KIRCHE: «Bühne frei» für den Herrn Pfarrer

Die Gottesdienste sollen spannender werden. Immer mehr Pfarrer besuchen deshalb Schauspielunterricht und lernen, wie man den Kelch gekonnt in die Höhe stemmt.

Christian Hodel
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Er ist bereits ein Entertainer: Pfarrer Adrian Bolzern, der Nachfolger von Zirkuspfarrer Ernst Heller. (Bild Dominik Wunderli)

Er ist bereits ein Entertainer: Pfarrer Adrian Bolzern, der Nachfolger von Zirkuspfarrer Ernst Heller. (Bild Dominik Wunderli)

«Stopp. Nochmals von vorn.» Ein Regisseur gibt Pfarrern Anweisungen, wie sie sich zu bewegen haben. Liturgische Präsenz sollen sie von ihm lernen, damit ihre Gottesdienste professioneller werden. Während sich Priester im Kanton Aargau während des Gottesdienstes von Laien beurteilen lassen (siehe Box), setzt man in Luzern auf Schauspielunterricht, wie Recherchen zeigen. Im Kloster Baldegg fand im Februar zum ersten Mal im Kanton Luzern ein solcher Kurs mit 19 Teilnehmern statt, ein zweiter folgt im Oktober, und für 2015 ist ein weiterer geplant. Bernward Konermann, deutscher Regisseur, Schauspieler und Kursleiter, sagt: «Die Nachfrage wird immer stärker.»

Texte müssen verinnerlicht werden

Organisiert hat den Kurs Thomas Villiger, Co-Leiter Fachstelle Pfarreientwicklung und Diakonie der Römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern. Er sagt: «Die kirchlichen Mitarbeiter lernen den ganzen Körper zu gebrauchen, mit allen Sinnen zu verkünden.» So solle zum Beispiel ein Text nicht nur gelesen, sondern auch verinnerlicht werden. Hierzu würden Übungen helfen. «Jeder Sportler bereitet sich mental auf seinen Einsatz vor, das gilt auch für Gottesdienstgestalter.»

Doch wie meistern die Pfarrer und Pastoralassistenten die Sprech- und Schauspielübungen? «Geistliche Menschen müssen sich da manchmal noch ein wenig einüben», sagt Konermann. Der Prozess des Probierens, Fehlermachens und Kritisierens sei nicht jedermanns Sache. Die Ausbildung von «geistlichen Menschen» sei oft «zu einseitig verkopft und intellektuell».

Thema intensiv behandeln

Rolf Asal sieht dies anders. Er ist Ausbildungsleiter am Seminar St. Beat Luzern, begleitet Priesterkandidaten und Laientheologen. «Während des Studiums bereiten die Studierenden regelmässig Gottesdienste vor und erhalten dazu auch ein qualifiziertes Feedback», sagt er. Auch nach dem Studium, in der zwei Jahre dauernden Berufseinführung, werde das Thema liturgische Präsenz «intensiv behandelt». So widmet sich eine der zehn thematischen Wochen im «Nachdiplomstudium Berufseinführung» – eine Art begleiteter Berufseinstieg – ausschliesslich dem Thema Liturgie.

Zusammen mit Liturgiewissenschaftlern, Musikern und Theaterpädagogen wird erarbeitet, wie man einen Gottesdienst stimmig gestalten kann. Dabei geht es etwa um Fragen, wie sich der Pfarrer richtig hinstellt, wie er den Kelch bestimmt heben kann, ohne dass es theatralisch wirkt, oder welche Musik in welchen Momenten angebracht ist. Asal sagt: «In der Liturgie treten Priester und Pastoralassistenten öffentlich auf. Solche Auftritte müssen geübt sein, damit man nicht ins Fettnäpfchen tritt.» Da könne die Kirche – was Auftritt und Choreografie angeht – von Theaterleuten lernen.

«Wir machen keine Show»

Keine Angst, dass die Gottesdienste so zu Theateraufführungen werden? «Wir machen aus unseren Leuten keine Schauspieler. Das wäre Show.» Viel eher versuche man die «innere Überzeugung stimmig nach aussen zu transportieren», sagt Asal. Es gehe darum, theologische Inhalte anschaulich zu präsentieren. Dies würden die Gläubigen auch so erwarten. «Die Gottesdienstbesucher sind heute anspruchsvoller und getrauen sich zu Recht, auch Kritik anzubringen», sagt Asal und fügt an: «Die Leute sind sich – nicht nur beim Fernsehen – gewohnt, wegzuzappen, wenn sie von einem Programm nicht angesprochen werden.» So gesehen seien Kurse, in denen die liturgische Präsenz geübt werde, auch für die Qualitätssicherung von Bedeutung.

Dies bestätigt auch Thomas Villiger: «Die Liturgie hat im Gottesdienst eine ganz bestimmte Aufgabe.» Bei Kursen mit Regisseuren oder Schauspielern gehe es nicht darum, etwas vorzuspielen, sondern um die Echtheit.

Persönlichkeit alleine reicht nicht

Dies sieht auch die reformierte Kirche so. Thomas Schaufelberger, Leiter Aus- und Weiterbildung der evangelisch-reformierten Pfarrer des Konkordats der Deutschschweizer Kantone, wozu auch Luzern gehört, sagt: «Die Gottesdienstgestaltung und eine spannende Predigt gehören zu den Kernaufgaben unserer Pfarrer.» Eine charismatische Persönlichkeit alleine reiche da nicht aus. Auch das Handwerk, etwa die Auftrittskompetenz oder die Inszenierung, sei wichtig. In Weiterbildungskursen und im einjährigen Lernvikariat, das nach der Ausbildung Pflicht ist, würden Pfarrer dies lernen. Regisseure und Schauspieler unterrichten die Pfarrer. Videoanalysen werden gemacht, am Schluss gibt es eine Prüfung. Schaufelberger sagt: «Viele Pfarrer glauben in diesem Bereich eine hohe Kompetenz zu haben, da sie jede Woche Gottesdienste leiten. In vielen Fällen trifft dies zu, aber nicht überall.»

Wenig Feedbacks aus der Gemeinde

Dass die Selbst- und Fremdeinschätzung nicht immer übereinstimmen, weiss auch Erich Hausheer-Leisibach, Gemeindeleiter der Pfarrei Rain. Er hat im Februar den Kurs von Bernward Konermann besucht und sagt: «Der Kurs bot mir eine Chance, mein eigenes Auftreten bewusster wahrzunehmen.» Zwar bekomme er auch Feedbacks aus der Gemeinde, jedoch seien diese eher zurückhaltend. Hausheer sagt: «Wir Liturgen müssen uns bewusst werden, dass wir im Gottesdienst eine bestimmte Rolle einnehmen, analog zu Schauspielern.»

Er spreche nicht primär als Erich zu den Gläubigen, sondern als Gemeindeleiter. Bei einer Trauerfeier zum Beispiel könne er nicht in Tränen ausbrechen, auch wenn ihm danach sei. «Ich habe dann einen Auftrag und eine Rolle auszufüllen.» Sind Pfarrer letztendlich also doch Schauspieler? «In gewisser Weise schon. Wobei es wichtig ist, authentisch zu bleiben.» Problematisch werde es erst, wenn ein Liturge zum Selbstdarsteller werde.