KRISEN: IKRK-Generaldirektor: «Wer leistet noch selbstlose Hilfe?»

Das IKRK habe eine Schlüsselrolle bei der Befreiung nigerianischer Schulmädchen aus den Händen von Boko Haram gespielt, sagt Generaldirektor Yves Daccord. Mit einer digitalen Offensive will er seine Organisation in die Zukunft führen.

Jürg Ackermann
Drucken
Teilen
Yves Daccord ist seit 2010 Direktor des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). (Bild: Urs Bucher (St. Gallen, 19. Mai 2017))

Yves Daccord ist seit 2010 Direktor des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). (Bild: Urs Bucher (St. Gallen, 19. Mai 2017))

Interview: Jürg Ackermann

Yves Daccord, als IKRK-Chef haben Sie jeden Tag mit Krisen, Kriegen und Katastrophen zu tun. Wie schaffen Sie es, trotzdem nicht in eine Depression zu verfallen?

Ich habe das Glück, in einer Organisation zu arbeiten, bei der ich das Gefühl habe, dass sich die Grenzen jeden Tag ein bisschen weiter hinausschieben lassen. Das gibt mir die Gewissheit, etwas bewegen zu können. Wenn man diese Hoffnung nicht hat, dann fühlt man sich ohnmächtig, dann wird es dramatisch.

Aber genügt das wirklich?

Was mir ebenso Zuversicht gibt, sind die Menschen, mit denen wir beim IKRK zu tun haben. Unsere Arbeit unter zum Teil widrigsten Umständen zeigt: Das menschliche Wesen ist kompliziert, manchmal grausam, aber auch fantastisch in einem.

Teilen Sie den Eindruck, dass die Welt immer unsicherer wird?

Das hängt von der Perspektive ab. Als Südsudaner kommen Sie bestimmt nicht zu dieser Einschätzung. Dort ist schon sehr lange sehr vieles kompliziert. Aber generell teile ich diese Feststellung mit Blick auf Klimawandel oder Migration: Weil die globalen Antworten auf diese Fragen fehlen, haben wir den Eindruck, die Welt werde unsicherer.

Populismus, Brexit, Präsident Trump: Wir leben in einer Epoche politischer Umwälzungen. Macht der neue US-Präsident die Arbeit des IKRK schwieriger, weil er das Nationale vor alles andere stellt?

Ich empfinde nicht die Person von Donald Trump als Problem, sondern vielmehr das Denken, das hinter seiner Wahl steht und das mich beunruhigt. Was nützt es uns? Diese Frage steht zunehmend im Zentrum. Und: Wer leistet noch selbstlose Hilfe? Die Bereitschaft dazu sinkt. Die Welt müsste sich jedoch um globale Lösungen bemühen – wie in Syrien. Der Konflikt ist so weit fortgeschritten, dass er nicht mehr von den Syrern allein geregelt werden kann.

Das IKRK engagiert sich in vielen Teilen Syriens. Sehen Sie überhaupt noch eine Chance auf Frieden?

Die Lage ist sehr verworren. Viele Akteure wollen keine Lösungen, die den Frieden bringen, weil sie Nachteile befürchten. Und dann gibt es mit Russland, Iran oder den USA das komplizierte internationale Einflussfeld. Ich hoffe zumindest, dass die Intensität des Konfliktes weiter nachlässt. Vielleicht haben wir in ein paar Jahren eine Situation wie früher auf dem Balkan: Die Lage ist unter Kontrolle – aber ohne wirklichen Frieden.

 

Arbeitet das IKRK in Syrien auch weiter mit dem Islamischen Staat zusammen?

Von Zusammenarbeit würde ich nicht sprechen. Wir sind punktuell in Kontakt mit allen Konfliktparteien, auch mit dem Islamischen Staat. Da dieser sich in Bewegung befindet, ist die Kontaktaufnahme jedoch schwierig.

 

Wie schafft es das IKRK, für Konfliktregionen wie Syrien oder Irak Mitarbeiter zu rekrutieren?

Wir haben viele motivierte Leute, die neugierig sind und denen wir die Werkzeuge in die Hand geben, mit der eigenen Sicherheit verantwortungsvoll umzugehen. Wir finden immer Mitarbeiter. Die Frage ist vielmehr: Sind es auch die Richtigen? Wir brauchen Ärzte, die gleichzeitig arabisch sprechen, oder wir brauchen Psychologen, die sich mit Haftbedingungen auskennen – diese Rekrutierung ist eine Herausforderung.

Das IKRK hat zuletzt auch in Nigeria vermittelt. Was war die Rolle Ihrer Organisation bei der Freilassung der 83 Schulmädchen aus den Händen von Boko Haram?

Das IKRK ist in Nigeria in einer Rolle, wie wir sie uns wünschen. Wir arbeiten als neutrale Vermittler und haben beide Parteien, Boko Haram und den nigerianischen Staat, an einen Tisch gebracht, indem wir den Transport organisierten. Die politischen Verhandlungen haben andere geführt. Transparenz war hier entscheidend: Wir haben stets beiden Parteien klar gemacht, dass wir mit der anderen Seite auch sprechen. Und wir verhandeln nicht die Lösung, das müssen die Konfliktparteien selber machen. Dieses Vorgehen kann enormes Vertrauen schaffen, auch wenn die Situation wie in Nigeria zerbrechlich bleibt.

 

Ohne das IKRK wären die Mädchen noch in Gefangenschaft?

