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Fall Rupperswil: Die lange Datenspur eines Mörders

Thomas N., der Vierfachmörder von Rupperswil, wurde vor zwei Jahren verhaftet. Offen ist noch immer, wie die Ermittler ihm auf die Schliche kamen. Doch nun verdichten sich die Indizien, dass Antennensuchläufe die entscheidende Rolle spielten.
Thomas N. bei der Gerichtsverhandlung. (Bild: Illustration: Sibylle Heusser/Keystone (Schafisheim, 16. März 2018))

Thomas N. bei der Gerichtsverhandlung. (Bild: Illustration: Sibylle Heusser/Keystone (Schafisheim, 16. März 2018))

Sven Altermatt

Wer war es? Es ist die Frage, ohne die kein Krimi auskommt, die im wahren Leben aber stets mit quälender Ungewissheit verbunden ist. Erst recht bei einer Tat, die wegen ihrer Brutalität das ganze Land bewegte und noch immer bewegt. Im Fall des Vierfachmords von Rupperswil, einem der grausamsten Verbrechen der hiesigen Kriminalgeschichte, wurde Thomas N. als Täter identifiziert; ein zum Tatzeitpunkt 32 Jahre alter, nicht vorbestrafter Schweizer aus dem Dorf. Er gestand seine Tat, weitere hatte er bereits geplant.

Das Bezirksgericht Lenzburg verurteilte ihn im März erstinstanzlich zu lebenslanger Haft. Zudem erhält Thomas N. eine ambulante Psychotherapie und wird ordentlich verwahrt.

Die «Mutter aller digitalen Ermittlungen»

Wer war es? Die Frage ist geklärt. Bloss: Der Weg zur Antwort ist es nicht. Offen ist noch immer, wie die Ermittler dem Täter auf die Schliche kamen. Dazu gab es auch im Prozess keine neuen Erkenntnisse. Losgelöst von der Hauptverhandlung gibt es unterdessen jedoch eine ganze Kaskade neuer Erkenntnisse zu den Ermittlungen der Aargauer Strafbehörden. Diese Zeitung hat diese ausgewertet und mit Fachleuten gesprochen.

Längst interessieren sich auch Rechtsgelehrte für den Fall Rupperswil. Ihre Forschung hilft, hinter die Kulissen zu blicken. Gleiches tun offizielle Erhebungen des Bundes. Und aufschlussreich ist schliesslich ein bisher kaum beachtetes Gerichtsurteil. Die Indizien verdichten sich, dass eine Ermittlungsmethode zum Mörder führte, die in einem bisher nie da gewesenen Ausmass eingesetzt worden ist: Antennensuchläufe. Mittels solcher finden Strafverfolger heraus, welche Handys in einem bestimmten Zeitraum an einer bestimmten Antenne eingewählt waren. Oder anders gesagt, welche Menschen sich gerade an dem entsprechenden Ort befanden. Wer hat mit wem telefoniert, gemailt oder gesimst? Auch das verraten die sogenannten Vorratsdaten. Im Fall Rupperswil wurden Netzbetreiber nach Anordnung des Zwangsmassnahmengerichts dazu verpflichtet, diese Daten zu liefern.

Bisher war publik: Von der digitalen Rasterfahndung waren rund 30000 Handynutzer betroffen. 48 einzelne Aufträge für Antennensuchläufe erteilte die Aargauer Sonderkommission dem Dienst ÜPF des Bundes; jener Stelle also, welche die Überwachungen der Kantone mit den Netzbetreibern koordiniert. Wie die Suchläufe genau abliefen, verdeutlichen nun bisher unbekannte Informationen.

