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KOSOVO: Kosovaren in der Schweiz: Gekommen, um zu bleiben

Heute feiert der jüngste Staat Europas zehn Jahre Unabhängigkeit. Für die Kosovaren in der Schweiz ist es immer noch sehr wichtig, was in der alten Heimat passiert. Doch ihr Lebensmittelpunkt ist hier.
Dominik Weingartner
Ylfete Fanaj kam 1991 als Kind aus dem Kosovo in die Schweiz. Heute ist sie Fraktionschefin der SP im Luzerner Kantonsrat. (Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 14. Februar 2018))

Ylfete Fanaj kam 1991 als Kind aus dem Kosovo in die Schweiz. Heute ist sie Fraktionschefin der SP im Luzerner Kantonsrat. (Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 14. Februar 2018))

Dominik Weingartner

Wenn der Kosovo heute zehn Jahre Unabhängigkeit feiert, ist das auch vielerorts in der Schweiz ein Grund zur Freude. Die Schweiz hat nach Deutschland die grösste Diaspora der Kosovo-Albaner. Rund 112'000 Personen mit kosovarischer Staatsbürgerschaft sind in der Schweiz, die Zahl der Menschen, die aus dem jüngsten Staat Europas stammen, ist aber um einiges grösser. In einer Studie des Bundesamtes für Statistik aus dem Jahr 2015 gaben fast 250'000 Personen Albanisch als ihre Hauptsprache an – die meisten davon stammen aus dem Kosovo.

Der Grossteil von ihnen wanderte in den 1990er-Jahren in die Schweiz ein. Der Zerfall Jugoslawiens und die damit einhergehenden Balkankriege wirkten sich in der damaligen serbischen Provinz Kosovo fatal auf die Albaner aus. Politische Verfolgung und ethnische Diskriminierung veranlassten viele Kosovaren, in Westeuropa Asylanträge zu stellen.

Die Schweiz entwickelte sich zu jener Zeit zu einem Zentrum der Exil-Kosovaren. Es wurden mehrere albanische Zeitungen publiziert, und die UCK (Befreiungsarmee des Kosovos), die den bewaffneten Kampf für die Unabhängigkeit anführte, wurde mit viel Geld aus der hiesigen Diaspora finanziert. Der ehemalige UCK-Kommandant und heutige kosovarische Staatspräsident Hasim Thaci lebte von 1994 bis 1998 in der Zürcher Agglomerationsgemeinde Dietikon.

Am 17. Februar 2008 wurde auch in der Schweiz gefeiert. In Zürich, Genf, St. Gallen und Luzern kam es zu spontanen Kundgebungen. In Lausanne gingen 10'000 Personen auf die Strasse. Auch in Bern feierten Albaner auf dem Bundesplatz. Die Freude der Kosovaren war auch auf dem Land zu spüren. Hupende Autos und aus dem Fenster gehaltene Flaggen mit dem albanischen Doppel­adler gehörten an diesem sonnigen Februartag schweizweit zum Strassenbild.

Zwischen Krieg und Schweizer Alltag

Die Kinder der in den 1990er-Jahren in die Schweiz eingewanderten Kosovaren sind mittlerweile erwachsen. Eine davon ist Ylfete Fanaj. Die 35-jährige Präsidentin der SP-Fraktion im Luzerner Kantonsrat kam 1991 im Alter von neun Jahren in die Schweiz. «Mein Vater hat nach meiner Geburt als Saisonnier bei der Eichhof-Brauerei zu arbeiten begonnen», erzählt sie. Er arbeitete einige Monate in der Schweiz, kehrte aber immer wieder in die Heimat zurück. Auch die Mutter lebte zeitweise in der Schweiz. Als die politische Situation sich für die Albaner im Kosovo verschärfte, reisten Fanaj und ihre Schwester 1991 nach. Sie wurde in Sursee in der 2. Klasse eingeschult. «Ich war zusammen mit einem anderen Kosovo-Albaner die erste Schülerin aus dem Balkan in diesem Schulhaus», sagt sie.

Später absolvierte Fanaj eine Lehre zur Kauffrau in Luzern. Die Wirren im Kosovo verfolgten sie bis in die Schweiz. «Bei Sprachaufenthalten im Ausland war es für mich immer sehr mühsam, die nötigen Papiere zu erhalten.» Fanaj besass mal einen jugoslawischen, später einen serbischen Pass und ab 1999 Papiere der Unmik, der UNO-Mission im Kosovo. Sie beschloss, die Schweizer Staatsbürgerschaft zu beantragen. Nach einem Jahr erhielt Fanaj den roten Pass.

Geschichten wie die über die Kindheit von Ylfete Fanaj gibt es Tausende in der Schweiz. Und doch verbirgt sich dahinter immer ein persönliches Schicksal. Der 28-jährige Zürcher Reis Luzhnica kam 1992 mit seiner Familie in die Schweiz. Die Mutter habe aus «ethnischen Gründen» ihre Arbeit verloren, sagt er. Sein Vater, der als Röntgenspezialist in einem Spital arbeitete, konnte wegen Personalmangels noch kurze Zeit weiterarbeiten, bevor auch er die Reise gen Norden antrat. «Meine Eltern glaubten, wir würden nur kurze Zeit in der Schweiz bleiben, bis sich die Situation im Kosovo wieder beruhigt habe», sagt Luzhnica.