Ja, wir haben sicher eine Schlüsselrolle gespielt. Aber wirklich zufrieden bin ich noch nicht. Es bleiben viele Mädchen in den Händen der Boko Haram.

 

Wie kann man gegenüber einer Terrororganisation wie Boko Haram neutral sein?

Als IKRK-Delegierter müssen Sie unterscheiden: Sie können natürlich eine persönliche Meinung haben, aber gegen aussen müssen Sie absolut neutral sein. Sie dürfen keine Position einnehmen. Nur so kommen Sie mit den Konfliktparteien ins Gespräch. Wir sind ja neutral, um zu handeln, um eine Situation besser zu machen, und nicht, um die Hände in den Schoss zu legen. Und wir haben uns auf die Fahne geschrieben, stets unbefangen an die Leute heranzutreten.

 

Nigeria, Syrien, Venezuela, Afghanistan. Das IKRK engagiert sich in vielen Teilen der Welt. Das Budget ist zuletzt stark gestiegen – auf 1,7 Milliarden Franken. Wie wollen Sie dieses stemmen, wenn immer mehr Staaten zuerst an sich denken?

Tatsächlich ist unser Budget in den letzten fünf Jahren um 45 Prozent gewachsen. Und zwar nicht in der Zentrale in Genf, sondern bei den Einsätzen vor Ort. Wir haben diesen Anstieg in Kauf genommen, weil wir den Menschen in Konflikten adäquate Antworten geben wollen. Natürlich ist da auch ein Risiko dabei. Ich stelle mir jeden Monat die Frage, wie wir es schaffen können, den Kreis der Geldgeber zu erweitern. Es geht aber nicht nur um absolute Summen, sondern auch um die Qualität des Geldes. Wir müssen das Geld dort verwenden können, wo wir das Gefühl haben, dass die Not am grössten ist. Aber immer mehr Staaten sagen: Wir geben Geld, aber nur für dieses oder jenes Projekt. Diese Entwicklung beunruhigt mich.

 

Und, wie wollen Sie den Kreis der Geldgeber erweitern?

Wir haben 19 Regierungen weltweit, die alle mindestens 10 Millionen Franken geben. Allen voran die Schweiz und die USA, die sich weit über dieser Summe engagieren. Wir haben auch viele Privatpersonen, vor allem in der Schweiz, die uns unterstützen. Wir sind bei den Geldgebern auf Europa, die USA, Australien oder Japan fokussiert. Ich wünsche mir, es wären mehr asiatische oder arabische Länder dabei, allen voran China.

 

Gibt es Zeichen, dass die Chinesen die Arbeit des IKRK demnächst finanziell unterstützen?

Ich bin überzeugt, dass China bald zu den Geldgebern gehören wird. Vor zehn Jahren war das Interesse noch sehr tief, jetzt hat sich das geändert. Mit dem Mega-Projekt «Neue Seidenstrasse» haben die Chinesen zudem ein elementares Interesse daran, dass Konflikte in Krisengebieten wie Afghanistan oder Pakistan, durch welche die Route führt, gelöst werden.

 

2016 hat IKRK-Präsident Peter Maurer am WEF die Idee von Humanitarian Impact Bonds lanciert. Haben Sie schon viele private Investoren für diese humanitären Anleihen gefunden?

Wir werden bis Juli den ersten Bond mit allen Vertragspartnern unterzeichnet haben. Das Projekt sieht vor, orthopädische Rehabilitationszentren in Mali, Nigeria und der Demokratischen Republik Kongo zu bauen mit einem Investitionsvolumen von 19 Millionen Franken.

 

Das IKRK setzt seit neuestem auf digitale Innovation. Brauchen die Menschen in Konfliktgebieten nicht vor allem Sicherheit und Nahrung?

Wenn wir Menschen in Konfliktsituationen begegnen, dann sagen sie oft als Erstes: «I need Wi-Fi.» Das ist für uns vielleicht überraschend. Aber das kabellose Internet erlaubt den Menschen, sich mit der Welt zu verbinden, mit Angehörigen, die vielleicht auf anderen Kontinenten leben. In Afrika beispielsweise stellen wir die Orte, an denen es frisches Wasser gibt, auf Facebook. Wir benutzen Big Data, wir untersuchen alle Tweets in einer Region, um herauszufinden, was die Menschen brauchen. Oder nehmen wir das Erdbeben in Nepal. Dort haben Drohnen Leben gerettet, weil wir uns dank der Digitalisierung ein viel besseres Bild von Verwüstungen und verletzten Personen machen konnten.

Welche Rolle spielt die Schweiz bei dieser digitalen Offensive?

Ein sehr grosse. In Zukunft werden wir Projektallianzen haben zwischen IKRK, dem Bund, der ETH oder der Universität St. Gallen, die Lösungen für die Zukunft erarbeiten. Die multidisziplinären Zugänge werden immer wichtiger. Die Menschen in Konfliktgebieten sind auch digital verwundbar geworden. Mittlerweile appelliert ja selbst Microsoft daran, auch im Internet die Genfer Konventionen einzuhalten.

 

Wenn Sie einen Wunsch offen hätten, was wäre das? Eine Welt, ein Europa mit weniger Grenzen?

Ich verstehe das Bedürfnis, Grenzen zu sichern. Aber meine Botschaft wäre: Damit ist es nicht getan. Mir macht Sorgen, dass die eigene nationale Souveränität zu einem absoluten Wert geworden ist. Auf die globalen Herausforderungen gibt es aber nur gemeinsame Antworten.