner Zimmerkollegin wollte, dass sie das Zimmer nicht mehr mit mir teilte.

Wie ging es Ihrem Vater?

Roduner: Es war schwierig für ihn. Die Schweizer hatten damals Angst, dass die Nazis unser Land auch noch drannehmen. Deshalb hat man keinen angestellt, der den Juden geholfen hat. Man hätte ja schlechte Karten gehabt, wenn Hitler auch noch die Schweiz regiert hätte. Auch wenn man das heute nicht mehr sehen will: Es war so, wir haben es erfahren.

Wie hat sich das geäussert?

Roduner: Mein Vater, er war 48, hatte keine Chance mehr auf eine Stelle. Er hatte Gelegenheitsjobs, verkaufte Schweinefutter und Baumaterial, hin und wieder arbeitete er als Versicherungsvertreter auf Provision. Ich weiss noch, dass er einmal einen Mann beriet, der für seine Tochter eine Versicherung abschliessen wollte, weil sie zu erblinden drohte. Sie führten viele Gespräche. Dann teilte der Mann mit, dass er nun doch keine Versicherung kaufen wolle. So erlebten wir viele Enttäuschungen.

Ihr Vater war ursprünglich Lehrer. Eine Rückkehr in diesen Beruf war nicht möglich?

Roduner: Er bekam viele Angebote, es mangelte an Lehrern. Doch er musste absagen, er durfte keine Staatsstelle mehr annehmen. Hingegen gab er Fahrstunden, vor allem für Frauen, er hatte ja viel Zeit, Geld bekam er dafür nicht. Es war damals nicht üblich, dass Frauen Auto fuhren. Mein Vater sagte jeweils zu seinen Schülerinnen, dass sie langsam fahren sollten, er stehe schon mit einem Bein im Grab ... Es gab noch keine Lernfahrzeuge, passierte etwas, konnte er nicht bremsen. Alle seine Schülerinnen haben die Prüfung auf Anhieb bestanden. Auch ich.

Der Schweiz wird er nun als Held in Erinnerung bleiben – wie haben Sie ihn in Erinnerung, wie war er als Vater?

Roduner: Also ein Held, so würde er nicht gern genannt werden, das wollte er ja gar nie sein. Er war ein geselliger Mensch. Und als Vater war er nie streng mit mir. Ich bin sehr frei und grosszügig erzogen worden. Die Szene im Film, in der er mir beim Klavierspielen hilft, kommt der Realität nahe. Ausser, dass die Schauspielerin besser spielte als ich.

Ihr Vater starb 1972, und es dauerte lange, bis er politisch rehabilitiert wurde. Inzwischen ist die vollumfängliche Rehabilitation erfolgt, es gibt Bücher, Filme und ein Theaterstück über ihn, Plätze, Strassen und eine Brücke wurden nach ihm benannt.

Roduner: Natürlich, es ist vieles gelaufen, das ist schön. Übrigens ist ja auch die Heimstätte des Fussballclubs SC Brühl St. Gallen nach meinem Vater benannt.

Das Paul-Grüninger-Stadion.

Roduner: Genau. Ich war 2006 dort, als es getauft wurde. Ein halbes Jahr später ging ich nochmals hin. Früher war ich natürlich häufig da. Mein Vater ging jeden Sonntag an den Match, und ich begleitete ihn oft, manchmal auch auswärts.

Gingen Sie gerne mit?

Roduner: Manchmal ärgerte es einen schon, zum Beispiel wenn das Wetter schön war und man lieber baden gegangen wäre. Aber eigentlich ging ich gern mit, ich konnte dafür nachher noch an die Weieren (Badeteiche in St. Gallen, Anm. der Red.). Und wenn Brühl gewann, bekam ich einen Kaugummi.

Ende August wurde Ihr Vater, der Flüchtlingsretter, in einem feierlichen Akt von der St. Galler Kantonspolizei rehabilitiert. Sie durften zu diesem Anlass eine Gedenktafel an Ihren Vater enthüllen.

Roduner: Es war ein schöner Anlass, und er fand im gleichen Quartier von St. Gallen statt, wo mein Vater damals arbeitete und wo wir unsere Wohnung hatten. Es sieht jetzt zwar ziemlich anders aus, aber es hat mich schon «angeheimelet», wieder dort zu sein. Der heutige Polizeikommandant war auch dabei. Mein Vater wurde anno 1925 in diese Funktion erhoben. Die Rehabilitation gab mir ein gutes Gefühl, aber für meinen Vater kam sie leider zu spät.

Hat er keine einzige Ehrung erlebt?

