Engagement fürs Klima
Kritik aus den eigenen Reihen: Weil sich der Schweizerische Alpen-Club für Gletscher einsetzt

Mitglieder kritisieren das politische Engagement des SAC und drohen mit Austritt. Der Verein verteidigt seinen Positionsbezug.

Gerhard Lob
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Bergsteiger traversieren den Feegletscher auf dem Weg auf das Allalinhorn oberhalb von Saas-Fee.

Bergsteiger traversieren den Feegletscher auf dem Weg auf das Allalinhorn oberhalb von Saas-Fee.

Dominic Steinmann / KEYSTONE

Der Entscheid fiel vor einem Jahr. Bei der Jahresversammlung 2019 des Schweizer Alpen-Clubs SAC in Lugano entschied sich eine überwältigende Mehrheit der Delegierten für eine Unterstützung der sogenannten Gletscher-Initiative, einer Volksinitiative des Vereins Klimaschutz Schweiz. Diese Initiative fordert netto null Emissionen bis 2050 und will die Ziele des Pariser Klimaabkommens in der Verfassung verankern. Im November 2019 wurde die Initiative mit mehr als 113000 Unterschriften eingereicht. Im April dieses Jahres hat der Bundesrat einen direkten Gegenentwurf zur Initiative angekündigt.

Es war ein historischer Entscheid für den SAC, denn zuletzt hatte sich der Alpen-Club in den 1970er-Jahren für eine Volksinitiative starkgemacht, damals «Zur Förderung der Fuss- und Wanderwege». Laut SAC-Präsidentin Françoise Jaquet erfordert der Klimawandel diesen politischen Schritt: «Der SAC ist davon selber stark betroffen. Schmelzende Gletscher, auftauender Permafrost und daraus folgende Instabilitäten sind die offensichtlichsten Merkmale im Gebirge und wirken sich auf den Bergsport aus.»

Während nun die parlamentarischen Mühlen mahlen, hat die Unterstützung der Gletscher-Initiative beim SAC zu allerlei internem Ärger geführt – das zeigen kritische Leserbriefe, die im letzten Jahr in der Vereinszeitschrift «Die Alpen» erschienen sind.

Sollen sich Sportverbände politisch positionieren?

Zu reden gibt dabei die Grundsatzfrage, ob ein Bergsportverband sich überhaupt politisch in dieser Deutlichkeit äussern soll. «Ich finde es bedenklich und schädlich, wenn Sportverbände politisch tätig sind. Sie tragen damit zur Polarisierung und Radikalisierung unserer Gesellschaft bei», meint etwa Peter Haas aus Vermes JU, der zugleich ankündigte, nach 35 Mitgliedsjahren aus dem Verein auszutreten. Gotthard Kaufmann aus Sursee sieht in der Unterstützung der Gletscher-Initiative «reinen Populismus, der unserem Ansehen schadet». Ein weiteres Mitglied sprach gar vom Alpenverein als «ökofaschistischer Partei».

Neben der politischen Grundsatzfrage geht es aber auch um die Diskussion, ob die Bergsport- und SAC-Aktivitäten nicht selbst umweltschädlich sind und eine negative CO2-Bilanz verursachen – und somit in Widerspruch zur Initiative stehen. Bekanntlich werden Berghütten in den Alpen zusehends in luxuriöse Unterkünfte umgebaut und mit Helikoptern versorgt; Berg- oder Tourenskigänger reisen meist mit dem Auto und nicht mit dem ÖV an. Und für Trekkings im Himalaja wird selbstverständlich ein Fernflug gebucht. Die Vereinszeitschrift publiziert Werbung für Skitouren in Chile.

Rekordzahl an Neueintritten

SAC-Geschäftsführer Daniel Marbacher kennt die Kritik und weiss um die Schwachpunkte: Hüttenversorgung, Reisen und Mobilität. «Doch wir stellen uns diesen Schwachpunkten», sagt er auf Anfrage. Bergsporttreibende seien Teil der Gesellschaft, die viele Widersprüche auszuhalten habe. Bei der Unterstützung der Gletscher-Initiative gehe es um ein längerfristiges Ziel und dieses entspreche dem SAC-Umweltengagement. Er ist überzeugt, dass die kritischen Mitglieder in der Minderheit sind. «Wir hatten Austritte, aber wir hatten viel mehr Neueintritte.» Im Juli 2019 – also direkt nach der Jahresversammlung – habe man sogar eine Rekordzahl von Neuaufnahmen verzeichnet.

Die Zustimmung zur Initiative hat seiner Meinung nach die Glaubwürdigkeit des SAC gesteigert. Und tatsächlich finden sich im Heft «Die Alpen» auch zustimmende Stimmen. «Der SAC hat aufgrund der rasanten Veränderungen in unserer Bergwelt sogar die Pflicht, alle möglichen Massnahmen zu ergreifen, um zu retten, was noch zu retten ist», schreibt etwa Thomas Thurnherr aus Reinach.