Geht es um den Fall Rupperswil, ist in Behördenkreisen schon mal die Rede von der «Mutter aller digitalen Ermittlungen». Sie lässt sich dank eines Entscheids des Bundesverwaltungsgerichts besser nachvollziehen. In dem Urteil geht es vordergründig um den Streit, der wegen der Kosten der Antennensuchläufe zwischen dem Bund und dem Kanton Aargau entfachte. Der unterdessen rechtskräftige Richterspruch spielt an der Schnittstelle zwischen trockenem Zahlenschacher und kriminalistischem Lehrstück. Parallel zu den Antennensuchläufen (siehe Zweittext) liefen zahlreiche weitere Überwachungsmassnahmen. Auf das Konto der Aargauer Strafverfolger gingen im Jahr 2016, als die Ermittlungen statistisch erfasst wurden, über 190 Aufträge für Überwachungen im Zusammenhang mit Tötungsdelikten. Das Gros davon dürfte auf den Fall Rupperswil zurückgehen. Die Behörden nutzten den Werkzeugkasten, der ihnen zur Verfügung stand. Mit richterlichem Segen wurden Computer durchstöbert, E-Mail-Accounts überprüft und Telefone rund um die Uhr überwacht. Im Laufe der Ermittlungen hat die Staatsanwaltschaft die Vorratsdaten mehrerer Personen, gegen die ein konkreter Tatverdacht vorlag, ausgewertet. Jeder Anruf, jede Internetverbindung wird in der Schweiz für sechs Monate gespeichert. Die Vorratsdaten geben preis, wer mit wem, wann, wie lange, von wo aus und mit welchem Gerät kommuniziert hat.

Geriet Thomas N. so ins Visier der Ermittler? Das hält Marc Forster für sehr wahrscheinlich. Der Strafrechtsprofessor an der Universität St. Gallen und wissenschaftliche Berater des Bundesgerichts gilt unter Juristen als einer der profundesten Kenner von Antennensuchläufen. In einem kürzlich veröffentlichten Fachaufsatz befasst er sich mit der rechtlichen Situation von Antennensuchläufen. Dabei setzt er sich auch mit dem Fall Rupperswil auseinander – und skizziert eine These zu den Ermittlungen: «Es besteht Grund zur Annahme, dass die Antennensuchläufe in diesem Fall weitere Opfer verhindert haben.»

Die Behörden hätten nach Einschätzung eines Profilers davon ausgehen können, dass der Täter in Rupperswil oder Umgebung wohnt. Tatsächlich konnte der Kreis der Verdächtigen wohl schon kurz nach der Tat eingegrenzt werden, wie Recherchen zeigen. Aufgrund von Erkenntnissen am Tatort folgerten die Ermittler: Der Gesuchte ist ein Mann, zwischen 15 und 35 Jahre alt, er stammt aus dem nahen oder näheren Umfeld der Opfer und ist ziemlich wahrscheinlich ein Einzeltäter. Thomas N. hatte am Tatort sein Handy dabei, er filmte und fotografierte damit seine Opfer. Ob sein Handy währenddessen im Netz eingewählt war, oder ob er dieses etwa in den Flugmodus versetzte, dazu äussern sich die Behörden nicht.

Wenn die Schnittmenge kleiner und kleiner wird

Die Ermittler bildeten aus den Erkenntnissen ein Raster und glichen dieses ab: Nachdem sie aus den Antennensuchläufen die zunächst anonymisierten Vorratsdaten – mit Zehntausenden relevanten Verkehrsdaten – erhalten hatten, so die These von Strafrechtler Forster, klärten sie mit grossem Aufwand, welche der zahlreichen Geräte, die rund um den Tatort im Tatzeitraum aktiv waren, zuvor und danach auch noch wochenlang an anderen Standorten in Rupperswil eingewählt waren. «Das waren dann nur noch vergleichsweise wenige Geräte», folgert Forster.

Dank ihres Rasters wussten die Ermittler, nach welchem «Signalement» sie suchen mussten. Die Ergebnisse weiterer Suchläufe halfen ihnen dabei, und dank Vorratsdaten konnten sie das Kommunikationsverhalten sowie die Bewegungsprofile konkreter Verdächtiger auswerten. Die Schnittmenge wurde kleiner. «Die Ermittlungsstrategie der Aargauer Behörden darf als ausgesprochen klug bezeichnet werden», sagt Marc Forster.

Und was sagt die Aargauer Staatsanwaltschaft dazu? Man nehme zu der These von Professor Forster keine Stellung, erklärt Sprecherin Fiona Strebel. Nach wie vor wollen die Behörden grundsätzlich keinerlei Angaben dazu machen, wie sie dem Täter auf die Schliche gekommen sind. Die Frage nach dem Wie, sie bleibt von offizieller Seite unbeantwortet. Doch ungeachtet dessen lehrt der Fall Rupperswil, welche Möglichkeiten sich Ermittlern heute eröffnen.

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