KRITIK: Schweizer Ärger über Pisa-Ergebnisse

Bund, Erziehungsdirektoren und Lehrerverband fahren schweres Geschütz gegen die neue Pisa-Studie auf und zweifeln den Wert der jüngsten Ergebnisse an. Sogar die Teilnahme an künftigen Erhebungen scheint fraglich.

Dominic Wirth
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Eine Beispielfrage aus dem Pisa-Test (die Lösung: erste Antwort ist richtig). (Bild: OECD)

Eine Beispielfrage aus dem Pisa-Test (die Lösung: erste Antwort ist richtig). (Bild: OECD)

Die Schule ist ein emotionales Thema, gerade in diesem Jahr zeigt sich das immer wieder aufs Neue. In der Debatte ums Frühfranzösisch etwa oder jener um den Lehrplan 21. Was sich gestern bei der Präsentation der neuesten Ergebnisse der Pisa-Studie abspielte, war dennoch bemerkenswert. Noch während Angel Gurria, Generalsekretär der für die Studie verantwortlichen OECD, an einer Pressekonferenz in London feierlich über die Resultate referierte, wurden diese in der Schweiz bereits in der Luft zerrissen. «Viele Fragezeichen und keine neuen Erkenntnisse», hiess es etwa vom Lehrerverband LCH; der Bund sprach von einem «Neustart mit Fragezeichen». Und die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) verschickte mit ihrem Mediencommuniqué gleich noch einen Brief, adressiert an Generalsekretär Gurria. Und dieser Brief hatte es in sich. Doch dazu später.

Was war passiert? Die jüngste der ­Pisa-Studien, die 2015 durchgeführt wurde und bei der über eine halbe Million Kinder in 72 Ländern teilnahm, erfuhr eine wesentliche Neuerung: Zum ersten Mal wurde sie per Computer erhoben. In den Augen von Bund, EDK und LCH wurde das bei der Auswertung zu wenig berücksichtigt, weshalb die Vergleichbarkeit der aktuellen Resultate mit jenen aus anderen Jahren nicht gegeben sei. Der Bund verzichtete aus diesem Grund gar auf eine Interpretation der Ergebnisse, weil er ihre Aussagekraft für nicht ausreichend hält. LCH-Präsident Beat W. Zemp bezeichnete die Situation als «desolat», das Vorgehen der OECD als «sehr ärgerlich und unprofessionell» und schloss daraus, dass der «Pisa-Testturm ganz schön schief» stehe.

Der fehlende Computerfaktor

Kernpunkt der Schweizer Kritiker ist, dass in der Studie kein Computerfaktor enthalten ist. Konkret geht es darum, dass die veränderte Testform – statt mit Papier und Bleistift mussten die 15-jährigen Schüler die Fragen am Computer beantworten – nicht auf ihre verzerrenden Folgen untersucht wurde, oder besser: dass darauf verzichtet wurde, entsprechende Erkenntnisse auch einfliessen zu lassen. Denn laut Stefan Wolter, dem Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, wollte die OECD das am Anfang durchaus tun. 2014 führte sie in diesem Zusammenhang einen Pilottest durch. Zwei Gruppen von Schülern mussten dabei den gleichen Test durchführen. Während die eine Hälfte mit dem Computer arbeitete, griff die andere wie früher zu Bleistift und Papier. «Die OECD ging am Anfang also selbst davon aus, dass die Umstellung einen Effekt haben wird, den es zu korrigieren gilt», sagt Stefan Wolter.

Doch später, ergänzt der Wissenschaftler, sei es zu einer Kehrtwende gekommen. «Plötzlich hat die OECD behauptet, dass es gar keinen Effekt gebe», sagt er. Weshalb der plötzliche Sinneswandel? «Weil der Pisa-Vorlauf in vielen Ländern nicht gut durchgeführt wurde», antwortet Wolter. Er sagt, dass eine Auswertung der Ergebnisse in der Schweiz einen «relativ starken» Computereffekt ergeben habe. Und dass Forscherkollegen in Deutschland, Luxemburg oder England zu ähnlichen Ergebnissen gekommen seien. «Ziemlich hässlich» sei das alles in seinen Augen.

Für den Verfasser des Schweizer Bildungsberichts stellt sich nun die Frage, was er mit den Ergebnissen aus den ­Pisa-Tests anfangen soll. Denn diese dienen nicht einfach zum Vergleich mit anderen Ländern. Sie sind auch die Basis für bildungspolitische Entscheide, und wenn die Resultate umstritten sind, weil wissenschaftliche Zweifel an ihnen bestehen, verlieren sie jeden Wert. Wolter greift zum Beispiel der unterschiedlichen Lesekompetenz von Mädchen und Buben. Die aktuellen Ergebnisse zeigen im Vergleich zu 2012 eine Angleichung. Doch gleichzeitig weiss Wolter auch, dass Buben am Computer besser Aufgaben lösen als Mädchen. Und er weiss deshalb nicht, ob es mit einem Computereffekt zu tun hat – oder ob die Buben tatsächlich besser lesen als noch beim letzten Pisa-Test.

