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Weniger wählen den Freitod: Das Ende des Sterbehilfe-Booms

Erstmals steigt die Zahl der assistierten Suizide von Schweizerinnen und Schweizern nicht weiter an. Der Grund dafür ist laut Experten der Ausbau der Palliativmedizin.
Andreas Maurer
Weniger Menschen in der Schweiz nutzen die Dienste einer Sterbehilfeorganisation. (Bild: Getty)

Weniger Menschen in der Schweiz nutzen die Dienste einer Sterbehilfeorganisation. (Bild: Getty)

Dreizehn Jahre lang bewegten sich die Zahlen in eine Richtung: nach oben. Jahr für Jahr be­endeten mehr Leute, die in der Schweiz wohnen, ihr Leben mit den Diensten von Sterbehilfe­organisationen. Nun ist die Zahl zum ersten Mal nicht mehr angestiegen. Was in der Schweiz derzeit passiert, passt zu einer Veränderung, die weltweit zu beobachten ist. Doch der Reihe nach.

Das gesellschaftliche Phänomen ist relativ jung. Im Jahr 2003 erreichten die assistierten Suizide eine Grössenordnung, die sie für das Bundesamt für Statistik relevant machten. Erstmals wurden sie in einer eigenen Kategorie erfasst. Damals nahmen sich 187 Leute mit Wohnsitz in der Schweiz das Leben mit der Hilfe einer Freitodorganisation. In den darauffolgenden dreizehn Jahren fand eine Verfünffachung statt. 2015 starben 965 Personen, indem sie einen Giftbecher einer Freitodorganisation tranken oder eine zur Verfügung gestellte Infusion aufdrehten.

Der Sterbehilfe-Boom hatte positive Folgen. Im gleichen Zeitraum ging die Zahl der «normalen», nichtassistierten Suizide von rund 1300 auf 1000 pro Jahr zurück. Doch dieser Rückgang ist viel kleiner als die Zunahme der Freitodbegleitungen. Zählt man die assistierten und die nicht­assistierten Suizide zusammen, kommt man mittlerweile auf 2000 Fälle pro Jahr. Zum Vergleich: Nur 230 Leute sterben hierzulande durch Verkehrsunfälle. Wenn die Sterbehilfe-Fälle im gleichen Tempo wie bisher zunähmen, erreichten sie beunruhigende Ausmasse.

Die Folgen der Palliativmedizin

Doch nun haben die Statistiker einen Knick in der Kurve festgestellt. Zum ersten Mal seit dem Beginn der Statistik sind die assistierten Suizide zurückgegangen: auf 928 Fälle. Es handelt sich um eine Reduktion von vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die neusten Zahlen des Bundes stammen von 2016. Neuere Zahlen aus anderen Quellen deuten darauf hin, dass es sich um den Beginn einer Stagnation handeln dürfte. Vier Fünftel aller assistierten Suizide von Schweizern werden von Exit durchgeführt. Der Verein verzeichnete den Höhepunkt der Anzahl Fälle ebenfalls im Jahr 2015 und danach den ersten Rückgang. 2017 stieg die Zahl nur minim an und blieb unter dem bisherigen Höchstwert.

Der Exit-Vorstand nennt als einen der Gründe für den Rückgang die besser ausgebaute Palliativmedizin. Diese hat das Ziel, unheilbar kranken Menschen ein Leben mit möglichst wenig Beschwerden zu ermöglichen. Der Tod soll dabei weder beschleunigt noch verzögert werden. Monika Obrist, Präsidentin des Vereins Palliative CH, stellt fest, das Angebot sei in den vergangenen fünf Jahren schweizweit in allen Leistungsbereichen ausgebaut worden. Viele Leute hätten dadurch gemerkt, dass es diverse Möglichkeiten gebe, das Leben trotz Krankheit mit hoher ­Lebensqualität zu gestalten. «Man muss weder leiden bis zum Ende noch das Ende selber aktiv ­herbeiführen», sagt sie. Deshalb gehe Monika Obrist davon aus, dass die Zahl der assistierten Suizide nicht mehr ansteigen und sich auf dem heutigen Niveau einpendeln werde.

Die offene Frage ist, wie die Generation der Babyboomer mit dem Lebensende umgehen wird. Diese wird in 20 bis 30 Jahren das 80. Lebensjahr erreichen. Exit rechnet damit, dass dann fünf Prozent der Todesfälle in der Schweiz assistierte Suizide sein werden. Heute sind es 1,5 Prozent.

