KOPF DES TAGES: Eifer und Ehrgeiz sind mit ihm

Er ist seit über einem Jahrzehnt von der Politbühne abgetreten. Doch Rudolf Strahm kann die Politik nicht lassen.

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Rudolf Strahm (Bild: Keystone)

Rudolf Strahm (Bild: Keystone)

Ist er eigentlich noch Nationalrat? Oder doch nicht? Einerlei. Rudolf Strahm (74), Ex-Nationalrat, Ex-Preisüberwacher, Ex-Mieterverbandspräsident, kann es nicht lassen. Mal geisselt er seine Partei, die SP, für ihren antiquierten Klassenkampf, mal mockiert er sich über die Profiteure der Hochpreisinsel, mal ortet er «finanzielle Osteoporose», wenn es um die Unternehmenssteuerreform geht.

Seine Plattform ist eine Kolumne im «Tages-Anzeiger». Und auch wenn einem das Strahm’sche «Also sprach Zarathustra. . .» nicht immer schmeckt, so ist doch neidlos anzuerkennen: Der Furor, der dem Autor in die Feder fliesst, sorgt immer wieder für kontroverse Diskussionen. Das geht zuweilen so weit, dass das Medienhaus an der Zürcher Werdstrasse seinen Kolumnisten gar interviewt. So geschehen gestern, als die Ratlosigkeit um den Plan C nach der Maurer’schen USR-III-Pleite derart gross war, dass Strahm als «SP-Vordenker» den Weg aus dem Dilemma über das «Wie weiter?» weisen musste.

Dass der gebürtige Emmentaler und Primarlehrer-Sohn nicht zweimal gebeten werden musste, seine Sicht der Dinge über «eine finanziell ausgeglichene neue Vorlage» darzulegen, ist anzunehmen. Denn ob als «Monsieur Prix» oder als Präsident der mächtigen Wirtschaftskommission des Nationalrats: Strahm war immer ein Mann für die erste Reihe. Einer, der das Rampenlicht suchte und fand. Einer auch, der Gefallen an der Macht und am Habitus des Mächtigen hatte. Und einer, den die Lust an der – häufig intelligenten – Provokation immer wieder übermannt.

Dabei mag schon vor über vier Jahrzehnten, als Strahm eine Laborantenlehre in der Basler Chemie absolvierte, einiges auf den späteren Weg hingedeutet haben: der Ehrgeiz. Der Lehre liess der Älteste von fünf Geschwistern zuerst das Studium der Chemie, danach jenes der Volks- und Betriebswirtschaft folgen, ehe der Gang durch Ämter und Institutionen begann. Eine politische Karriere, die offiziell vor einem Dutzend Jahren zu Ende ging. Eine Laufbahn aber auch, die dem klassischen Überzeugungstäter wohl Lebensweg bleiben wird.

Dazu gehört auch der Eifer, der aus den Worten des Bewohners eines Einfamilienhauses in Herrenschwand bei Bern spricht. Kein Wunder, dass es Strahm in die Lehrtätigkeit gezogen hat. Heute noch nimmt er verschiedene Lehraufträge wahr. Ja, die Berufsbildung, das ist sein Thema. Darüber hat Rudolf H. Strahm – der Initialbuchstaben des zweiten Vornamens steht nur auf den Buchdeckeln – viel publiziert. Zum Beispiel in der «Akademisierungsfalle», wo Strahm ausführt, «warum nicht alle an die Unis müssen».

Aber nicht nur dies: Zusammen mit der heutigen Bundesrätin Simonetta Sommaruga hatte er schon vor über zehn Jahren «einen praktischen Reformplan» entworfen: «Für eine moderne Schweiz» heisst das Werk, das auch als Differenzierung des Anfang der 2000er-Jahre SP-intern mächtig polarisierenden Gurten-Manifests gelesen werden konnte. Damals wie heute: Rudolf Strahm spielt seine Rolle als «reformistischer Pragmatiker» (Neue Zürcher Zeitung) perfekt. Selten allein. Häufiger mit medialem Rückenwind, der aus Zürich Aussersihl weht. Aber immer so, dass man denkt: Mehr Strahm würde der Schweizer Sozialdemokratie von heute gut tun.

 

Balz Bruder