Drohung per Brief

Neben dem fehlenden Computerfaktor ärgert sich die Schweiz auch noch über die für den Test ausgewählten Schüler. Der Hintergrund: Die Stichprobe 2015 enthielt in ihren Augen verhältnismässig zu viele fremdsprachige Kinder. Dazu kommt, dass die Punkteskala von der OECD neu justiert wurde, diese Berechnungen aber kaum nachvollziehbar seien. Das alles führte zum scharf formulierten Brief an OECD-Generalsekretär Angel Gurria. Darunter steht die Unterschrift von EDK-Präsident Christoph Eymann. Darin wird über ein «Qualitätsproblem» geschimpft und die fehlende Mitspracherechte der Teilnehmer, und man kann aus dem Brief durchaus eine Drohung lesen: nämlich die, dass die Schweiz künftig nicht mehr mitmacht, wenn sich nichts ändert.

Eymann sagt auf Anfrage, so weit sei man noch nicht. Doch der Basler Nationalrat, der als EDK-Präsident Ende Jahr abtritt, deutet an, dass die Möglichkeit durchaus im Raum steht. 3,3 Millionen Franken kostet die Pisa-Studie Bund und Kantone, und dafür, sagt Eymann, wolle man etwas zurück: «Wir sind angewiesen auf dieses Wissen. Wenn wir es nicht mehr bekommen, müssen sich künftige Verantwortliche fragen, ob sich die Teilnahme an Pisa noch lohnt.»

Dominic Wirth

Zwischen Alarmismus und Gelassenheit

Reaktionen Wirtschaftsverbände und Bildungspolitiker beurteilen die Pisa-Resultate unterschiedlich. Nicht alle erachten sie als besonders wichtig. In ersten Reaktionen zeigen sich Wirtschaftsverbände und Bildungspolitiker wenig enthusiastisch, was Pisa allgemein und die Resultate im speziellen betrifft.

Rudolf Minsch, Chefökonom beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse, sieht die Ausgangslage früherer Jahre vordergründig bestätigt: Schweizer Schülerinnen und Schüler seien gut in Mathematik, sie lägen über dem Durchschnitt in den Naturwissenschaften, aber bezüglich Lesekompetenz seien die Schüler bestenfalls mittelmässig. Zu denken gibt Minsch die Zunahme bei jenen, die schwach sind im Lesen – und zugleich die Abnahme bei jenen, die hier sehr gut sind.

Bildungsverantwortliche sind gefordert

Von den Anforderungen eines Hochlohnlandes wie der Schweiz her betrachtet, sei das Resultat denn auch «niederschmetternd», so der Economiesuisse-Chefökonom. Es werde sich zeigen, ob die hier bereits eingeleiteten Massnahmen der Bildungsverantwortlichen auch tatsächlich Besserung brächten.

Hans-Ulrich Bigler ist nicht nur Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes, sondern auch Nationalrat (FDP, Zürich). Und als solcher sitzt er in der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) seines Rates. Bigler verhehlt nicht seine Skepsis gegenüber Pisa. Dass die aktuellen Resultate weder mit den Schweizer Resultaten des Zyklus’ 2000 bis 2012 noch mit den Ergebnissen der anderen OECD-Länder verglichen werden können, empfindet er zusätzlich als störend. Bigler will Pisa nicht überschätzen. Reaktionen aus den Lehrfirmen zeigten ihm, dass man dort von den Lernenden gute Kompetenzen im Rechnen, im Lesen und im Schreiben verlange. Und hier komme ihm nicht zuerst Pisa in den Sinn, so Bigler.

Wichtiger seien für die Schweiz, dass sie die Interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule (Harmos-Konkordat) voranbringe sowie den Lehrplan 21 umsetze. Ähnlich argumentiert auch Nationalrat Felix Müri (SVP, Luzern). Der WBK-Präsident kritisiert das Wesen der Tests, wie sie den Pisa-Studien zugrunde liegen, ganz allgemein. Solche Tests könnten geübt werden, was ja auch geschehen sei, wie man höre. Sie gäben deshalb auch keinen richtigen Einblick in das wahre Potenzial der Schüler. Die Qualität eines Bildungs­systems sei auf andere Weise zu erheben. Als Unternehmer verweist er auf die Berufsbildung. Dort gehe es um Kopf und Hand, also um ganzheitliche Bildung. Dazu liefere Pisa wenig Brauchbares.

