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KRITIK: Rütli, Hausmänner und Ausländer

Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft gehe mit ihrem historischen Erbe liederlich um, sagen Kritiker. Sie sei austauschbar geworden. Die SGG wehrt sich, sie sieht sich am Puls der Zeit.
Roger Braun
Die Rütli-Verwaltung ist nur eines der Programme der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft. Im Bild das Rütlischiessen 2015. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Die Rütli-Verwaltung ist nur eines der Programme der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft. Im Bild das Rütlischiessen 2015. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Roger Braun

Sie ist einer der wichtigsten Vereine in der Geschichte der Schweiz: die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG). 1810 gegründet, spielte sie eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Schweizerischen Bundesstaates. Sie setzte sich ein für die allgemeine und kostenlose Schulpflicht und schuf Wohlfahrtswerke wie die Pro Juventute oder Pro Senectute. Nun ist sie im Visier der Politik. Der Nidwaldner SVP-Nationalrat Peter Keller sagt: «Die SGG entfernt sich immer stärker von ihrem Zweck der Gemeinnützigkeit.» Der Grund für seinen Ärger ist deren Engagement für eine neue Nationalhymne (siehe Ausgabe vom 23. Juli). Dieses Jahr will die SGG als Schirmherrin der Wiese an der 1.-August-Feier auf dem Rütli nicht nur den Schweizer Psalm anstimmen, sondern auch die neue Hymne, die sie entwickelt hat. Für Keller ist das ein Missbrauch der Wiege der Schweiz. Er will der SGG deshalb per Motion die Verwaltung des Rütlis entziehen.

Ist die neue Hymne Sache der SGG?

Der Geschäftsführer der SGG, Lukas Niederberger, versteht die Aufregung nicht. Für ihn entspricht das Engagement für eine neue Nationalhymne sehr wohl dem Vereinszweck der SGG. Er sieht in der neuen Hymne einen wichtigen Beitrag zum nationalen Zusammenhalt – ein Anliegen, das die SGG seit der Gründung vertrete. «Die neue Hymne ist ein ideales Transportmittel für Schweizer Werte», sagt er. Das unterscheide sie von der heutigen, die als einziger Wert die Frömmigkeit transportiere – «in einer Gesellschaft notabene, in der sich ein Viertel zu keinem Gott mehr bekennt».

Schützenhilfe erhält Niederberger von Beatrice Schumacher. Die Historikerin hat vor sechs Jahren ein Buch über die Geschichte der SGG geschrieben (siehe Kastentext). Sie sagt: «Mit der Lancierung einer neuen Hymne knüpft die SGG an ihre frühere Rolle an, als der Verein ein wichtiger Ort für nationale Debatten war.» Bei der Ausarbeitung einer neuen Hymne gehe es um das Selbstverständnis der Schweiz, weshalb dies durchaus ein valables Betätigungsfeld für die SGG sei.

Keller hat kein Verständnis für diese Argumentation. «Anstatt den Zusammenhalt der Schweiz zu stärken, sät die SGG Zwietracht», sagt er. Für ihn ist das Projekt symptomatisch für die fehlgeleitete Organisation. Die SGG habe ihren Kompass längst verloren. «Anstatt das Erbe der alten SGG weiterzuführen, hilft sie bei der Demontage der Schweiz mit», sagt er. Eine «beliebige linksliberale NGO» sei die SGG geworden. Keller sagt, die SGG müsse selbst wissen, was sie tue, «doch wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass sie in den letzten Jahren an Mitgliedern und Spenden verloren hat». Und schiebt nach: «Wenn die SGG sagt, die Hymne sei nach über 150 Jahren nicht mehr zeitgemäss, könnte man dasselbe über sie selber sagen.»

Zu hohem Vermögen gekommen

Die SGG hat sich in der Tat stark gewandelt. Aus einem Verein, der einst als Diskussionsplattform für neue Ideen diente, ist eine Organisation geworden, die jährlich gegen 3 Millionen Franken ausgibt. Der starke Vermögenszuwachs geht auf die 80er- und 90er-Jahre zurück, als die SGG in den Genuss einiger millionenschwerer Vermächtnisse gelangte. Dazu kam der Börsenboom jener Zeit, der das Kapital schnell ansteigen liess. Heute verwaltet der Verein ein Vermögen von 82 Millionen Franken.

Aktiv ist die SGG in zahlreichen Feldern. Auf der einen Seite führt sie selbst Projekte durch. Im vergangenen Jahr wendete sie gegen 2 Millionen Franken dafür auf (siehe Grafik). Am meisten Geld floss mit 400 000 Franken in die Förderung der Freiwilligenarbeit, wo die SGG vor allem Forschung betreibt. So untersucht sie mit Befragungen regelmässig die Entwicklung der Freiwilligenarbeit in der Schweiz. Daneben unterstützt die SGG andere Organisationen, die mit Freiwilligen wirken oder die Freiwilligentätigkeit fördern.

Der zweithöchste Betrag floss letztes Jahr in die Erarbeitung einer neuen Landeshymne. Insgesamt wurden in den vergangenen drei Jahren rund 650 000 Franken für diesen Zweck ausge­geben. Wichtige Programme der SGG sind weiter das Mentoringprogramm Job Caddie, das Jugendlichen mit Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche hilft, sowie das Projekt Intergeneration, welches den Austausch zwischen den Generationen fördert. Seit langem leistet die SGG auch Einzelfallhilfe für Menschen in Not. Letztes Jahr wurden dafür 394 000 Franken aufgewendet.

