KOPFTUCH: Verstoss gegen Menschenwürde

Mädchen mit Kopftuch zur Schule zu schicken, verstosse gegen die Menschenwürde, sagt Frauenrechtlerin Necla Kelek. Sie kritisiert das Bundesgericht scharf.

Interview Kari Kälin
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Necla Kelek zur Debatte um das Tragen des Kopftuches: «Das Kopftuch ist ein politisches Symbol.» (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Necla Kelek zur Debatte um das Tragen des Kopftuches: «Das Kopftuch ist ein politisches Symbol.» (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Necla Kelek, das Bundesgericht hat entschieden, dass zwei unterdessen 17-jährige muslimische Mädchen den Unterricht weiterhin mit Kopftuch besuchen dürfen, obwohl dies die Schulordnung verbietet. Ein gutes Urteil?

Necla Kelek*: Nein. Damit senden die Richter ein falsches Signal aus. Das Kopftuch ist ein politisches Symbol, um eine bestimmte Richtung des Islams in Europa leben zu können.

Die mazedonischen Mädchen haben erklärt, sie würden das Kopftuch freiwillig, ohne elterlichen Druck, tragen.

Kelek: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Kind den Unterschied zwischen Freiwilligkeit und Zwang kennt. Die Eltern bestimmen über ihre Kinder. Und die Kinder tun das, was die Eltern wollen.

Die Eltern der Mädchen berufen sich auf die Religionsfreiheit, die von der schweizerischen Bundesverfassung geschützt ist.

Kelek: Ich plädiere für das «Recht auf Kindheit». Nur wenn sich Kinder ohne Bevormundung durch religiöse Vorschriften entwickeln, werden sie verantwortungsbewusste Menschen, die an der Gesellschaft teilhaben. Mädchen mit Kopftuch an die Volksschule zu schicken, hat für mich nichts mit Religionsfreiheit oder dem Recht der Eltern auf Erziehung zu tun.

Sondern?

Kelek: Es handelt sich um einen Verstoss gegen die Menschenwürde und das Diskriminierungsverbot, das auch von der schweizerischen Verfassung garantiert ist.

Würde ein Kopftuchverbot für Schülerinnen nicht die persönliche Freiheit, die ebenfalls in der Verfassung verankert ist, zu stark beschneiden?

Kelek: Religion ist nur Teil der Freiheit, sie kann nicht über der Verfassung stehen. Der Staat muss zum Wohle des Kindes und der Gesellschaft das Erziehungsrecht der Eltern kritisch begleiten. Schulen sind für mich die «Integrationsagenturen» schlechthin. Hier muss unsere Gesellschaft die Möglichkeit haben, ihren Erziehungs- und Bildungsauftrag zu erfüllen. Die säkularen Muslime sollten sich dagegen wehren, die Interpretation ihrer Religion den anderen zu überlassen.

Hätte das Bundesgericht demnach das Kopftuch im Namen der Gleichstellung und der Integration aus der Schule verbannen sollen?

Kelek: Ja. Strengreligiöse Muslime brauchen in der Schweiz die von der Verfassung garantierte Religionsfreiheit als Vehikel, um das islamische Geschlechtermodell der unterschiedlichen Behandlung von Männern und Frauen durchzusetzen.

Unter den Muslimen ist es umstritten, ob die Religion ein Kopftuch vorschreibt. Klären Sie uns auf: Was gilt?

Kelek: Ich bestreite, dass es diese «religiöse Verpflichtung» gibt. Und ich kann mich dabei auf den Koran und die Überlieferungen berufen. Man(n) kann so tun, als sei das Kopftuch religiös geboten, aber der Koran und die Sunna lassen andere Interpretationen zu. Wer das Kopftuch will, interpretiert die Überlieferung im eigenen Interesse. In Deutschland gehört er zu der Minderheit, die Religion nicht spirituell, sondern als Gesetz begreifen.

Im Kanton St. Gallen dürfen zwei somalische Mädchen wieder zur Schule, obwohl der Erziehungsrat ein Kopftuchverbot empfiehlt. Sind wir Europäer zu tolerant?

Kelek: Was ein Entgegenkommen bedeutet, kann man anhand von alltäglichen und auch extremen Beispielen erörtern.

Nämlich?

Kelek: Alltäglich ist die Frage, ob «religiöse Regeln» wie das Verbot, Schweinefleisch zu essen, Auswirkungen auf Schulkantinen hat. Niemand zwingt Vegetarier oder Muslime, Würstchen zu essen. In der Praxis isst dann aber nicht einer Lamm- und der andere Schweinswürstchen.

Ein solches kulinarisches Nebeneinander akzeptieren strenggläubige Muslime nicht?

Kelek: Nein. Schon der Umgang mit Schweinefleisch gilt als «unrein». Kochtöpfe, in denen das Fleisch zubereitet wurde, gelten als kontaminiert. Ich habe erlebt, dass sich eine muslimische Frauen weigerten, zum Kaffee in die christliche Nachbargemeinde zu gehen, weil sie dort essen müssten, das in der «unreinen» Küche zubereitet wurde.

Sind Sie selber gläubig?

Kelek: Ich bezeichne mich als Kulturmuslimin. Wenn ich die Moschee oder eine Beerdigung besuche, trage ich Kopftuch. Ich feiere muslimische Feste. Aber im privaten und nicht im politischen Rahmen.

Hinweis

* Necla Kelek (55) kam mit 10 Jahren von Istanbul nach Deutschland, wo sie später Volkswirtschaft und Soziologie studierte. Heute forscht sie zu Parallelgesellschaften, Islam und Integration.