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KOPF DES TAGES: Ernst Sieber, der Knecht Gottes

Ernst Sieber ist der bekannteste Pfarrer der Schweiz. Dies vor allem wegen seines sozialen Engagements. Morgen wird er 90 Jahre alt.
Pfarrer Ernst Sieber wird 90.

Pfarrer Ernst Sieber wird 90.

Er ist einer, dem man sich nicht entziehen kann. Als wortgewaltiger Redner hat er die Gabe, Menschen für sich einzunehmen: der Zürcher Pfarrer Ernst Sieber.

So war es auch, als er in den Neunzigerjahren vor Weihnachten mit rund 200 obdachlosen Drogenabhängigen vom Letten im Sonderzug ins Tösstal fuhr, um «diese Ärmsten der Armen» über die Festtage in einer leerstehenden Textilfabrik unterzubringen: Er nahm die sehr skeptische Bevölkerung im Nu ein für sich und seine Aktion «Betten statt Letten».

Schon damals war Ernst Sieber bekannt als Obdach-losenpfarrer. Diesen Ruf begründete er im Seegfrörni-Winter 1963, als er auf den Strassen Zürichs lebende Randständige in der städtischen Zivilschutzanlage unter dem Helvetiaplatz einquartierte, ihnen so einen Platz an der Wärme gab.

Siebers Bekanntheit steigerte sich noch, als es ihm, dem Meister der Symbolik, gelang, bei den Zürcher Jugendunruhen 1980 eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und der Polizei zu verhindern, indem er sich mit seinem Esel zwischen die Fronten stellte. Bilder davon schafften es selbst in die Tagesschau.

Das Evangelium nicht nur mit Worten, sondern mit Taten zu verbreiten, dies gehört seit je zu Ernst Sieber, der sich als junger Mensch zwar zuerst für eine Ausbildung zum Landwirt entschied, dann aber die Matura auf dem zweiten Bildungsweg nachholte und schliesslich Theologie studierte, «Knecht Gottes» (Sieber) wurde.

Seinen guten Ruf nutzte Pfarrer Sieber auch zur Zeit der offenen Drogenszene in Zürich. Während die Behörden damals hilflos agierten, der Kantonsarzt die Spritzenabgabe an Süchtige verbot, schuf Sieber unermüdlich Institutionen, um den verwahrlosten Drogenabhängigen zu helfen. Das Fachspital Sune-Egge für Aidskranke etwa war eine seiner Pionierleistungen. Für all sein Engagement in dieser Sache machte ihn die Universität Zürich zum Ehrendoktor.

All seine Institutionen fasste Sieber schliesslich in der Stiftung Sozialwerke Pfarrer Ernst Sieber zusammen. Und er wollte mehr: ein nationales Drogendorf für Tausend Abhängige aufbauen. Um dies zu erreichen, liess sich Sieber anfangs der Neunzigerjahre gar für vier Jahre in den Nationalrat wählen. Dass der Bund dann aber für dieses Projekt lediglich 200000 Franken lockermachen wollte, enttäuschte ihn tief.

Es war nicht die einzige Enttäuschung: Siebers Sozialwerke florierten zwar und generierten reichlich Spendengelder. Doch dann enthüllten die Medien, dass Hunderttausende von Franken in eine Millionenüberbauung gesteckt wurden, an der sein Schwiegersohn beteiligt war. Als auch noch rauskam, dass für die Mitarbeiter keine Sozialabgaben bezahlt wurden, hatte die Stiftung ernsthafte Schwierigkeiten. Der Konkurs drohte.

Gerettet worden ist Sieber, der stets naiv unterschrieb, was ihm vorgelegt wurde, durch einen anonymen Grossspender, der sich allerdings herausbedingte, Sieber habe die Stiftung zu verlassen. Lediglich Ehrenpräsident durfte er noch sein.

Diese Probleme mochten den Ruf Siebers indes nicht beschädigen: Zu seinem Achtzigsten erhielt er die Ehrenmedaille der Stadt Zürich, sechs Jahre später das Zürcher Staatssiegel für sein Lebenswerk.

Nun also ist Ernst Sieber 90 Jahre alt. Die Frage nach seinem Geburtstagswunsch beantwortet er uns so: Er sei «mit der allerschönsten Frau verheiratet» und hoffe, dass sie ihn überlebe. «Denn ohne sie stünde ich mit abgesägten Hosen da!»

Richard Clavadetscher

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