Neben diesen eigenen Programmen unterstützt die SGG andere wohltätige Stellen; im vergangenen Jahr mit 762 000 Franken. Insgesamt 60 Organisationen kamen in den Genuss dieser Zuwendungen. Am meisten Geld erhielt die Männer- und Vaterorganisation Männer.ch für die Förderung der Erziehungsarbeit durch Männer mit 150 000 Franken (siehe Tabelle).

Danach folgen Stellen, die sich mit Bildung, Jugendlichen und Behinderten auseinandersetzen. Stark engagiert sich die SGG auch für Ausländerinnen und Ausländer. Bei der Plattform Zivilgesellschaft in Asyl-Bundeszentren (ZiAB) finanziert sie zum Beispiel für zwei Jahre das Sekretariat mit jährlich 48 000 Franken. Diese will Kontakte zwischen Asylbewerbern und der einheimischen Bevölkerung fördern. Zahlreiche weitere Organisationen, die sich um Ausländerfragen kümmern, profitieren von Zuwendungen der SGG.

Offener Vereinszweck

Die Historikerin Beatrice Schumacher findet es «bemerkenswert», dass ein Programm für die Kinderbetreuung durch Väter die höchste Summe erhalten hat. Dies zeige, dass sich das Familienverständnis der SGG verändert habe. «Vor zwei, drei Jahrzehnten wäre das noch undenkbar gewesen.» Thematisch sieht sie den Zusammenhang gegeben. Die Familie habe bei der SGG schon immer eine grosse Rolle gespielt, auch wenn lange Zeit das klassische Ernährermodell im Vordergrund stand.

Für Schumacher unterstreicht die SGG damit die Offenheit gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen. Das Gleiche gelte für die Arbeit mit ­Migranten. Bei der Hilfe zu Gunsten von sozial Schwachen sei es je nach historischen Umständen immer wieder um andere Gruppen gegangen. «Während es zum Beispiel nach 1950 alleinerziehende Mütter oder Behinderte waren, sind es heute oftmals Jugendliche und Leute mit einem Migrationshintergrund, die in Nöten sind.»

Niederberger steht voll und ganz hinter den Aktivitäten der SGG. Er anerkennt, dass viele ursprüngliche Aktivitäten der SGG inzwischen durch den Staat und andere Verbände abgedeckt sind, «doch es gibt noch so viel zu tun in dieser Welt, wenn man die Augen aufmacht». Den hohen Unterstützungsbeitrag an Männer.ch bezeichnet er als wichtigen Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das Engagement in Ausländerfragen wiederum sieht er als selbstverständlich an. Es sei offensichtlich, dass es hier viele Menschen in Not gebe. Niederberger weist darauf hin, dass der Vereinszweck der SGG sehr offen formuliert ist. «Zweck und Aufgabe der Gesellschaft ist die Förderung geistiger und materieller Volkswohlfahrt», heisst es in den Statuten. Er sagt: «Genau das tun wir.»

SGG sucht neue Tätigkeiten

Zürichrob. Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) mit Sitz in Zürich ist eine der einflussreichsten sozialreformerischen Kräfte in der Geschichte der Schweiz. 1810 gegründet, trafen sich in der SGG die aufklärerisch-patriotischen Geister jener Zeit. Im Zentrum der Anstrengungen standen die Armutsbekämpfung, die Bildung, die Erziehung und der wirtschaftliche Fortschritt. Die SGG war eine liberal geprägte Diskussionsplattform der damaligen politischen, militärischen und kirchlichen Eliten aus der Schweiz.

Historisch wichtige Bedeutung

In einer Zeit, als die Schweiz auseinanderzudriften drohte, wirkte die überkonfessionelle SGG national integrierend und leistete einen wichtigen Beitrag für die Gründung des Bundesstaates 1848. Die SGG setzte sich auch danach weiterhin für Innovation in der Armenfürsorge, der Bildung und weiteren sozialen Bereichen ein. Auf der Basis der revidierten Bundesverfassung von 1874 baute der Bund seine Kompetenzen – gerade im sozialen Bereich – zunehmend aus.

Deutlicher Bedeutungsverlust

So bedeutend dieser Schritt für die soziale Sicherheit war, so sehr verlor die SGG ihren Einfluss als Diskussionsforum und private sozialpolitische Akteurin. Historikerin Beatrice Schumacher spricht von einem deutlichen Bedeutungsverlust der SGG seit dem späten 19. Jahrhundert, ausgelöst durch die Konkurrenz neuer Vereine und Verbände sowie durch den Ausbau des Sozialstaates. «Die Frage nach der Daseinsberechtigung war seit dem späten 19. Jahrhundert eine Konstante in der Geschichte des Vereins», sagt Schumacher.

Mehrere Stiftungen gegründet

Die SGG suchte stets nach Betätigungsfeldern, die noch nicht vom Staat besetzt waren: der Kampf gegen das Glücksspiel, die Ernährung, die Ehe- und Familienerziehung, die Berufsbildung, die Bergbevölkerung, bemerkenswerterweise jedoch nie der Umweltschutz. Immer mehr wurde sie über die Zeit zur Vergabegesellschaft, die Subventionen an andere Organisationen und Einzelfallhilfe leistete. Sie gründete mehrere wohltätige Stiftungen: 1912 die Pro Juventute, 1917 die Pro Senectute, 1978 die Pro Mente Sana, die sich für psychisch Kranke einsetzt. Nach 1990 orientierte sich die SGG neu, indem sie auf die Förderung der Freiwilligkeit und der sozialen Verantwortung setzte.

Literaturhinweis
Beatrice Schumacher: «Freiwillig verpflichtet», 2010 (NZZ Libro).

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