Pisa-Resultate bergen Gefahr der Reformitis

Eine weitere Gefahr sieht Müri bei Pisa darin, dass aufgrund der Resultate gerne Reformen angestossen würden. Entsprechend fordert er mehr Gelassenheit im Umgang mit den Resultaten der Studie. Wie Gewerbeverbandsdirektor Bigler ist auch Müri der Meinung, es sei für die Schweiz wichtiger, dass sie Harmos voranbringe und die Diskussion zum Lehrplan 21 seriös führe. Im Unterschied zur Pisa-Studie nähmen nämlich beide auf die Eigenheiten der Schweiz Rücksicht.

Nationalrätin Kathy Riklin (CVP, Zürich) sitzt ebenfalls in der WBK. Sie hat nicht nur Erfahrungen als Lehrperson, sondern ebenso Verbindungen ins Hochschulwesen. Auch sie begegnet den Pisa-Resultaten mit Gelassenheit: «Im Rechnen erfreulich und insgesamt eine 4–5 auf der Notenskala. Das ist okay.» Pisa sei ein simpler, ein punktueller Test. Wichtiger als Wissen abzufragen sei es indes, neugierige und dadurch interessierte Jugendliche in der Schule zu haben. Dazu aber brauche es vor allem engagierte Lehrer.

Richard Clavadetscher

Europas beste Rechner

Ergebnisse In Sachen Mathematik macht den Schweizer Schülern in Europa niemand etwas vor. Mit 521 Punkten erreichten sie einen höheren Mittelwert als alle anderen Länder auf dem Kontinent. Am nächsten kamen ihnen noch die Esten mit 520 Punkten; Nachbarstaaten wie Österreich (497), Deutschland (506) oder Frankreich (499) blieben weit hinter der Schweiz. Der Durchschnittswert lag bei 490 Punkten; im weltweiten Vergleich schaffte es die Schweiz immerhin auf den achten Platz – so gut war sie in keiner der beiden anderen Disziplinen klassiert. Bei den Naturwissenschaften, die bei Pisa 2015 im Zentrum des Interesses standen, belegte die Schweiz Platz 18 und lag mit 506 Punkten über dem Mittelwert von 493.

Vergleichsweise schlecht schneiden die hiesigen Schüler beim Lesen ab. Mit 492 Punkten verpassen sie gar den Mittelwert, wenn auch knapp. Das war 2012 noch anders; damals übertraf die Schweiz ihn gar. Ein Viertel der Schüler verfügte 2015 beim Leseverständnis nicht einmal über Grundkompetenzen. Bei den Schülerinnen waren es 15 Prozent. Die höchsten der insgesamt sechs Kompetenzstufen erreichen nur 6 Prozent der Buben und 9 Prozent der Mädchen. Geprüft wurde in dieser Disziplin, wie gut die Teilnehmer Texte verstehen und sie nutzen, um das eigene Wissen und das eigene Potenzial zu verbessern. Die Schweizer Schüler schafften es dabei nur gerade auf den 28. Platz, deutlich hinter Deutschland (Rang 12), aber noch vor Österreich (33) und Italien (34). Vor diesen beiden Nachbarstaaten klassierte sich die Schweiz übrigens in allen Disziplinen, während sie zweimal hinter Deutschland und beim Lesen auch hinter Frankreich landete. Jürg Brühlmann vom Schweizer Lehrerverband warnte an der gestrigen Medienkonferenz in Bern vor dem Hintergrund der mittelmässigen Lese-Ergebnisse vor Sparmassnahmen in den Kantonen. Diese hätten grössere Klassen und weniger Unterrichtsstunden zur Folge.

Platz 8 von 72 Teilnehmern in der Mathematik, Platz 18 in den Naturwissenschaften, Platz 28 beim Lesen: Waren es am Ende auch die Resultate, die zur heftigen Schweizer Kritik an den Studienergebnissen (siehe Text links) führten? EDK-Präsident Christoph Eymann winkt entschieden ab. «Wir hatten keine schlechten Resultate. Wir haben so scharf reagiert, weil wir mit den Ergebnissen so zu wenig anfangen können.»

Estland liegt weit vorne

An der Spitze der Rangliste dominieren einmal mehr die Schüler aus Asien, wobei in diesem Jahr Singapur in allen drei Disziplinen obenaus schwang. Beim Schwerpunktthema Naturwissenschaften landeten neben Singapur noch sechs weitere asiatische Länder in den Top 10, darunter Japan, Vietnam und Hongkong. Nur Finnland und Kanada gelang es, in die asiatische Phalanx einzubrechen – und dann war da noch Estland, das es in den Naturwissenschaften gleich hinter Japan und Singapur auf den dritten Platz schaffte und auch sonst mit guten Leistungen überzeugte.

Dominic Wirth

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Eine Beispielfrage aus dem Pisa-Test (die Lösung: erste Antwort ist richtig). (Bild: OECD)

Eine Beispielfrage aus dem Pisa-Test (die Lösung: erste Antwort ist richtig). (Bild: OECD)