Krise der Sozialdemokratie in der Schweiz: Und wieder die Frage nach den Arbeitern

Die Frage der Identität müssen sich auch die Schweizer Sozialdemokraten stellen. Die SP steht derzeit vor einem grossen Umbruch.

Anna Miller
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Mattea Meyer und Cédric Wermuth.

Mattea Meyer und Cédric Wermuth.

Bild: Peter Klaunzer / Keystone

Auf der einen Seite ist da die Tradition als Arbeiterpartei, auf der anderen Seite hat sie sich den Ruf der «Intellektuellen-Partei» angeheftet. Kritiker kritisieren den Wählerwandel als heuchlerisch – die SP lasse die einfachen Leute liegen, die sie sich doch so gerne auf die Fahne schreibe.

Tatsächlich sind die Akademiker mit 19 Prozent die grösste Wählergruppe der SP – die Partei liegt damit sogar knapp über dem Durchschnitt der FDP. Auch wenn die Zürcher Nationalrätin Mattea Meyer betont: Das Verhältnis der verschiedenen Bildungsschichten sei so ausgeglichen wie bei keiner anderen Schweizer Partei.

Bei den Politikern ergibt sich ein ähnliches Bild: 79 Prozent SP-Akademiker im Nationalrat, mehr als doppelt so viele wie bei der SVP. Am meisten Akademiker stellen jedoch die Grünen und die GLP, mit jeweils über 80 Prozent. «Wieder mehr Leute ohne akademischen Hintergrund in Bundesbern zu haben, müsste ein Ziel aller Parteien sein und in allen Bereichen auf unserer Agenda stehen», sagt Meyer. Was die Parteispitze zu diesem Thema vorhabe, sei ihr aber unbekannt.

Parteikollege Cédric Wermuth, der zusammen mit Meyer als Favorit für das Parteipräsidium und damit die Nachfolge von Christian Levrat gilt, verortet einen Teil der Aufregung um die Ausrichtung der Partei bei deren Ruf als Büezer-Bastion, der sich hartnäckig hält. Die SP sei schon lange keine Arbeiterpartei mehr. «Wir können uns nicht an der SP orientieren, wie sie in den Dreissigern war», sagt Wermuth. Und: Man dürfe das Arbeiterbild nicht romantisieren. Die Partei wolle «für alle politisieren und neue Milieus erschliessen». Die Migranten, die Frauen, die ökologisch Interessierten. Die Akademisierung der Gesellschaft sei ein allgemeiner Trend.

«Warum muss ich mich entscheiden?»

Fragt man Wermuth, ob er denn lieber wieder eine Arbeiterpartei wäre, sagt er: «Ich will keine Positionen abholen von denen, die zurückwollen.» Damit meint der Nationalrat diejenigen, die gegen Migranten hetzen oder die das Einstehen für die Rechte von Homosexuellen nicht auf der SP-Agenda sehen wollen. «Für diese Leute machen wir keine Politik, sondern wir machen Politik nach klaren Werten.» Und die würden sich sowohl an die Elite wie auch an die Arbeiter richten. «Warum muss ich mich da entscheiden?»

Parteikollegin Meyer hinterliess zumindest bei der SP-Delegiertenversammlung am letzten Wochenende einen anderen Eindruck, als sie ins Publikum rief: «Menschen mit tiefen Einkommen haben uns gewählt. Dass wir die Partei der intellektuellen Schickeria sind, stimmt nicht!» Sie erntete Applaus der Delegierten, und auch einige Tage später, wenn man sie in der Wandelhalle fragt, huscht ihr ein kurzes Lächeln über die Lippen. Nein, eine Genugtuung sei das nicht gewesen, aber zumindest «der Versuch, das Märchen der SP als Schickeria-Partei in Frage zu stellen». Das mediale Image der Partei spiegle nicht mehr die Realität der letzten Jahre. Die Tradition der SP ist ein Segen in punkto Glaubwürdigkeit, ein Plus als Konkurrenz gegenüber neuen Parteien wie der GLP – aber manchmal auch ein Fluch.