Krise, Solidarität und ein seltenes Lächeln von BAG-Koch – Corona-«Arena», die zweite

Schon zum zweiten mal hintereinander drehte sich in der «Arena» alles um das Coronavirus. «Ist die Schweiz wirklich bereit?», lautete der Titel das letzte Mal. Jetzt wurde gefragt: «Legt das Coronavirus die Schweiz lahm?»

William Stern, watson.ch
Hören
Drucken
Teilen
Gerhard Eich (Spitäler Waid & Triemli), Monika Rühl (Economiesuisse), Heidi Hanselmann (Präsidentin GDK), Daniel Koch (BAG)

Gerhard Eich (Spitäler Waid & Triemli), Monika Rühl (Economiesuisse), Heidi Hanselmann (Präsidentin GDK), Daniel Koch (BAG)

Bild: Screenshot SRF

«Die Lage ist ernst und sie wird immer ernster.» Der Satz von Daniel Koch, an einer Medienkonferenz des Bundesamt für Gesundheit am Mittwoch geäussert, hat sich schon zu einem geflügelten Wort entwickelt. Wo genau der Unterschied zwischen ernst und ernster liegt, wusste man zwar nach dieser Sendung auch nicht, dafür aber bekam man einen Eindruck, wie es um die Bewohnerinnnen und Bewohner dieses Landes steht.

Ihnen gehörte in dieser Publikumsarena die Bühne, den sogenannten normalen Leuten mit einem normalen Leben und einem normalen Alltag. Ein Alltag, der sich in den letzten Wochen angesichts der Ausbreitung des Coronavirus in vielen Fällen zu einem Ausnahmezustand entwickelt hat.

Da war zum Beispiel der selbstständige Tontechniker Amadis Brugnoni, der vorrechnete, dass ihm durch die zahlreichen Veranstaltungsabsagen innerhalb von zwei Tagen ein Viertel des Jahresumsatzes weggefallen sei.

Oder die Frau, die per Telefon zugeschaltet wurde und deren Mann an Leukämie leidet. Aufgrund der Krankheit ihres Mannes seien gezwungen, in der Öffentlichkeit Atemschutzmasken zu tragen. Seit dem Coronavirus reagierten die Leute jedoch ganz anders als vorher. «Jetzt ziehen Eltern ihre Kinder weg, letzthin sind sogar Leute vor uns weggerannt.»

Waren in der letzten Corona-Arena mit Regine Sauter und Verena Herzog immerhin zwei klassische Politikerinnen, blieb in dieser Arena bloss noch eine übrig, die Galler SP-Regierungspräsidentin Heidi Hanselmann, die aber in erster Linie ihrer Funktion als Präsidentin der Gesundheitsdirektorenkonferenz GDK anwesend war. Die einzige Vollblut-Politikerin in dieser Arena, Jacqueline Badran, durfte für einmal nur eine Nebenrolle spielen.

Während Hanselmann als Regierungspräsidentin und Gerhard Eich als Infektiologe nur eingeschränkten Bekanntheitsgrad geniessen, hatte sich Daniel Koch innerhalb kürzester Zeit zu einem der bekanntesten Gesichter des Landes entwickelt. Vor zwei Wochen war der Leiter Abteilung übertragbare Krankheiten des BAG nur Insidern ein Begriff, heute ist Koch, der weisse Ritter mit den leicht eingefallenen Wangen, das eidgenössische Aushängeschild im Kampf gegen das Virus. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass der 65-Jährige ruhig und mit stoischer Stimme die aktuelle Lage verkündet. In der «Arena» war er nun schon zum zweiten Mal hintereinander.

Koch, ganz der unermüdliche Aufklärer, sagte bereits zu Beginn der Sendung, man stehe am Anfang einer epidemischen Schwelle. Der Tonfall konterkarierte die Worte, wie bisher bei jeder Pressekonferenz, an der Koch gesprochen. Sollte jemals jemand den Weltuntergang abwickeln müssen, man wünschte sich einen wie Koch.

Bis zum Weltuntergang ist es wahrscheinlich noch eine Weile, aber dass das BAG nun die Empfehlung herausgab, zu Stosszeiten auf den ÖV zu verzichten, ist in der Pendlernation Schweiz eine Art Vorstufe. Müssten wir in dieser Lage nicht einfache gewisse ÖV-Linien einstellen, fragte Brotz an die Adresse von Gerhard Eich, Leiter Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene Stadtspital Waid und Triemli. «Wir sind noch nicht soweit, dass wir drastische Massnahmen ergreifen müssten, die das gesellschaftliche Leben lahmlegen», antwortete dieser.

Von einer Panikmache war diese Arena weit weg. Nur die junge Journalismus-Studentin im Publikum sprach mit einem leicht alarmistischen Ton über die Gefahren des öffentlichen Verkehrs: «Von dem Moment, an dem man die Haustür verlässt, ist man dem Virus ausgeliefert». Eine halbe Minute zuvor hatte sie noch einen «Medien-Hype» angesichts des Coronavirus kritisiert.

