KIRCHE: Aufruf zum Kirchenaustritt

Die Freidenker wollen Katholiken mit einem Plakat zum Austritt aus der Kirche bewegen. Dazu nutzen sie den aktuellen Hype um Bischof Vitus Huonder.

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Die Freidenker-Vereinigung wirbt mit Bischof Vitus Huonder (im Bild) für den Austritt aus der Kirche. (Bild: Keystone/Arno Balzarini)

Die Freidenker-Vereinigung wirbt mit Bischof Vitus Huonder (im Bild) für den Austritt aus der Kirche. (Bild: Keystone/Arno Balzarini)

alexandra hirsiger

Die Äusserungen des Churer Bischofs Vitus Huonder gegen Homosexuelle haben in der Schweiz eine Empörungswelle ausgelöst. Von dieser Stimmung wollen die Freidenker jetzt profitieren. Die Vereinigung von Konfessionslosen fordert die Trennung von Kirche und Staat. Letztmals sorgten die Freidenker im Jahr 2010 für Aufsehen: Sämtliche religiöse Symbole sollten aus öffentlichen Institutionen verschwinden, forderten sie, sogar die Gipfelkreuze.

Jetzt werden die Freidenker wieder aktiv und schalten eine Plakatkampagne. Darauf ist zu lesen: «Liebe Katholiken: Huonder tritt nicht aus. Wie stehts mit euch?» Während der nächsten zwei Wochen wird dieses Plakat in verschiedenen Bahnhöfen, auch in Luzern, zu sehen sein. Der öffentliche Aufruf zum Kirchenaustritt kostet die Freidenker insgesamt 11 000 Franken.

Freidenker liefern das Formular

Die Freidenker-Vereinigung betont, dass es hier nicht um eine Imagekampagne für die eigene Organisation gehe. Vielmehr sollten die Gläubigen durch ihren Austritt eine Botschaft nach Chur und Rom senden. Präsident Andreas Kyriacou erklärt: «Schon länger gibt es innerhalb der Kirche grosse Konflikte, zum Beispiel in der Haltung gegenüber Homosexuellen.» Bischof Huonder werde immer radikaler. Doch es sei unwahrscheinlich, dass die Kirchenspitze ihn fallen lasse. «Gerade hier vermissen wir den Willen der Kirche, gegen solche Äusserungen klar Stellung zu nehmen.»

Die Freidenker wollen es den Katholiken leicht machen. Auf ihrer Homepage kann man ein vorgedrucktes Austrittsformular herunterladen, wo man nur noch die Personalien ausfüllen muss.

Die Antwort aus Chur auf die Plakataktion fällt kurz und knapp aus: «Kein Kommentar», sagt Bistumssprecher Giuseppe Gracia auf Anfrage. Dafür äussern sich andere Kirchenvertreter. Abt Urban Federer zeigt sich erstaunt über das Vorgehen der Freidenker. «Die Katholiken sind genug frei, um selbstständig zu denken», sagt der Vorsteher des Klosters Einsiedeln. «Zudem wissen sie, dass auch sie die Kirche sind, die sich nicht auf einen einzelnen Bischof reduzieren lässt.»

Luzern: Austritte wegen Huonder

Dass Huonders Aussagen eine Austrittswelle zur Folge haben könnte, bezweifelt Urban Schwegler, Kommunikationsverantwortlicher der katholischen Kirche der Stadt Luzern. Auf Anfrage sagt er: «Diejenigen, die sich ab der Haltung der Kirche gegenüber Homosexuellen stören, haben längst den Austritt gegeben. Und diejenigen, die noch der Kirche angehören, können sehr wohl zwischen der Haltung der jeweiligen Kirche vor Ort und den Aussagen eines Bischofs differenzieren.»

Seit der Rede von Bischof Huonder hat Schwegler keinen Anstieg bei den Kirchenaustritten registriert. Jährlich kehren in der Stadt Luzern zwischen 300 und 350 Katholiken ihrer Kirche den Rücken. Die meisten von ihnen äussern sich nicht über die Gründe dafür. Allerdings sind seit Anfang August, also seit jenem Zeitpunkt der breiteren Berichterstattung über das Referat von Vitus Huonder, drei Austrittsschreiben eingegangenen, die ihren Entscheid explizit mit den Aussagen Huonders begründet haben.

Kindsmissbrauch als Grund

Ein Blick in die aktuellste verfügbare Statistik des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts aus 18 Kantonen zeigt: Im Jahr 2013 sind pro 1000 Kirchenmitglieder 8 ausgetreten. Während im Jahr 2000 noch 42,3 Prozent der über 15-Jährigen dem römisch-katholischen Glauben angehörten, waren es im Jahr 2013 noch 38 Prozent. Eine besonders markante Austrittswelle gab es im Jahr 2010. Mit ein Grund war damals der Skandal um die Fälle von sexuellem Missbrauch durch katholische Geistliche.