«Jetzt ist 2018, und ich bin immer noch hier.» Er ist im Zürcher Kreis 3 aufgewachsen, einst ein Arbeiterviertel mit hohem Ausländeranteil. «Als Kind war mir gar nicht bewusst, dass ich nicht von hier bin», sagt Luzhnica. Erst in der Pubertät wurde ihm bewusst, dass er aufgrund seiner Herkunft nicht von allen Menschen akzeptiert wird. Es habe Vorfälle gegeben, bei denen er sich diskriminiert gefühlt habe, sagt er, etwa bei Polizeikontrollen. «Das hat mich auch politisiert», sagt der gelernte Drucktechnologe. Er ist Mitglied bei der SP und kandidiert für das Zürcher Stadtparlament, das am 4. März neu gewählt wird.

Ylfete Fanaj fand durch Freunde zur Politik. Sie engagierte sich in der SP-Migrantenorganisation Secondos Plus, die sie von 2009 bis 2012 präsidierte. 2007 zog sie in das Stadtluzerner Parlament ein, seit 2011 ist sie im Kantonsrat.

Missstände in der Heimat

Das politische Engagement ist eine Gemeinsamkeit von Ylfete Fanaj und Reis Luzhnica, die sie von der Mehrheit der Schweizer mit kosovarischem Hintergrund unterscheidet. Doch wie viele Migranten interessieren sie sich sehr für die politische Situation im Herkunftsland ihrer Eltern. Luzhnica ist sogar Mitglied der Partei Vetevendosje, die zur stärksten Partei des Kosovos aufgestiegen ist. Vetevendosje ist eine ehemalige Protestbewegung, die sich gegen die politische Elite auflehnt, die sich vor allem aus ehemaligen Kämpfern der Befreiungsarmee UCK zusammensetzt.

«Die UCK-Kommandanten besetzten nach der Befreiung des Kosovos Gebäude in der Hauptstadt Pristina und beanspruchten diese für sich», sagt Luzhnica. Die Besitzer seien gezwungen worden, zu einem viel zu tiefen Preis zu verkaufen. Heute ist mit Hashim Thaci noch immer der einstige UCK-Chef an der Macht. Für Luzhnica ist die Vetevendosje eine sozialdemokratische Partei. «Es braucht sie, um die sozialen Missstände zu bekämpfen», sagt er. Das seien zum einen die in der Machtelite grassierende Korruption und auch die grossen ökonomischen Probleme des Kosovos. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt nach offiziellen Angaben mehr als 50 Prozent, wobei davon auszugehen ist, dass diese Zahl geschönt ist.

«Neokoloniales Projekt der Amerikaner und der EU»

Vetevendosje bedeutet auf Albanisch Selbstbestimmung. Viele Kosovaren fühlen sich fremdbestimmt. Noch immer spielt die EU-Rechtstaatsmission Eulex eine wichtige Rolle im Land. Luzhnica spricht sogar von einem «neokolonialen Projekt der Amerikaner und der EU».

Auch Ylfete Fanaj hatte Sympathien für Vetevendosje, die jedoch geschwunden sind. Den innenpolitischen, sozialen Teil des Programms befürwortet sie. Sie grenzt sich aber klar ab von den teils «gewaltsamen Methoden und den aussenpolitischen Ideen» der Partei. Denn Vetevendosje will die Bevölkerung darüber abstimmen lassen, ob sich der Kosovo mit Albanien vereinigen soll. Für Fanaj eine «unnötige Ablenkung» von anderen Problemen, die gelöst werden müssten. «Misswirtschaft und Korruption lähmen das Land. Das veraltete Bildungssystem muss dringend reformiert werden», sagt sie. Fanaj sieht das duale Bildungssystem der Schweiz als mögliches Vorbild für den Kosovo. «Viele studieren Diplomatie oder Wirtschaft, aber gebraucht werden oft Fachkräfte wie Mechaniker. Das Bildungssystem ist nicht auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes ausgerichtet», sagt sie.

Vor zehn Jahren war die Hoffnung gross, dass es endlich aufwärtsgeht mit dem Kosovo. Die Ernüchterung ist vielerorts spürbar. Fanaj relativiert: «Das eine ist die Unabhängigkeit, der Aufbau einer staatlichen Struktur ist das andere.» Sie hofft, dass in zehn Jahren eine neue Generation von Politikern die Geschicke des jungen Staates leiten wird.

So wie vielleicht auch in der Schweiz Menschen mit Migrationshintergrund wie Fanaj oder Luzhnica mehr politische Verantwortung übernehmen werden. Beide geben ein gutes Beispiel dafür ab, wie Integration funktionieren kann – das politische Dauerthema, wann immer es um Migration geht. Reis Luzhnica glaubt, dass Akzeptanz eine wichtige Voraussetzung für Integration ist. «Dann ist es einfacher, sich hier wohl zu fühlen.» Wenn das erreicht sei, «ist die Integration schon weit fortgeschritten».

Ylfete Fanaj findet, man rede zu viel davon, was theoretisch eine gute Inte­gration sei. «Dabei übersieht man, dass die Leute bereits heimisch geworden sind», sagt sie. Die Kosovaren seien längst in der Schweiz angekommen: «Die grosse Mehrheit ist integriert, hat einen Job und lebt ein Bünzli-Leben wie jeder Durchschnittsschweizer auch.»

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