KONTROLLE: So viele Temposünder geblitzt wie nie

Die immer grössere Radardichte zeigt Wirkung: Im letzten Jahr wurden so viele Temposünder erwischt wie noch nie. Gleichzeitig sank die Zahl der groben Raser.

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Blitzkästen haben laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung auch eine präventive Wirkung. (Bild Roger Grütter)

Blitzkästen haben laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung auch eine präventive Wirkung. (Bild Roger Grütter)

Kari Kälin

Man fährt zum Beispiel mit 56 km/h durch ein Dorf – und schon flattert eine Busse von 40 Franken ins Haus. Wer sich über solch selbst verschuldete Bussen ärgert, kann sich immerhin mit etwas trösten: Man kann seinen Frust mit anderen teilen – und zwar im Millionenmassstab. Denn im letzten Jahr wurde auf Schweizer Strassen nicht weniger als 4,11 Millionen Mal ein Fahrzeuglenker mit zu hoher Geschwindigkeit erwischt. Das sind fast 942 000 oder rund ein Viertel mehr als noch vor fünf Jahren.

Die Zunahme bei den ertappten Temposündern geht einher mit einem immer engmaschigeren Radarnetz. Noch im Jahr 2010 verfügten die Polizeien über 707 Tempomessanlagen. Im letzten Jahr waren es bereits 763. Bei mehr als der Hälfte handelt es sich dabei um fest installierte Blitzkästen. Die Zahl der kontrollierten Fahrzeuge stieg im gleichen Zeitraum von 752,1 auf 942,4 Millionen. Das entspricht einer Zunahme von rund 25 Prozent, wie aktuelle Zahlen des Bundesamtes für Statistik zu den polizeilichen Verkehrskontrollen zeigen.

Rund 84 000 Verzeigungen

Dass immer mehr Fahrzeuglenker gebüsst werden, bedeutet aber nicht, das hierzulande immer hemmungs- und rücksichtsloser aufs Gaspedal gedrückt wird. Das Verhältnis zwischen den kontrollierten Fahrzeugen und den Temposündern ist seit Jahren stabil und liegt bei 0,4 Prozent. Das heisst: Nur 4 von 1000 Verkehrsteilnehmern, die von einem Radar erfasst werden, sind zu schnell. Zudem überschritt im letzten Jahr nur noch 84 242 Mal (2013: 94 989) ein Autofahrer die Tempolimite so stark, dass er verzeigt wurde und sein Verfehlen nicht mit einer Ordnungsbusse erledigen konnte. Verzeigt wird man zum Beispiel dann, wenn man in der 50er-Zone mit 66 km/h geblitzt wird. Mit anderen Worten: Grobe Temposünder und Raser scheinen auf dem Rückzug zu sein.

«Wirksame Sicherheitsmassnahme»

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) begrüsst denn auch die intensivere Kontrolltätigkeit. «Überhöhte Geschwindigkeit ist nach wie vor eine zentrale Unfallursache. Und Tempokontrollen sind erwiesenermassen eine wirksame Sicherheitsmassnahme», sagt BfU-Sprecher Daniel Menna. Wenn die Lenker ständig damit rechnen müssten, ertappt zu werden, so Menna weiter, würden sie auch ihren Fahrstil anpassen. Dass Radaranlagen in der Öffentlichkeit häufig als Abzockergeräte verschrien werden, kann er nicht verstehen.

Auch für das Bundesamt für Strassen ist klar, dass die Geschwindigkeitskontrollen die Sicherheit erhöhen. In der Publikation «Strassen und Verkehr 2013» schreibt es, dass ohnehin nur 1 Prozent der Verkehrsteilnehmer im Visier der Kontrollen seien. Gemäss Verkehrsexperten würden nämlich rund 95 Prozent der Autofahrer aus eigener Überzeugung korrekt fahren, während weitere 4 Prozent die Tempolimiten aus Angst vor Bussen einhalten würden.

SVP: «Raubzug» und «Bussenterror»

Das Sicherheitsargument kommt aber nicht überall gut an. Das hat auch mit der Finanzpolitik der Kantone zu tun. «Rekord! Kantone budgetieren über 250 Millionen Franken an Bussen», schrieb der «Blick» im letzten Dezember.