Roduner: Doch, jene des Staates Israel. Ein Jahr vor seinem Tod bekam er die «Medaille der Gerechten». Er hat sich sehr gefreut, auch wenn er die Reise nach Israel aus gesundheitlichen Gründen nicht machen konnte. Alles andere dauerte länger. Als ich später als Sekretärin beim Ständerat Willi Rohner arbeitete, ermöglichte er mir, dass ich Akten einsehen konnte. Da war nur ein schmaler Ordner, ich bekam eine Stunde Zeit und wurde beobachtet wie eine Schwerverbrecherin. Rohner schrieb aber daraufhin im «Rheintaler» einen Artikel mit dem Titel: «Unrecht soll gutgemacht werden.» Das war der Anfang der Rehabilitation.

Sie waren nicht nur bei der politischen Rehabilitation 1993 durch die St. Galler Regierung vorne dabei, sondern haben auch sein Leben zu Ihrem Lebensthema gemacht. Ist es auch eine Last, Paul Grüningers Tochter zu sein?

Roduner: Nein. Ich erzähle die Geschichte gern – nicht nur wegen meines Vaters, sondern wegen der Flüchtlingspolitik der Schweiz. Meinem Vater nützt es nichts mehr, dass dieser Film gemacht wurde und ich darüber spreche. Er wollte einfach den Flüchtlingen helfen, weil er wusste, dass sie verloren sind, wenn er sie nicht in die Schweiz lässt.

Wie beurteilen Sie die heutige Asylpolitik?

Roduner: Immer müssen irgendwo auf der Welt Menschen flüchten, in Syrien oder weiss der Gugger wo. Auch heute noch. Wenn ich davon lese, erinnert mich das schon an damals. Man muss einfach sehen: Niemand geht freiwillig weg von der Heimat, wenn es einigermassen geht. Ich finde, man hat einfach die Pflicht, diesen Leuten am neuen Ort zu helfen. Wie wir Flüchtlinge unterbringen und behandeln, ist oft eine Schande.

Im Oktober werden Sie 93 Jahre alt. Ist die Welt seit Ihrer Jugend eine bessere geworden?

Roduner: Gegenwärtig müssen wir hier in der Schweiz keine Angst haben vor einem Krieg. So richtig mausarme Leute gibt es heute in der Schweiz nicht mehr; es wird zu allen geschaut. Aber anderswo ist das halt noch anders. Auch heute noch gibt es so viel Armut und Kriege. Ich hoffe trotzdem, dass wir aus der Vergangenheit lernen und menschlich miteinander umgehen können.

Haben Sie von Ihrem Vater die soziale Ader geerbt?

Roduner: Ja, sicher ein bisschen. Man half immer, wenn man konnte, meine Mutter auch. So eine Geschichte prägt einen doch. Und vielleicht liegts ja auch in den Genen.

Alle fragen immer nach Ihrem berühmten Vater. Was haben denn Sie selber für ein Leben gelebt?

Roduner: Ich hatte – und habe immer noch – eine sehr gute Familie. Mein verstorbener Mann war Gemeindesekretär und später Gemeindepräsident, wir wohnten im Gemeindehaus und hatten drei Söhne – allesamt gefreute Kinder. Heute wohnen sie leider nicht mehr in der Nähe. Einer wohnt in Rapperswil, einer im Tessin und einer in Interlaken. Früher kamen die Enkel oft zu mir in die Ferien. Diesen Frühling waren wir mal mit allen Enkeln und Urenkeln im Zoo. Das war schön, denn die sehen sich nicht so häufig. Aber wenn ich etwas brauche, kommen sie schon. Ich wohne in einer Dreizimmerwohnung und mache meinen Haushalt immer noch allein. Ich lese gerne Bücher und verfolge in der Zeitung das Weltgeschehen. Ich muss nur aufpassen, dass ich meine Augen nicht überanstrenge.

Präsidentin der Paul-Grüninger-Stiftung

ZUr Person red.Ruth Roduner wurde 1921 in St. Gallen geboren. Sie ist die Tochter von Paul Grüninger, der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg Tausenden Juden und Flüchtlingen das Leben rettete, indem er ihre Einreisevisa vordatierte und weitere Dokumente fälschte. Ruth Roduner war das einzige leibliche Kind Grüningers; sie hat jedoch eine jüngere Pflegeschwester, die in Winterthur lebt. Ihr Mann war langjähriger Gemeindepräsident von Au (SG), und auch sie engagierte sich im Frauen- und Turnverein für das Wohl der Gemeinde. Ruth Roduner hat drei Söhne, sieben Enkel und sieben Urenkel. Sie lebt in Heerbrugg und ist noch immer Präsidentin der Paul-Grüninger-Stiftung.

Hinweis:

«Akte Grüninger», der österreichisch-schweizerische Kinofilm von Alain Gsponer (2013) läuft am 19. Oktober um 20.05 Uhr auf SRF 1.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.