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KIRCHE: «Veränderung fordert uns heraus»

Bevor Bischof Markus Büchel von der Spitze der Bischofskonferenz abtritt, spricht er über Vitus Huonder – und über die Distanz zwischen kirchlicher Lehre und Lebensrealität der Menschen.
Interview Tobias Bär
Bischof Markus Büchel (66) ist noch bis Ende Jahr Präsident der Schweizerischen Bischofskonferenz. (Bild: Keystone/Marcel Bieri)

Bischof Markus Büchel (66) ist noch bis Ende Jahr Präsident der Schweizerischen Bischofskonferenz. (Bild: Keystone/Marcel Bieri)

Als direkte Folge der Konflikte strömen Flüchtlinge nach Europa. Die Bischofskonferenz hat die Flüchtlingshilfe zur Christenpflicht erklärt. Was heisst das für die Angesprochenen?

Markus Büchel: Für viele Christen ist das eine grosse Herausforderung. Von einem christlichen Standpunkt aus müssten sie sagen: «Öffnet die Türen!» Gleichzeitig sagt ihnen ihre politische Verantwortung, dass nur eine begrenzte Anzahl Menschen aufgenommen werden kann.

Wie hilft die katholische Kirche?

Büchel: Es wird viel gespendet. Man kann sagen, dass das für uns Reiche einfach ist. Aber die Hilfswerke sind auf das Geld angewiesen. Es geht auch darum, die Meinungsbildung hierzulande zu beeinflussen, zu schauen, dass keine Fremdenfeindlichkeit aufkommt. Zudem haben wir die Pfarreien und Kirchgemeinden aufgefordert, nach Unterbringungsmöglichkeiten für Asylbewerber zu suchen. Seit Freitag wissen wir, dass kirchliche Institutionen im Bistum St. Gallen aktuell rund 70 zusätzliche Plätze anbieten können. Ob sie sich dafür gut eignen, klären wir in den nächsten Tagen mit den Behörden.

Die Konferenz hatte sich auch mit den Äusserungen des Churer Bischofs Vitus Huonder zum Thema Homosexualität zu befassen. Sie haben sich wenige Tage danach von dessen Worten distanziert. Was hat Sie dazu bewogen?

Büchel: Es war Ferienzeit, eine Stellungnahme der Bischofskonferenz war nicht möglich. Man musste aber auf die einseitige Auslegung der Lehre durch Bischof Huonder reagieren. Ich habe mich dann für einen offenen Brief an unsere Seelsorger entschieden und einen anderen Ansatz und eine andere Tonalität gewählt.

Huonder hat zwei Stellen aus dem Alten Testament zitiert. Welchen Fehler hat er dabei gemacht?

Büchel: Er hat einen schnellen Sprung gemacht vom Buch Levitikus in unsere Zeit. Das war ein Fauxpas, der nicht hätte passieren dürfen. Bischof Huonder ist Alttestamentler – umso unverständlicher ist es, dass er nicht differenziert hat. Was natürlich nicht geholfen hat, ist der Nachsatz, dass die Stellen genügen würden, um der Frage der Homosexualität aus der Sicht des Glaubens die rechte Wende zu geben.

Homosexuelle Handlungen werden von der Lehre nicht gebilligt. Gleichzeitig hält die Bischofskonferenz fest, die Kirche stehe allen Menschen gleichermassen offen, unabhängig von ihrer Sexualität.

Büchel: Da ist eine Spannung drin. Aber diese müssen wir aushalten, in vielen Bereichen. Wenn jemand untreu ist, ist das von der Kirche auch nicht zu billigen. Die Anforderungen sind hoch. Aber wir können nicht erwarten, dass der Mensch immer auf diesem hohen Level lebt.

Die Kirche lehnt auch sexuelle Handlungen zwischen Unverheirateten ab. Das zeigt die Distanz zur Lebensrealität der Menschen.

Büchel: Es gibt viele Entwicklungen, die sich noch nicht im Katechismus niedergeschlagen haben. Deshalb ist der Umgang mit Wiederverheirateten und Homosexuellen ja auch ein zentrales Thema der anstehenden Bischofssynode. Gesellschaftliche Veränderungen und neue humanwissenschaftliche Erkenntnisse fordern uns heraus. Wir müssen aufpassen, dass wir mit unseren Glaubenssätzen nicht unglaubwürdig werden.

Vitus Huonder hat bereits früher im Jahr für Schlagzeilen gesorgt, als er die Demission des Urner Pfarrers forderte, der ein lesbisches Paar gesegnet hatte. Wie würden Sie mit einem solchen Pfarrer verfahren?

Büchel: Wenn eine Eheschliessung simuliert wird, dann wird eine Grenze überschritten. Das Ehesakrament ist nach unserer Lehre Mann und Frau vorbehalten. Wenn aber ein Paar sagt, dass es das gemeinsame Leben auch vor Gott verantworten will, dann können wir den Segen nicht verweigern. Nur haben wir noch kein festgeschriebenes Ritual für entsprechende Segnungsformen.

Sie haben eine neue menschen- und sachgerechte Sprache im Umgang mit Homosexualität gefordert. Was meinen Sie damit?

Büchel: Es geht darum, das Wort der Bibel zu übersetzen. Gemäss dem Zweiten Vatikanischen Konzil gibt es aber eine Hierarchie der Wahrheiten, ich darf also gewichten und den Wandel berücksichtigen. Daraus ergibt sich eine Flexibilität in der Auslegung der Wahrheit.

Konservative wie Bischof Huonder sehen das anders.

Büchel: Es gibt jene, die sagen, die Kirche müsse ganz rigoristisch ihre Botschaften verkünden. Dann entwickeln wir uns zu einer kleinen Gemeinschaft. Ich habe eine andere Auffassung. Wir können die Menschen nicht abholen, indem wir Druck auf sie ausüben.

Bevor Sie Präsident der Bischofskonferenz wurden, haben Sie vor der Spaltung der Katholiken gewarnt.

Büchel: Das hat sich seither eher noch verschärft. Ich beobachte ein Bedürfnis einiger Menschen nach klaren Botschaften und Regeln. Gerade bei Jüngeren ist nicht unbedingt der Inhalt wichtig, sondern der Halt in der Gemeinschaft, wie das bei freien religiösen Gruppen der Fall ist, die oft sehr bibeltreu und fundamentalistisch sind.

Ende Jahr endet Ihre Zeit als Präsident der Bischofskonferenz. Welches Fazit ziehen Sie bereits heute?

Büchel: Das Amt fiel in eine kirchengeschichtlich bedeutende Zeit. Es gab den Rücktritt von Papst Benedikt, und dann kam mit Franziskus ein Papst mit einer ganz neuen Sprache. Es gab innerkirchliche Spannungen, etwa die Pfarrei-Initiative. Aber das zeigt mir auch, dass wir eine Basis haben, die mitgeht, mitdenkt und der die Kirche am Herzen liegt.

Interview Tobias Bär

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