KOMMENTAR ZUM KIRCHENSTREIT: «Schlicht unglaublich»

Dominik Weingartner über den Kirchenstreit

Dominik Weingartner
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Dominik Weingartner. (Bild: Dominik Wunderli)

Dominik Weingartner. (Bild: Dominik Wunderli)

Es ist ein besonders schlimmer Fall von Kindsmissbrauch, der zurzeit den Kapuzinerorden erschüttert. Ein Pater hat über Jahrzehnte mehrere Dutzend Kinder vergewaltigt. Ein schrecklicher Fall, da sind sich alle einig. Und doch ist darob ein Zwist in der katholischen Kirche entbrannt.

Nachdem unsere Zeitung einen Bericht publizierte, der nach der Rolle des einstigen obersten Schweizer Kapuziners Mauro Jöhri fragte, schlugen dessen Unterstützer zurück. Sie vermuteten rasch eine Kampagne aus konservativen Kreisen gegen Jöhri, der heute als oberster Kapuziner der Welt in Rom amtet. Jöhri gilt als Kandidat für das Amt des apostolischen Administrators im Bistum Chur, wenn Bischof Vitus Huonder im April aus Altersgründen seinen Rücktritt einreichen muss. Und tatsächlich kam der Hinweis von Huonders Mediensprecher Giuseppe Gracia. Die Unterstützer Jöhris sehen sich bestätigt. Alles nur eine Schmutzkampagne. Doch sie machen es sich zu einfach. Ob Gracia politische Motive zu seinem Gang an die Medien bewogen haben, ist in diesem Fall zweitrangig. Relevant ist die Frage, ob der oberste Kapuziner der Welt bei der Vertuschung des Falles mitgewirkt hat. Und wie glaubwürdig seine Appelle, bei solchen Fällen rigoros vorzugehen, dann noch sind.

Doch die Beantwortung dieser Frage verhindert ausgerechnet Mauro Jöhri selber, der sich in der Öffentlichkeit nicht dazu äussern will. Lieber ficht man politische Kämpfe aus. Vor dem Hintergrund dieses äusserst schweren Falles sexuellen Missbrauchs in der Kirche ist das unangebracht. Und die Vorgänge zeigen einmal mehr, wie schwer sich die katholische Kirche nach wie vor tut, mit Missbrauchsfällen umzugehen.

Dominik Weingartner

dominik.weingartner@luzernerzeitung.ch