KIRCHE: «Mea culpa» kommt nicht an

Jetzt entschuldigt sich der Churer Bischof Vitus Huonder für seine Äusserungen über Homosexuelle. Doch das beruhigt seine Kritiker nicht – im Gegenteil.

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Bischof Vitus Huonder fühlt sich missverstanden. (Bild: Keystone/Steffen Schmidt)

Bischof Vitus Huonder fühlt sich missverstanden. (Bild: Keystone/Steffen Schmidt)

Alexandra Hirsiger

Es hätte ein harmloser Vortrag zum Thema Ehe und Familie vor deutschen Katholiken werden sollen. Ende Juli zitierte der Churer Bischof im deutschen Fulda unter anderem aus dem Buch Levitikus (20,13): «Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen.»

Doch die erwähnten Passagen aus dem Alten Testament lösten in der Schweiz grosse Empörung aus. Der Bischof sah sich am 3. August zu einer ersten Stellungnahme gezwungen, in welcher er es bedauerte, dass sein Vortrag als Herabsetzung homosexueller Menschen verstanden wurde. Es handle sich um ein Missverständnis.

Doch darauf entbrannte die Diskussion erst recht. Auch wichtige Kirchenvertreter distanzierten sich von Huonders Aussagen. Sogar der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, Markus Büchel, meldete sich öffentlich zu Wort: «Die Beachtung der Menschenwürde bedeutet auch, eine Person und ihre Beziehungen nicht auf die Sexualität zu reduzieren.» Und der Einsiedler Abt Urban Federer schrieb in einer öffentlichen Stellungnahme: «Zu einer Verurteilung Homosexueller darf es in der Kirche gar nicht kommen.»

Zweite Stellungnahme publiziert

Der Druck wurde so gross, dass sich Bischof Huonder gestern ein zweites Mal an die Öffentlichkeit wandte. In einem Brief, adressiert an die Priester, Diakone sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bistums Chur, rechtfertigt er sich. «Ich möchte mich bei allen Menschen entschuldigen, die sich durch meinen Vortrag verletzt gefühlt haben, besonders bei homosexuell empfindenden Menschen», schreibt Huonder im Brief, der unserer Redaktion vorliegt. Er möchte diesen versichern, dass die Kirche niemanden ausgrenzen, sondern für alle da sein wolle.

Huonders Erklärungsversuch

Huonder erklärte nach mehreren Tagen Bedenkzeit, wie sein Vortrag zu verstehen sei. «Die gewählten Zitate sind nicht Ausdruck meiner Gesinnung, sondern viel mehr meiner Überzeugung, dass im Rahmen einer theologischen Reflexion keine Textstellen aus der Heiligen Schrift verschwiegen werden dürfen, nur weil sie im heutigen Kontext Schwierigkeiten bereiten.»

Man habe grundsätzlich zwischen der theologischen Bewertung einer menschlichen Tat und dem seelsorgerischen Handeln der Kirche zu unterscheiden. Er habe keineswegs sagen wollen, dass die zitierten Bibelstellen für die Kirche eine Anleitung für ihr Handeln sei. «Ich wollte zeigen, dass es in Levitikus eine drastische Ablehnung homosexueller Handlungen gibt und dass wir uns als Christen dessen bewusst sein müssen.» Interessant: Huonder, der in Bezug auf die Berichterstattung über seinen Vortrag grosse Kritik an den Medien übt, wählte einen speziellen Weg, um seine «Mea culpa» öffentlich zu machen. Er wandte sich via Boulevardblatt «Blick» an das Volk.

Trotz dieses gross angelegten Befreiungsschlags konnte Bischof Huonder seine Kritiker offenbar nicht besänftigen. So hält Pink Cross, der Dachverband der Schweizer Schwulenorganisationen, nach wie vor an der bereits eingereichten Strafanzeige gegen Huonder fest. Die neusten Aussagen des Churer Bischofs seien eine «reine Schutzbehauptung, um Druck seitens der Öffentlichkeit abzubauen», teilte Pink Cross gestern mit.

Interpretation des Zitats ist nötig

Auch der Zürcher Kapuziner Willi Anderau hält an seiner Kritik fest. Vor einer Woche äusserte sich der Sprecher der Pfarrei-Initiative, die sich für Reformen der katholischen Kirche einsetzt, in den Medien zu Huonders Vortrag. Er habe sich durch die Bibelzitate des Bischofs an die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich erinnert gefühlt. Von Huonders Entschuldigung und vor allem von seiner Begründung hält er wenig. Anderau sagte gestern gegenüber unserer Zeitung: «Für mich gleicht die Unterscheidung zwischen theologischer Lehre und seelsorgerischem Handeln einer schizophrenen Spaltung der Kirche. Woran soll sich denn die Kirche orientieren, wenn nicht an der theologischen Lehre?» Huonder versäume es, eine zeitbezogene Interpretation dieser alttestamentlichen Textpassagen nachzureichen. Stattdessen habe er die Zitate völlig aus dem kulturellen Kontext gerissen. «Huonder schreibt, dass er diese Stelle gewählt habe, weil er das Alte Testament nicht habe zensurieren wollen. Es liegt aber ein meilenweiter Unterschied zwischen Zensurieren und Interpretieren.» Kapuziner Anderau bedauert es, dass noch immer eine klare Stellungnahme der Bischofskonferenz ausstehe.

Auf Anfrage unserer Zeitung verwies Walter Müller, Sprecher der Bischofskonferenz, gestern auf die ordentliche Versammlung der Bischöfe, die Ende August stattfinden wird. Dort würden auch Huonders Aussagen diskutiert.