KRANKENKASSEN: Physiotherapeuten gehen in Offensive

Die CSS, Helsana, Sanitas und KPT zahlen den Physiotherapeuten weniger Lohn als die anderen Kassen. Die Therapeuten wehren sich nun mit einer angriffigen Kampagne.

Hans-Peter Hoeren
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Eine Physiotherapeutin behandelt eine Patientin im Spital. (Bild: Keystone)

Eine Physiotherapeutin behandelt eine Patientin im Spital. (Bild: Keystone)

Die Plakate hängen seit heute auf verschiedenen Schweizer Bahnhöfen, auch in Luzern. «Investieren die CSS & Helsana lieber in Werbung als in Gesundheit?» – mit dieser provokativen Frage lanciert der Schweizer Physiotherapieverband Physioswiss eine schweizweite Kampagne. Ins Visier nimmt er dabei die vier grossen Krankenkassen CSS, Helsana, Sanitas und KPT.

Der Hintergrund: Im April hatte Tarifsuisse, die Leistungseinkäuferin des Krankenkassenverbands Santésuisse, nach langen Auseinandersetzungen erstmals seit 16 Jahren einer Erhöhung der Entschädigung für die Physiotherapeuten zugestimmt. Diese liegt bei knapp 9 Prozent. Konkret wurde im April der sogenannte Taxpunktwert um 8 Rappen erhöht, die Höhe des Taxpunktwertes variiert je nach Kanton. Einzig die vier grossen Krankenkassen CSS, Helsana, Sanitas und KPT, trugen den Kompromiss nicht mit.

«Es gärt in der Branche»

Seit der im April beschlossenen Anpassung zahlen deshalb rund 60 Prozent der Schweizer Versicherten für einen Besuch beim Physiotherapeuten 9 Prozent mehr als der Rest. «Es gärt und brodelt in der Branche. CSS, Helsana, Sanitas und KPT provozieren mit ihrer Haltung für ihre eigenen Kunden eine gefährliche und für das Gesundheitssystem schädliche Zwei-Klassen-Versorgung mit Physiotherapie in der Schweiz», kritisiert Roland Paillex, Präsident des in Sursee domizilierten Verbands Physioswiss. Physioswiss-Sprecher Daniel Amstutz erklärt das an einem Beispiel: «Wenn ein Physiotherapeut 10 Patienten auf der Warteliste hat und kann nur 5 zeitnah behandeln, ist für ihn der Anreiz gross, diejenigen vorzuziehen, für deren Behandlung er 9 Prozent mehr erhält.» Phyioswiss vertritt 8500 selbstständige und angestellte Physiotherapeuten.

Drohen geringere Leistungen?

Amstutz vermutet hinter dem Verhalten der vier grossen Kassen politisches Kalkül. Helsana, KPT und Sanitas hatten 2011 eine eigene Einkaufsgemeinschaft gegründet, die HSK. Diese führt seitdem eigene Tarifverhandlungen. Gemeinsam mit der CSS bilden sie zudem seit vergangenem Jahr den neuen Verband Curafutura, im Zuge der Neugründung waren alle vier Kassen aus Santésuisse ausgetreten. «Das Resultat des Verhaltens der Curafutura-Krankenkassen in den Verhandlungen mit Physio­swiss ist die Austrocknung der finanziellen Vergütung. Dies kann weitergedacht auch zu einer Reduzierung der Leistung führen», sagt Amstutz. Physiotherapie ist eine obligatorische Leistung der Grundversicherung gemäss KVG. Es scheint so, als ob der Verband Curafutura seinen Kunden den Zugang zur Physiotherapie erschweren wolle, damit diese – rechtzeitig vor der Abstimmung über die Einheits- kasse – eine Zusatz- versicherung (VVG) abschliessen. Viele chronisch kranke Patienten sind auf Therapie angewiesen und daher bereit, Geld dafür auszugeben. Das wissen die Kassen.

HSK und CSS dementieren

Diesen Vorwurf weisen die CSS und die Einkaufsgemeinschaft HSK entschieden zurück. «Die Physiotherapie als solches ist im Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) verankert und stellt somit eine Leistung der Grundversicherung dar. Dies wird auch per Gesetz so bleiben», heisst es auf Anfrage in einer gemeinsamen Stellungnahme von CSS und HSK. Die vier grossen Kassen erachteten aber eine Erhöhung des Taxpunktwertes um 8 Rappen in jedem Kanton als zu hoch. Im Sommer 2013 habe die HSK der Physioswiss eine Erhöhung um 4 Rappen angeboten, dieses sei jedoch von Physioswiss abgelehnt worden. CSS, Helsana, Sanitas und KPT seien weiterhin gesprächsbereit und hätten Physioswiss Terminvorschläge für neuerliche Besprechungen geschickt. «Eine Erhöhung des Taxpunktwertes um 4 Rappen halten wir nach wie vor für vertretbar», schreiben die vier grossen Kassen in ihrer gemeinsamen Stellungnahme.

HSK und CSS ginge es nicht darum, die Teuerung nicht mitzutragen. Neben der Teuerung müssten jedoch «im Rahmen eines datenbasierten Kalkulationsmodells auch Indikatoren berücksichtigt werden, die für die Kostenentwicklung herangezogen werden können. Eine nachhaltig zufrieden stellende Lösung für alle Parteien lasse sich aber nur einer umfassenden Tarifrevision erzielen. «Der aktuelle Tarif erfüllt weder die Anforderungen an eine transparente noch an eine mess- und somit vergleichbare Leistungsabrechnung», schreiben HSK und CSS.

«Gleiche Leistung gleich bezahlen»

Gesprächsbereit gibt man sich auch bei Physioswiss – unter einer Voraussetzung. «Für die gleiche Leistung muss auch innerhalb eines Kantons bei allen Versicherungen das Gleiche gezahlt werden», sagt Daniel Amstutz. Die Entschädigung eines selbstständigen Physiotherapeuten lag gemäss Physioswiss über 16 Jahre lang bei rund 90 Franken, nach Abzug aller Kosten blieben 28 Franken übrig, seit der mit Tarifsuisse erzielten Einigung sind es 31 Franken. «Das ist weniger, als eine Reinigungskraft im Kanton Zürich erhält», verdeutlicht Amstutz. Die Entschädigung ist in jedem Kanton unterschiedlich hoch, es bestehen noch Differenzen bis zu 15 Prozent, beispielsweise zwischen den Kantonen Jura und Zürich.

Die Anhebung des Taxpunktwertes um 8 Rappen bleibe deshalb die Mini­malforderung an Curafutura, sagt Amstutz. Die heute lancierte Kampagne soll dem Nachdruck verleihen. Auch in vielen Praxen von Physiotherapeuten werden die neuen Plakate bald zu sehen sein.