Das Pendler-Verbot lässt also noch auf sich warten, dafür hat der Bund neue Massnahmen empfohlen, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Darunter fällt etwas das sogenannte Social Distancing. Neue Begrüssungsformeln sind also gefragt.

In einer aufgezeichneten Videosequenz sagte Gesundheitsminister Alain Berset im Interview mit Brotz, man wolle keine Symbolmassnahmen treffen, sondern effektive Massnahmen. Und auf die Frage von Brotz, ob er die Massnahmen seines eigenen Ministeriums befolge, antwortete Berset mit einem Lächeln, er versuche es zumindest.

Dass es manchmal beim Versuch bleibt, zeigte eine Aufnahme, die am Mittwoch im Netz für gewisse Erheiterung sorgte. Berset präsentierte zusammen mit Hanselmann die neuen Richtlinien des Bundes – und schüttelte der GDK-Präsidentin am Schluss prompt die Hand.

Bild: Screenshot/SDA

Es war vielleicht noch nie so ruhig in einer «Arena», selten herrschte eine solche Einigkeit. Der «Kampf gegen das Virus» erzeugte eine eigentümliche Solidarität. Koch appellierte denn auch an die Bevölkerung, weiterhin ihren Teil zur Bekämpfung des Virus beizutragen: «Es ist wichtig, dass alle mitmachen, sodass die Risikopatienten nicht angesteckt werden.»

Die Solidarität, die von der Gesellschaft verlangt wird, wird an anderen Orten vermisst: «Ich würde mir wünschen, dass auch von der Wirtschaft eine Solidarität gezeigt wird, zum Beispiel hinsichtlich einer Entschädigung», sagte Tontechniker Brugnoni. Economiesuisse-Präsidentin Rühl zeigte Verständnis: «Je länger die Krise dauert, desto mehr Betroffene wird es geben», sagte Rühl. «Die Auswirkungen sind teilweise spürbar, teilweise akut». Eine Patentlösung hatte aber auch sie nicht.

Nur einmal gab es einen Hauch von Konfrontation und natürlich war die SP-Nationalrätin Jacqueline Badran involviert. Angesichts der wirtschaftlichen Einbussen, die viele Arbeitstätige in der Schweiz erlitten, müsse man sich bei einer sich zuspitzenden Situation weitergehende Massnahmen überlegen, zum Beispiel eine Finanzspritze von 50 Millionen Franken. «Es ist nicht richtig, wenn man jetzt schon das ganze Pulver verschiesst», entgegnete Rühl. Die vom Bund beschlossene Kurzarbeit sei aktuell eine griffige Massnahme, gab sich die Economiesuisse-Präsidentin überzeugt.

Den Behörden stellten insgesamt fast alle ein gutes Zeugnis aus. Rühl sagte in Richtung Koch: «Sie machen das super» und auch der Tontechniker Brugnoni lobte Kochs Arbeit. Nur der Immobilienwirtschafter Ulrich Ackle befand, der Bund habe mit seiner Informationspolitik gerade bei älteren Leuten Panik ausgelöst.

Zu viel oder zu wenig? Panikmache oder laisser-faire? Auch im Nachhinein wird sich nicht genau sagen lassen können, ob eine Massnahme nun wirksam war oder übertrieben. Es liegt wohl in der Natur des Krisenmanagement, dass man damit nie ganz richtig liegen kann.

Klar ist nur: «Das Virus ist bei uns angekommen ist», wie Eich sagte. Es seien viele Fälle vorhanden, darunter auch eine grosse Dunkelziffern, die man nicht mehr in Quarantäne bringen könne. Dass jedoch bis Ende Mai jedes Spitalbett besetzt sei, wie hier und da befürchtet wird, tat Eich als Spekulation ab. Noch seien alle Spitäler in der Schweiz in der Lage, ihren Auftrag zu erfüllen.

Wie geht es jetzt weiter? «Das Virus ist angekommen», betonte der Infektiologe Eich noch einmal, ««und es wird nicht einfach wieder verschwinden. Wir erleben eine erste Welle, vielleicht gibt es eine zweite, dritte Welle. Wie sich das Virus in Zukunft verhalten wird, wissen wir nicht.» Koch stimmte zu, gab aber zu bedenken, dass eine Ausnahmesituation, wie wir sie jetzt haben, beim nächsten mal wenig wahrscheinlich sei: «Wir werden nicht jedes mal in eine Krise gekommen.» Man habe auch jedes Jahr eine Grippewelle, ohne dass es deswegen jedes mal zu einer Krise komme.

Und ganz zum Schluss liess sich dann auch noch Koch zu einer Art Lächeln hinreissen. Nämlich als er gefragt wurde, was er denn nach seiner Pensionierung vorhabe. Er wisse es nicht, aber die Pensionierung werde sicherlich ein erfreulicher Moment sein, so Koch.