Globale Good News

Die Todesursachenstatistik erfasst nur die assistierten Suizide von Menschen mit Wohnsitz in der Schweiz. Das Land ist weltweit bekannt für sein liberales Sterberecht. Jahrelang stieg deshalb auch die Zahl der Ausländer an, die ihre letzte Reise in die Schweiz antraten. Doch beim Sterbetourismus könnten die Boom-Jahre nun ebenfalls vorbei sein. Dignitas ist die zweitgrösste Sterbehilfeorganisation der Schweiz und bedient im Gegensatz zur Branchenführerin Exit auch Ausländer. Am Dienstag veröffentlichte der Zürcher ­Verein seine Zahlen für 2018. Er führte 221 Freitodbegleitungen durch. Seit 2012 befindet sich die Zahl auf diesem Niveau.

Dass die Nachfrage nach der «Swiss Option» nicht mehr wie bisher ansteigt, führt zur Frage, ob sich Ausländer vermehrt in ihrer Heimat umbringen. Doch das Gegenteil trifft zu. In fast allen Ländern ist die Suizidrate in den vergangenen Jahrzehnten gesunken.

Sonderfall Appenzell Innerrhoden

Hehre Traditionen, herber Käse, heile Welt: Dafür wird der Kanton Appenzell Innerrhoden vom Rest der Schweiz geschätzt. Doch der kleine Halbkanton hat eine düstere Seite. Nirgendwo im Land ist die Suizidrate so hoch wie hier. Appenzell Innerrhoden führt die traurige Statistik seit Jahren an, knapp vor den Kantonen Jura, Thurgau und Appenzell Ausserrhoden.

Der Gewaltberater Andreas Hartmann kennt die Situation im Appenzellerland gut. Die hohe Suizidrate überrascht ihn nicht. «Die soziale Kontrolle ist hoch, die Sichtweise zuweilen eng. Hier macht man die Dinge so, wie sie die anderen machen. Andersartigkeit ist man sich nicht gewohnt», sagt Hartmann. Wer von aussen in kleine Dörfer ziehe oder von der sozialen Norm abweiche, habe grosse Schwierigkeiten, sich zu integrieren. «Wer am Rand steht, bleibt auch am Rand. Und während man in anderen Regionen einfach anderswo Anschluss finden kann, wählt man hier tragischerweise schneller mal den fatalen Ausweg aus dem Dilemma.»

In Appenzell Innerrhoden sucht man seit Mittwoch neue Antworten auf das Problem. Das Gesundheits- und Sozialdepartement des Kantons lancierte zusammen mit verschiedenen Partnern aus der Kirche, den Schulen und der Sozialarbeit die Kampagne «Chomm, vezöll doch!». Die Kampagne soll insbesondere Jugendliche und ihr Umfeld für das Thema sensibilisieren. Vorgesehen sind neben einer Ausstellung und einem Elternabend auch zwei Workshop-Tage an den Oberstufenschulen.

«Wir haben bereits heute mehrere Anlaufstellen, aber das Thema wird dennoch zu stark tabuisiert», erklärt Mathias Cajochen, Sekretär des Gesundheits- und Sozialdepartements. «Wir wollen, dass man offen über persönliche Krisen spricht, besonders unter Jugendlichen», sagt er. Dass sich im Appenzellerland etwas tut, begrüsst auch Oliver Padlina, Leiter des Online-Interventionsprogramms feel-ok.ch. «Das Bedürfnis der Jugendlichen nach Informationen ist gross. Unsere Homepage www.feel-ok.ch/suizid-notfall wurde 2018 über 33000 Mal angeklickt», sagt er. Appenzeller-Klicks darunter gäbe es aber praktisch keine.

Der stiefmütterliche Umgang mit dem Thema im Ostschweizer Halbkanton fiel Padlina schon länger auf. «Ich bin in meiner Funktion in allen Kantonen unterwegs. Appenzell Innerrhoden ist der einzige Kanton im Land, zu dem unser Team bislang keinen Zugang bekommen hat.» Dabei, sagt Padlina, könnte das Appenzellerland von mehr Austausch mit anderen Kantonen und nationalen Projekten profitieren.

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