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KORRUPTION: «Der Rücktritt wäre eine honorige Haltung»

Die US-Justiz hat die Fifa ins Visier genommen. Im Interview erklärt Antikorruptionsexperte Mark Pieth, inwieweit dies Joseph Blatter schaden könnte und sagt, wie die Schweiz künftig mit der Fifa umgehen soll.
Interview Vasilije Mustur
Der Schriftzug der Weltfussballorganisation Fifa an ihrem Hauptsitz in Zürich. (Bild: Keystone / Gaetan Bally)

Der Schriftzug der Weltfussballorganisation Fifa an ihrem Hauptsitz in Zürich. (Bild: Keystone / Gaetan Bally)

Interview Vasilije Mustur

Es war ein schlechter Tag für die Fussballfamilie von Fifa-Präsident Joseph S. Blatter: In zwei koordinierten Aktionen verhaftete die Kantonspolizei Zürich und die Schweizer Bundesanwaltschaft auf Geheiss des US-Justizministeriums hin mehrere teils hochrangige Funktionäre des Weltfussballverbandes. Ihnen wird unter anderem Korruption, ungetreue Geschäftsbesorgung und Geldwäscherei zur Last gelegt.

Joseph Blatter dürfte die jüngsten Ereignisse nicht kalt lassen. Dieser Ansicht ist Mark Pieth. Der Strafrechtsprofessor der Universität Basel weiss, wie der Walliser und dessen Organisation tickt: So wurde der Antikorruptionsexperte und Gründer des Basel Institute on Governance Ende 2011 in das Amt der unabhängigen Kommission für Governance beim Weltfussballverband berufen. Sein Auftrag: die Fifa zu reformieren, vom Korruptionssumpf zu befreien und transparenter zu gestalten. Nachdem Pieth Anfang 2013 aber zahlreiche Funktionäre beschuldigte, den Reformprozess zu behindern, trat er Ende desselben Jahres mit einer durchzogenen Bilanz zurück: Die von ihm vorgeschlagene Amtszeit- und Altersbeschränkungen wurden von der Fifa nicht umgesetzt genauso wie Transparenz über die Höhe der Saläre der Exekutivmitglieder herzustellen. Nun schätzt der 62-jährige Pieth die jüngsten Entwicklungen bei der Fifa ein.

Mark Pieth, wie überrascht sind Sie vom Ausmass des Korruptionssumpfes bei der Fifa?

Mark Pieth: Der Weltfussballverband Fifa stocherte seit Monaten auf der Suche nach möglichen Verfehlungen ihrer Funktionäre weitgehend hilflos im Dunkeln. Das liegt daran, dass der Verband weder über eine eigene Justiz- und Polizeibehörde verfügt und auch keine Zwangsmassnahmen gegenüber den Beschuldigten verhängen kann. Deshalb habe ich das Ausmass der Korruption innerhalb der Fifa so erwartet. Überraschend ist hingegen, dass jetzt zwei neue Spieler das Spielfeld betreten haben.

Damit meinen Sie die US- und Schweizer Justizbehörden.

Pieth: Ein grosser Teil der erhobenen Vorwürfe gegen die Fifa-Funktionäre soll in den USA vorbereitet und abgewickelt worden sein. Da zudem Florida der Hauptsitz der Nord- und Zentralamerikanischen und Karibischen Fussballkonföderation (Concacaf) ist, sind die Justizbehörden der Vereinigten Staaten zuständig. Es wird sich nun aber erst zeigen, ob die Straftaten zum damaligen Zeitpunkt auch in der Schweiz strafrechtlich relevant waren.

Sie sprechen davon, dass die Fifa der Korruption weitgehend hilflos gegenüberstand. Diese Aussage überrascht, zumal es Insider wie Chuck Blazer waren, welche auf die Missstände innerhalb des Weltfussballverbandes aufmerksam gemacht haben.

Pieth: Wir müssen sehen, dass die Fifa mit ihren 209 Nationalverbänden alle Sorgen der Welt mitgeerbt hat dazu gehört auch die Korruption. Zudem verfügt der Verband über ein sogenanntes Patronagensystem. Da gab es in der Vergangenheit durchaus Leute, die finanzielle Zuwendungen erhielten. Aus diesem Grunde wurde aber auch in den vergangenen Monaten rund ein Drittel des Exekutivkomitees ausgetauscht – und nicht zuletzt standen sich während der Reform unter meiner Führung zwei Gruppen von Widersachern gegenüber. Auf der einen Seite befanden sich diejenigen, welche direkt von der Korruption betroffen waren. Sie sind aber die Harmlosen, weil sie Angst vor ihrer eigenen Zukunft hatten – und dazu gehört Chuck Blazer. Jeff Webb ist für die Fifa und Blatter aber ein Problem.

Warum?

Pieth: Er galt innerhalb der Fifa auch in den Augen von Joseph Blatter – als Hoffnungsträger, als Reformer. Es ist aber unklar, was ihm genau zur Last gelegt wird.

Also haben Sie Joseph Blatter doch auf die internen Probleme angesprochen.

Pieth: Natürlich haben wir darüber gesprochen. Meine Aufgabe bestand aber in erster Linie darin, Institutionen zu schaffen, welche die Aufarbeitung der Vergangenheit möglich machten, Korruption in Zukunft zu verhindern und sicherzustellen, dass dubiose Personen nicht mehr Teil der Fifa-Familie werden können.

In der Privatwirtschaft würde ein Konzernchef jetzt zurücktreten. Blatter will aber bleiben.

Pieth: Es gibt unterschiedliche Auffassungen von Verantwortung übernehmen. Ein Unternehmenschef würde in der Regel tatsächlich hinstehen, seine Verantwortung wahrnehmen und den Hut nehmen.

Würden Sie diesen Vorgang als Anti-Korruptionsexperte bei der Fifa bevorzugen?

Pieth: Es wäre eine honorige Haltung. Verpflichtet ist Joseph Blatter dazu nicht.

Die Fifa will die Präsidentenwahl morgen wie geplant abhalten. Wie sinnvoll wäre eine Verschiebung?

Pieth: Natürlich ist die Situation für die Fifa und Präsident Blatter peinlich. Er hat sich erhofft, dass er ohne grosse Nebengeräusche im Amt bestätigt wird. Diesen Wunsch muss er jetzt aber begraben. Rechtlich gesehen muss der Verein seine Organe bestellen und es deutet rechtlich wie ethisch nichts darauf hin, dass die Kandidaten selbst in den Korruptionsskandal verwickelt sind. Deshalb sehe ich keinen Grund, die Wahl zu verschieben.

Unter der Fifa-Korruptionsaffäre leidet auch der Wirtschaftsstandort Schweiz. Wie zeitgemäss ist es, einen Milliardenkonzern als Non-Profit-Organisation einzustufen?

Pieth: Das Vorgehen der Justiz nützt dem Standort Schweiz sehr wohl, weil die Weltöffentlichkeit erkennt: Die Schweiz lässt sich nicht alles bieten. Unser Justizsystem ist in der Lage, gegen Korruption und Geldwäscherei vorzugehen. Andererseits ist die Fifa zu einem unkontrollierbaren Monstrum geworden und genau hier muss die Schweiz jetzt politische Verantwortung übernehmen.

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