KRANKENKASSE: Bis zu 46 Prozent höhere Prämie

Einige Versicherte müssen für 2015 happige Prämienaufschläge hinnehmen. Bund und Versicherer schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Lukas Leuzinger
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Versicherungskarten verschiedener Krankenkassen. (Bild: Keystone (Symbolbild))

Versicherungskarten verschiedener Krankenkassen. (Bild: Keystone (Symbolbild))

Die Nidwaldner waren gewarnt. Als das Bundesamt für Gesundheit (BAG) Ende September die Krankenkassenprämien für das kommende Jahr veröffentlichte, nahm der Kanton einen unrühmlichen Spitzenplatz ein: Um durchschnittlich 6,8 Prozent sollen die Prämien steigen – so stark wie in keinem anderen Kanton. Schweizweit beträgt der Anstieg 4 Prozent.

Roli Achermann war also auf einen Anstieg seiner Prämie vorbereitet. Trotzdem musste der Nidwaldner zuerst einmal leer schlucken, als er kürzlich Post von seiner Krankenkasse erhielt. Diese eröffnete ihm, dass er für seine Krankenversicherung – ein Telemedizin-Modell mit 2000 Franken Franchise – 2015 eine monatliche Prämie von 203 Franken bezahlen muss. Das sind sage und schreibe 46 Prozent mehr als im laufenden Jahr.

Er habe in den vergangenen Jahren wiederholt erlebt, dass das BAG Zahlen zu den Prämien verbreite, «die einfach nie stimmen», sagt der 50-jährige Dallenwiler gegenüber unserer Zeitung. Eine solche extreme Abweichung ist aber auch für ihn neu.

Aggressive Preisstrategie

Felix Schneuwly, Krankenkassen­experte beim Online-Vergleichsdienst Comparis, teilt die Auffassung, dass der Bund die Aufschläge zu tief angibt. «Das BAG gibt die Prämien für das Standard-Versicherungsmodell mit einer Franchise von 300 Franken an», erklärt er. «Mittlerweile hat aber nur noch eine Minderheit eine solche Versicherung.» Die meisten Leute haben heute eine Grundversicherung mit Wahlfranchise und oft auch eingeschränkter Arztwahl, beispielsweise das Hausarzt- oder das Telmed-Modell. Und gerade bei diesen würden die Prämien überdurchschnittlich stark steigen.

Modelle mit eingeschränkter Wahl sind in der Regel günstiger als das Standardmodell. Allerdings hätten die Versicherer in der Vergangenheit teilweise zu hohe Rabatte berechnet. «Manche Kassen haben eine sehr aggressive Preisstrategie gefahren, um junge, gesunde Versicherte anzuziehen.» Diese Strategie sei nicht aufgegangen – nicht zuletzt, weil der Risikoausgleich verstärkt wurde. Deshalb folge nun die Korrektur nach oben (siehe Box).

Comparis hat eigene Schätzungen zu den Prämien angestellt. Dabei wurden nach Angaben des Unternehmens sämtliche Versicherungsmodelle mit einbezogen. Damit kommt Comparis für sämtliche Zentralschweizer Kantone auf einen höheren Prämienanstieg, als er vom BAG angegeben wurde. Für Nidwalden beispielsweise sind es 8,5 Prozent.

Zu optimistisch gerechnet

Dass der Prämienaufschlag systematisch zu tief ausgewiesen wird, will das BAG nicht gelten lassen. Die Prämie des Standardmodells sei die massgebende Prämie, auf der auch die Prämien der anderen Modelle basierten, erklärt Christoph Kilchenmann, Leiter Prämien und Solvenzanalyse beim BAG.

Kilchenmann teilt aber die Ansicht, dass die Kassen teilweise zu optimistisch gerechnet haben. «Tendenziell mussten die Rabatte zuletzt eher gekürzt werden», sagt er – und nimmt auch das BAG, das sämtliche Prämien genehmigen muss, nicht von der Verantwortung aus: «In der Vergangenheit hat man zwei Augen zugedrückt.» Inzwischen habe das BAG ein Modell entwickelt, mit dem die Rabatte von Managed-Care-Modellen beurteilt werden könnten. Zuletzt habe man deshalb in mehreren Fällen Prämien nicht akzeptiert, die aus Sicht des BAG zu tief angesetzt waren.

Das BAG ist also strenger geworden – vielleicht zu streng? Zumindest im Fall von Roli Achermann wollte seine Versicherung, die Progrès, die Prämie ursprünglich weniger stark anheben. Stefan Heini, Mediensprecher des Progrès-Mutterkonzerns Helsana, sagt, in den Kantonen Aargau, Nidwalden, Obwalden und St. Gallen habe das BAG von den Tochtergesellschaften Helsana und Progrès deutlich höhere Aufschläge verlangt als von Helsana geplant. Er glaubt nicht, dass die Versicherung die Rabatte für die Modelle mit eingeschränkter Arztwahl in der Vergangenheit zu hoch angesetzt hatte. Nur bei einem Telmed-Modell hätten die Rabatte leicht reduziert werden müssen.

Prämien müssen Kosten decken

Dass das BAG Prämien nicht genehmigt, weil sie zu tief sind, verteidigt Christoph Kilchenmann. «Wir haben die gesetzliche Vorgabe, dass die Prämien die Kosten decken müssen», hält er fest. Er gibt zu bedenken, dass die angegebenen Prämienerhöhungen letztlich Durchschnittswerte seien. «Für den einzelnen Versicherten ist natürlich nicht der Durchschnitt entscheidend, sondern seine eigene Prämie.»

Das gilt auch für Roli Achermann: Für ihn übersteigt eine um 46 Prozent höhere Prämie definitiv die Grenze des Zumutbaren. Deshalb hält er nun nach einer günstigeren Versicherung Ausschau.