KIRCHE: «Die Karosserie ist zu gross geworden»

Die Pfarrei-Initiative zementiere veraltete Strukturen, sagt Martin Grichting. Der Generalvikar des Bistums Chur spricht sich dagegen für eine Reduktion der Anzahl Pfarreien aus.

Interview Aleksandra Mladenovic
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Generalvikar Martin Grichting mit den Erklärungen der unzufriedenen Seelsorger in der Hand. «Weltkirchlich gesehen gibt es Laientheologen gar nicht», sagt er. (Bild Boris Bürgisser)

Generalvikar Martin Grichting mit den Erklärungen der unzufriedenen Seelsorger in der Hand. «Weltkirchlich gesehen gibt es Laientheologen gar nicht», sagt er. (Bild Boris Bürgisser)


Generalvikar Martin Grichting, Sie selber führten die Pfarrei-Initiative kürzlich in unserer Zeitung auf die Frust­ration der Pastoralassistenten zurück. Sie hätten zwar eine theologische Ausbildung, dürften jedoch nur die zweite Geige spielen. Betrachten Sie die Personalpolitik der katholischen Kirche als gescheitert?

Martin Grichting: Es führt nichts daran vorbei, dass wir die Inhalte des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Kenntnis nehmen. Ich sehe die Pfarrei-Initiative hier sogar als Chance, um eine längst nötige Diskussion anzukurbeln. Das Problem ist, dass immer nur die Rede von Hierarchie ist, dass diese eigentlich die Kirche sei. Es wird übersehen, dass die Laien auch Kirche sind und vom Konzil in die Welt entsandt wurden. Laientheologen als Mitarbeiter der Hierarchie bilden gerade diese eigentliche Sendung der Laien nicht ab und verstärken so den Eindruck, nur die Hierarchie sei Kirche.

Was wären denn konkret die Aufgaben von Pastoralassistenten?

Grichting: Als Nichtgeweihte sind die Laien dazu berufen, den Glauben im Alltag zu verkünden: also in Familie, Beruf, Gesellschaft und Freizeit. Alles, was sie als Laien beeinflussen können, sollen sie im christlichen Geist tun. Es ist ein riesiger Unterschied, ob an einem Board of Investment ein Christ oder eine Heuschrecke sitzt.

Sie dürften also gar nicht in der Kirche tätig sein?

Grichting: Was heisst Kirche? Die Kirche wird immer auf die hierarchische Institution reduziert. Aber alles, was ein Christ tut, ist Kirche. Das, was die Laien an Zeugnis im Alltag abgeben, ist auch eine kirchliche Sendung. Es ist genauso das Ausbreiten des Wortes Gottes.

Nun leidet aber die katholische Kirche in der Schweiz an Mitgliederschwund, und es herrscht ein Mangel an geweihten Pfarrern. Die Pastoralassistenten sind hier unabdingbar, weil sie eine Lücke füllen. Diese Praxis führt zu Ungehorsam. Wie soll das Problem anders gelöst und der «kirchliche Betrieb» sichergestellt werden wenn nicht durch die in der Pfarrei-Initia­tive vorgeschlagene Anerkennung der Leistungen der Laien?

Grichting: Weltkirchlich gesehen gibt es Laientheologen gar nicht. Es kann also nicht sein, dass die Kirche nur durch solche Laien steht oder fällt. In Ihrer Frage wie in der Pfarrei-Initiative zeigt sich ein strukturkonservatives Denken. Man versucht Strukturen zu erhalten, die heute schlichtweg überdimensioniert sind. Die Stadt Zürich etwa zählt 23 Pfarreien. Das entspricht nicht mehr der heutigen Lebenswirklichkeit.

Wollen Sie damit sagen, dass man die Anzahl Pfarreien in der Schweiz reduzieren müsste?

Grichting: Es gibt immer mehr kleiner werdende Gemeinden. Die Karosserie ist zu gross geworden, verglichen zum Motor. Die Kirche muss bereit sein, auf den Wandel zu reagieren. Auch wenn das heisst, dass man die einzelnen Gemeinden zu vernünftigen Grössen zusammenführen muss und dadurch insgesamt kleiner wird.

Was wird nun mit den Stellungnahmen der Unterzeichner der Initiative geschehen?

Grichting: Ich kann den Bischöfen nicht vorgreifen. Die Stellungnahmen gebe ich an Bischof Huonder weiter, der sie studieren wird. Weitere Entscheidungen werden davon abhängen, was in den Briefen steht. Ich nehme an, dass Bischof Vitus Huonder auch mit Felix Gmür diesbezüglich im Gespräch bleiben wird. Der Bischof des Bistums Basel wartet noch auf die Stellungnahmen seiner Mitarbeiter. Ich gehe davon aus, dass die Bischöfe gemeinsam weiter vorgehen werden. Bis dann wird man keine Entscheidungen fällen gegenüber einzelnen Personen.

Bischof Huonder hatte – bevor er die Stellungnahmen einforderte – angekündigt, dass er die Lehrerlaubnis der Unterzeichner unter Umständen nicht erneuern werde. Ist das weiterhin ein mögliches Szenario?

Grichting: Das ist ein Gerücht, das ich nicht weiter kommentiere. Alles andere wären reine Spekulationen, denn es ist noch zu früh, über allfällige Konsequenzen zu reden.

Hat die Ankündigung des Aufmarsches zur Übergabe der Stellungnahmen im Vorfeld provozierend gewirkt? War Bischof Vitus Huonder unter Umständen deshalb gestern nicht anwesend?

Grichting: Die Initianten haben ihren Aufmarsch in den Medien angekündigt, ohne den Bischof tatsächlich für einen Termin anzufragen. Nun ist es halt einfach so, dass er für Sonntag bereits Termine vereinbart hatte. Die Art und Weise im Vorgehen der Initianten hat auf uns nicht so gewirkt, als wäre man tatsächlich an einem Dialog interessiert.