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KRANKHEIT: Virtuelle Zugfahrt für Demenzkranke

Technische «Tricksereien» für Demenzkranke sind umstritten. Die einen sehen sie als nützliche Hilfe, andere sind skeptisch. Ethiker fordern jetzt klare Richtlinien.
Eveline Rutz
Im Kompetenzzentrum Demenz Bethlehemacker in Bern können Demenzkranke in einem nachgestellten Zugabteil virtuell von Bern nach Brig «fahren».

Im Kompetenzzentrum Demenz Bethlehemacker in Bern können Demenzkranke in einem nachgestellten Zugabteil virtuell von Bern nach Brig «fahren».

«Wenn der Verstand abnimmt, werden die Gefühle wichtiger», sagt Edgar Studer, Geschäftsleiter des Kompetenzzentrums Demenz Bethlehemacker in Bern. Menschen, die an einer Demenz leiden, leben in einer eigenen Welt. Sie kehren sich nach innen. Erinnerungen beschäftigen sie oft mehr als das, was unmittelbar um sie herum geschieht. Um sie auf der emotionalen Ebene zu erreichen, setzen manche Pflegestationen auf technische Animationen.

Einen anderen Zugang

«Sie helfen, die Sinne anzusprechen», sagt Studer. Seit dem letzten Frühjahr verfügt sein Heim über sogenannte Sinnesoasen und figuriert damit unter den Pionieren, was den Einsatz moderner Technik in der Demenzpflege betrifft. Die Bewohner können nicht nur vor einem Aquarium oder einem Feuer verweilen, sondern auch eine virtuelle Zugfahrt unternehmen. In einem Viererabteil aus der ersten Klasse «fahren» sie von Bern nach Brig; auf einer Leinwand sehen sie Orte, Wiesen und Wälder vorbeiziehen. Studer spricht von einer kreativen Art, die Landschaft zu geniessen: «Das unterscheidet sich nicht stark vom Fernsehen.» Technik könne die Pflege sinnvoll unterstützen, räumt Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle ein. «Sie kann Räume für Begegnungen schaffen und Gesprächsstoff liefern.» Sie dürfe die Betreuung durch Menschen jedoch auf keinen Fall ersetzen.

Reise das Pflegepersonal im fiktiven Zug mit, spreche nichts dagegen. Angesichts des starken ökonomischen Drucks bestehe allerdings die Gefahr, dass demente Menschen mit solchen Angeboten abgestellt würden. «Da stehen wir vor einer grossen Herausforderung.»

Studer kann diese Bedenken nachvollziehen, betont jedoch, dass die Bewohner emotional selbst entscheiden und eng begleitet würden. Die Technik sei kein Ersatz, sondern ein zusätzliches Mittel, um sie anzusprechen. Das virtuelle Erlebnis rufe positive Erinnerungen wach und löse Glücksgefühle aus. Den Demenzkranken werde dabei nichts vorgespielt.

Robotertiere «verletzen Würde»

Die Grenzen zur Täuschung seien fliessend, gibt Baumann-Hölzle zu bedenken. Auch wenn man jemandem eine Geschichte erzähle, führe man ihn ja in eine fiktive Welt. Als klaren Betrug empfindet die Ethikerin den Einsatz von Robotertieren wie etwa der Robbe namens Paro, die im Luzerner Alters- und Pflegeheim Rosenberg eingesetzt wird. Damit befriedige man das Bedürfnis älterer Menschen, sich mit einem Tier abzugeben, erspare sich aber deren aufwendige Haltung. «Man gaukelt den Menschen etwas vor und verletzt ihre Würde.» Das sei ethisch nicht vertretbar.

Dienten technische Animationen aber dazu, sich mit den Demenzkranken zu beschäftigen, seien sie eine Bereicherung, findet auch Birgitta Martensson, Geschäftsleiterin der Schweizerischen Alzheimervereinigung. «Zuwendung ist das Wichtigste überhaupt.» Leider komme es stattdessen häufig vor, dass Leute mit Medikamenten ruhiggestellt würden. Das sei der falsche Weg.

Biografien berücksichtigt

«Die technisch ausgerüsteten Sinnesoasen schaffen eine kognitive Nähe», ist Geschäftsleiter Studer überzeugt. Man erreiche damit auch Bewohner, die sonst in sich versunken seien. Ihre Lebensgeschichten würden dabei einbezogen; Anregungen von Angehörigen seien willkommen. Jemandem, der gerne in der Natur ist, würden während eines Bads beispielsweise Blumen- oder Landschaftsbilder an die Wand projiziert. Wer eine Schwäche für klassische Musik habe, könne einem Orchester zuschauen. «Die Bewohner nehmen sehr wohl wahr, dass dies inszenierte Welten sind», sagt Studer. Daneben nutzten sie auch reale Angebote wie den grossen Spielplatz oder das Märchenzelt.

«Mit einem herkömmlichen Altersheim hat unsere Institution nicht mehr viel zu tun», stellt Studer fest. Ein spezielles Licht- und Farbkonzept schaffe eine angenehme Atmosphäre, die auch bei Besuchern und Personal gut ankomme. Die positiven Effekte der Technik würden umfassend genutzt, es seien jedoch keine Stellen abgebaut worden. Der Demenz-Fachmann sieht in den technischen Möglichkeiten grosses Potenzial. «Es ist an der Zeit, Heime neuzeitlich auszustatten.»

Über 100 000 Demenzkranke

Ethikerin Baumann-Hölzle rät dabei jedoch zu einem bedachten Vorgehen: «Technik ist weder gut noch schlecht – entscheidend ist, wie man von ihr Gebrauch macht.» Da sie günstiger und bequemer sei, bestehe die Gefahr, dass sie die menschliche Zuwendung zunehmend ersetze. Der starke ökonomische Druck begünstige diese negative Entwicklung. «Es braucht daher dringend Leitlinien.» Nicht zuletzt deshalb, weil sich die Gesellschaft künftig vermehrt mit der Demenz auseinandersetzen werden muss. Heute gibt es in der Schweiz rund 110 000 Demenzkranke. 26 000 erkranken jedes Jahr neu an der tückischen Krankheit – Tendenz steigend.

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