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Senioren am Steuer: Sollen sie statt zum Medizincheck bald zur Kontrollfahrt aufgeboten werden?

Senioren sollen künftig ab 75 Jahren Kontrollfahrten absolvieren, um ihre Fahrtüchtigkeit unter Beweis zu stellen. Der Vorschlag von SVP-Nationalrat Pierre-André Page stösst bei Experten auf Skepsis.
Kari Kälin
Die Behörden können Autofahrerinnen und -fahrer schon heute zu Testfahrten aufbieten. (Bild: Alexandra Wey/Keystone)

Die Behörden können Autofahrerinnen und -fahrer schon heute zu Testfahrten aufbieten. (Bild: Alexandra Wey/Keystone)

Wie klärt man am besten ab, ob sich Senioren noch ans Steuer setzen sollten oder nicht? Der Freiburger SVP-Nationalrat Pierre-André Page plädiert für einen Systemwechsel. In einem Postulat schlägt er vor, die regelmässigen ärztlichen Untersuchungen zu ersetzen durch praktische Fahrkontrollen. Der Vorstoss ist für die Sondersession des Nationalrats von nächster Woche traktandiert.

Das Können in der Praxis prüfen

Page könnte sich vorstellen, dass die Senioren den Fahrtest im Rahmen von einem Weiterbildungstag, wie er für Neulenker obligatorisch ist, absolvieren. «Während eines Fahrtrainings mit einem Experten könnte man sich ein besseres Bild von den tatsächlichen Fähigkeiten der Automobilisten machen», sagt er. Dabei könnten die Seh- und Hörkraft und das Wissen um die Regeln bei realen Verkehrssituationen geprüft werden. Die Schweiz stünde mit einer solchen Regelung allerdings weit und breit allein da. So müssen Senioren in keinem EU-Land zu Fahrtests antraben.

Pages Vorstoss ist auch eine Reaktion auf eine parlamentarische Initiative von Nationalrat Maximilian Reimann. Der bald 77-jährige Aargauer Nationalrat setzte sich erfolgreich dafür ein, dass die regelmässigen ärztlichen Kontrolluntersuchungen erst ab 75 anstatt 70 Jahren stattfinden. Seit Anfang Jahr gilt das neue Regime. «Diese Lösung ist unbefriedigend», sagt Page. Eine solche Untersuchung eigne sich nicht dafür, das fahrerische Können zu erfassen. Er verlangt vom Bundesrat einen Bericht über die Vor- und Nachteile des heutigen Systems. Der Bundesrat empfiehlt Pages Postulat zur Ablehnung. Man habe bisher keine Anzeichen, dass die Fahrkompetenz von Senioren ein Problem darstelle, sagt Thomas Rohrbach, Sprecher des Bundesamtes für Strassen (Astra). «Die medizinische Fahreignung hingegen ist für eine sichere Fahrweise zen­tral», sagt er – und gibt zu bedenken, dass während einer Kon­trollfahrt Krankheiten wie zum Beispiel Diabetes oder Bluthochdruck gar nicht mehr entdeckt werden könnten.

Verkehrsmediziner warnt vor Verzicht

Rolf Seeger, Verkehrsmediziner aus Winterthur, stützt Rohrbachs Argumentation. «Kontrollfahrten können die medizinische Fahreignungsprüfung keinesfalls ersetzen», sagt er. Es sei möglich, dass es während einer Testfahrt im Strassenverkehr zu keiner Situation komme, in der ein eingeschränktes Sichtfeld ein Problem darstelle. «Und wenn man um die Mittagszeit bei Sonnenschein unterwegs ist, wirkt sich eine verminderte Sehschärfe auch nicht gleich aus wie in der Dämmerung.» Seeger plädiert dafür, hochbetagte Fahrer ab 80 oder 85 Jahren zusätzlich zum medizinischen Check zu Kontrollfahrten aufzubieten. «Auch bei gesunden Senioren kommt es zu einer erheblichen Verlangsamung der Denkfähigkeit. Es dauert länger, bis sie eine Situation richtig erfassen.» Seeger vermutet jedoch, dass dieser Vorschlag kaum politische Chancen hätte.

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) sieht keinen Anlass, für alle Lenker ab einem bestimmten Alter zusätzliche Fahrtrainings und Testfahrten durchzuführen. «Das wäre mit einem sehr hohen Aufwand verbunden. Vor einer allfälligen Einführung müsste belegt sein, dass die Massnahme eine hohe Wirkung hat», sagt bfu-Sprecher Marc Kipfer. Er weist darauf hin, dass die Behörden Fahrzeuglenker schon heute zu Testfahrten aufbieten können. Dies ist dann der Fall, wenn Zweifel an der Fahrkompetenz bestehen, wie es im Strassenverkehrsgesetz heisst.

Jährlich 500 Kontrollfahrten im Kanton Luzern

Das Strassenverkehrsamt Luzern zum Beispiel ordnet jährlich rund 500 Kontrollfahrten an. Davon entfallen nur rund 100 davon auf Senioren, wie das Amt auf Anfrage mitteilt. Die Lenker müssen zum Beispiel antraben, wenn sie durch einen unsicheren Fahrstil auffallen, das Nichtbeherrschen des Fahrzeugs zu einem Unfall geführt hat oder wenn ein Arzt sicherheitsrelevante medizinische Probleme meldet.

Aus gesundheitlichen Gründen mussten im letzten Jahr 1102 Autofahrer zwischen 70 und 74 Jahren ihr «Billett» abgeben, ab 75 Jahren waren es 2047. Das geht aus einer aktuellen Astra-Statistik hervor. Verkehrsmediziner befürchten, dass mit der Heraufsetzung der Alterslimite für die Kontrolltests künftig mehr Fahrer auf den Strassen unterwegs sind, die es nicht mehr sein sollten.

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