Vor allem Politiker der SVP wettern lauthals, die Bussen seien quasi zu einer Steuer verkommen, um die Finanzen aufzubessern. Der Zürcher Nationalrat Christoph Mörgeli spricht von einem «Raubzug auf die Fahrzeuglenker bei geringen Geschwindigkeitsübertretungen» und sagt: «Dieser Bussenterror hat nichts mit Verkehrssicherheit zu tun, sondern dient lediglich dem jeweils zuvor schon budgetierten Auffüllen der Staatskassen.» Mörgeli hat auf politischer Ebene einen Teilerfolg verbucht. Die Verkehrskommission des Nationalrats hat einem Vorstoss zugestimmt, in dem Mörgeli bei Lasermessungen auf Autobahnen höhere Toleranzwerte (5 anstatt 3 km/h bei 100 km/h) fordert.

Der Solothurner SVP-Nationalrat Walter Wobmann verlangt derweil in einer Motion, dass die Autofahrer einen direkten Nutzen von den Bussen haben sollten – indem via tiefere Motorfahrzeugsteuern das Geld quasi zurückerstattet und für mehr Verkehrssicherheit eingesetzt wird. Der Bundesrat lehnt diese Idee jedoch ab, weil er unter anderem befürchtet, dass die Bussen dadurch ihren abschreckenden Charakter verlieren würden. Ebenfalls kein Gehör hat die Landesregierung für den Vorschlag des Freiburger SVP-Nationalrats Jean-François Rime, mit den Bussengeldern die AHV zu alimentieren.

BfU-Sprecher Daniel Menna bedauert die politische Aufregung um Radaranlagen. «Geschwindigkeitskontrollen machen die Strassen sicherer», sagt er.
 

Die Unfallverhüter fordern mehr Kontrollen ausserorts

Bild: web/BfU/BfS

Bild: web/BfU/BfS

5,78 Millionen Motorfahrzeuge waren 2014 in der Schweiz immatrikuliert. Das sind so viele wie noch nie und entspricht gegenüber 1980 einer Verdoppelung. Den grössten Anteil machen die Autos (4,38 Millionen) aus. 2014 wurden auf Schweizer Autobahnen 26 890 Millionen Kilometer zurückgelegt – ein Rekord. Damit verlängerte sich aber auch die unfreiwillige Wartezeit: Während 21 541 Stunden standen Autofahrer im Stau, was gegenüber dem Vorjahr einer Zunahme von 4,6 Prozent entspricht. Der grösste Teil ist auf Verkehrsüberlastungen zurückzuführen, gefolgt von Unfällen und Baustellen, wie aus einer aktuellen Statistik des Bundesamtes für Strassen hervorgeht.

Rund 42 Prozent des Gesamtverkehrs wickeln sich laut dem Bundesamt für Strassen auf Autobahnen ab, obwohl sie nur 2,5 Prozent des gesamten Schweizer Strassennetzes ausmachen.

Weniger gravierende Unfälle

Obwohl immer mehr Autos unterwegs sind, sinkt die Anzahl Unfälle mit gravierenden Folgen. Im letzten Jahr starben auf Schweizer Strassen 243 Personen (2013: 269), während 4043 schwere Verletzungen erlitten (2013: 4129). Die Tendenz zeigt also in eine positive Richtung. Gerade bei den Geschwindigkeitskontrollen erkennt die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) aber noch mehr Präventionspotenzial. Sie kritisiert, dass die wenigsten Kontrollen ausserorts stattfinden, obwohl dort die meisten Unfälle passieren, bei denen Menschen sterben oder sich schwer verletzen. Die BfU fordert daher mehr Geschwindigkeitskontrollen auf Ausserortsstrassen.

Das wäre auch im Sinne des Aargauer SVP-Nationalrats und Transportunternehmers Ulrich Giezendanner. Dafür würde er Blitzkästen dort entfernen, wo der Verkehr seiner Meinung nach nicht gefährlich ist. So verlangte er etwa in einer Motion, dass auf Autobahnen künftig nur noch stichprobenweise oder an unfallträchtigen Abschnitten Radarkontrollen gemacht werden dürfen. Der Nationalrat stimmte dem Anliegen zu, der Ständerat versenkte es aber.

Bild: web/BfS

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