Kommentar
Mann + Frau = Reformstau – oder warum es ein drittes Geschlecht braucht, um bei der Gleichstellung voranzukommen

Rentenalter, Dienstpflicht, Witwenrente: Wo das Gesetz zwischen den Geschlechtern einen Unterschied macht, fallen Reformen besonders schwer. Daran tragen alle Parteien eine Mitschuld. Für einen gleichstellungspolitischen Befreiungsschlag braucht es eine radikale Lösung: Drei Geschlechter – oder gar keine mehr.

Christoph Bernet
Christoph Bernet
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Ein drittes Geschlecht könnte ein gleichstellungspolitischer Befreiungsschlag sein.

Ein drittes Geschlecht könnte ein gleichstellungspolitischer Befreiungsschlag sein.

Keystone/Peter Steffen

Es ist ein Geknorze mit der Gleichstellung in diesem Land. Werden Männer und Frauen im Gesetz oder in der Praxis ungleich behandelt, tut sich die Politik schwer damit, dies zu ändern. Ob die Angleichung des Rentenalters am 25. September klappt, ist ungewiss. Erste Umfragen zeigen: Eine klare Mehrheit der Frauen lehnt die Vorlage ab, die Männer wollen sie mehrheitlich annehmen. Die Liste lässt sich verlängern: Ob Frauenquoten für die Leitungsgremien von Sportverbänden, die Angleichung der Witwerrente, Diskussionen über einen Elternurlaub oder die Benachteiligungen von Zweiteinkommen in Ehepaaren.

Des Pudels Kern bei all diesen Fragen ist letztlich immer derselbe. Er lässt sich auf diese Formel herunterbrechen: Mann + Frau = Reformstau. Denn bei genauerer Betrachtung bringt eine Änderung am Status quo entweder eine Benachteiligung des einen Geschlechts auf Kosten des anderen oder der Verlust eines lieb gewonnen Privilegs mit sich. Und häufig wird dabei auch noch die althergebrachte Rollenverteilung zwischen Mann und Frau in Frage gestellt. Das macht Reformen im Sinne der Gleichstellung besonders schwierig – in einer Phase, in der die Schweizer Politik generell an einer Reformunfähigkeit krankt.

Ein leerer Geschlechtereintrag als Befreiungsschlag

Die Rettung könnte in einer unerwarteten Form daherkommen – durch eine Ergänzung des Zivilstandsregisters um ein drittes Geschlecht. Das forderte Roland Peterhans, der Präsident des Schweizerischen Verbands für Zivilstandswesen, in der «NZZ am Sonntag». Das bisher binär ausgelegte Zivilstandsregister bereite jenen Leute Mühe bei der Identitätsfindung, «die ihr Geschlecht nicht definieren können», so der oberste Zivilstandsbeamte der Schweiz.

Auch das Bundesgericht wird sich bald mit der Frage befassen. Eine in Deutschland lebende Person mit Schweizer Staatsangehörigkeit hat die Möglichkeit eines leeren Geschlechtereintrags im deutschen Zivilstandsregister genutzt. Sie will ihren Eintrag nun auch im Schweizer Register leer lassen. Der Fall ist beim Gericht hängig. Nach der Sommerpause wird zudem der Bundesrat einen Bericht über die Auswirkungen der Einführung eines dritten Geschlechts oder des Verzichts auf Geschlechterangaben im Personenstandsregister verabschieden. Er erfüllt damit zwei Postulate von Sibel Arslan (Grüne/BS) und Rebecca Ruiz (SP/VD), die der Nationalrat 2018 angenommen hatte.

Ein drittes Geschlecht oder der Verzicht auf ein amtlich festgelegtes Geschlecht könnte ein gleichstellungspolitischer Befreiungsschlag sein. Denn dieser Schritt würde die noch bestehenden geschlechterspezifischen Gesetzesunterschiede bei den Sozialversicherungen (AHV-Alter und Witwenrente) und bei der Dienstpflicht als jene alten Zöpfe enttarnen, die sie sind.

Bei allem Verständnis für ihre historische Gewachsenheit: Sie gehören abgeschnitten.

Nicht für die Anarchie, für die Gleichstellung

Die Linke als gesellschaftlich fortschrittliche Kraft begrüsst ein drittes Geschlecht. Sie wäre dann konsequenterweise dazu gezwungen, die Angleichung des Rentenalters der Frauen zu akzeptieren. Bei der Witwenrente stiege der Druck auf alle Parteien, die Benachteiligung der Männer zu beenden. Und einer allgemeinen Dienstpflicht könnte sich auch niemand mehr glaubwürdig entgegenstellen. Das würde der von rechts betriebenen, männerbündlerisch-patriotischen Verklärung der Armee endlich ein Ende setzen.

Und nicht zuletzt würde der Staat mit der Einführung eines dritten Geschlechts jene Menschen anerkennen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen. Diese Menschen gibt es, sie sind gleichwertige Mitglieder unserer Gesellschaft. Kein Bibelvers und kein hyperventilierender Feuilleton-Artikel ändert daran etwas.

Führen wir das dritte Geschlecht ein oder schaffen wir Geschlechter gleich ganz ab. Oder, um es mit Mani Matters Zeilen im Lied «Dynamit» zu sagen: «Furt mit dem Ghütt!» Nicht für die Anarchie, wie bei Matter. Sondern für dringend notwendige Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter. Aller Geschlechter.