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«All das numme, wel e baar so Affe,
s normale Dängge nimme schaffe»: Kritisierte Basler Guggen haben null Bock auf Provokationen

Der Rassismus-Vorwurf an die beiden Guggenmusiken Negro Rhygass und Mohrenkopf an der Basler Fasnacht hat Spuren hinterlassen. Plötzlich finden sich die Guggen im Politischen wieder – aus ihrer Sicht ein Minenfeld, das sie am liebsten meiden.
Benjamin Wieland
Sie wurde am heftigsten durchgeschüttelt: Die Negro Rhygass, hier am Sternmarsch am Fasnachts-Dienstag. (Bild: Roland Schmid)

Sie wurde am heftigsten durchgeschüttelt: Die Negro Rhygass, hier am Sternmarsch am Fasnachts-Dienstag. (Bild: Roland Schmid)

Bissige Verse auf Zeedel und Laternen, scharfzüngige Kritik an Autoritäten und Obrigkeit: Das Politische ist das Feld der klassischen Cliquen, aber weniger der Guggenmusiken. Sie halten sich lieber an Sujets, die sich optisch gut umsetzen lassen, im Idealfall auch musikalisch: Sepp Blatters Abgang bei der Fifa, die Isländer an der EM, DJ Bobo oder der Evergreen: FC Basel.

Seit der Auseinandersetzung rund um die Guggen Negro Rhygass und Mohrekopf ist alles anders. Die Guggenszene fand sich plötzlich inmitten in einer Rassismusdebatte wieder, inklusive Anfeindungen und Shitstorm. Diese Rolle behagte den Guggen gar nicht, es kam zu einem Abwehrreflex.

Keine Statements

«Wir geben grundsätzlich keine Auskünfte mehr zu dieser Angelegenheit», sagt Stephanie Weikard, Obfrau von Freyi Guggemuusige Basel (FG). Die FG ist einer der beiden Dachverbände der Basler Guggenmusiken neben der Gugge-IG, der Interessengemeinschaft fasnächtlicher Guggen-Musiken. Auch vonseiten IG heisst es no comment. «Wir haben gemeinsam den Entschluss gefasst, dass wir jetzt einen Punkt setzen wollen», sagt Weikard. «Auch unsere Mitgliederguggen wurden dazu angehalten, sich nicht mehr zur Thematik zu äussern.»

Die Gugge nahm das umstrittene Mohren-Männchen aus dem Logo. (Bild: Roland Schmid)

Die Gugge nahm das umstrittene Mohren-Männchen aus dem Logo. (Bild: Roland Schmid)

Die Guggen haben genug. Die Obmänner und Obfrauen schweigen sich aus – doch die Sujets sprechen eine klare Sprache. Laut «Rädäbäng», dem offiziellen Fasnachtsführer des Comité, haben sich 50 und somit rund zehn Prozent der Formationen, die am Cortège mitlaufen, dem Thema Narrenfreiheit angenommen. Sie thematisieren also im näheren oder weiteren Sinne den Zoff rund um Negro Rhygass und Mohrekopf. Also die Frage, ob es heutzutage noch opportun ist, derartige Namen zu tragen und ein Mohren-Männlein im Logo zu führen, wie das bei der «Negro» der Fall war.

«E siessi Sach»

Manche spielen das Sujet geistreich-subtil aus, andere ein wenig direkter. Von Affentheater ist mehrfach die Rede, auch von Kaschperlitheater, von Verboten und Zensur. Die Schloofkappe-Waggis sind als Schugger unterwegs, «wo die bolitischi Korrägthait duuresetze.» Die Spezielle 2005 haben als Requisit einen Mohrenkopf gewählt, weil sie das Wort aber nicht mehr auszusprechen getrauen, umschreiben sie ihn als «e siessi Sach», das Sujet als «E mooremässigi glääbrigi Sach.» Die Schottedichter sorgen sich gar ums Basler Hoheitszeichen: «Der Baaslerstaab isch is z negro – weeli Faarb wurd mee goo?», fragt sich die Waagen-Clique. Und die Trotzkepf-Waggis – Sujet «Blanco-Rhygass» – dichten:

Negro, Mohrekopf und Co,
sotte d Dradizioon verloo
All das numme, wel e baar so Affe,
s normale Dängge nimme schaffe

Bolitigger mit Drägg am Stägge,
kennen ys am Fiidle lägge
Bi uns kunnt jede Duubel dra,
mir hänn kai Angscht vor em schwarze Ma.

Die Waagenclique Gassebrieder will Frau Fasnacht den Rücken frei halten:

Mit Dradizioone isch das hit eso ne Sach,
bletzlig bikunnsch wie d Negro ains uffs Dach!
D Frau Fasnacht sott sich nit
in en Egge lo drängele,
numme wel e Student
in de Medie duet zwängele!

Keine Angst vor dem Schwarzen Mann – wer sich die Sujets durchliest, könnte das Gefühl haben, an der Basler Fasnacht gebe es eine scharfe Zensurinstanz, eine Art Polizei, die alles, was irgendjemand als rassistisch, diskriminierend oder sexistisch empfinden könnten, sofort verbietet, aus dem Verkehr zieht und die Urheber verhaftet.

Redefreiheit oder Gefühle?

So ist es natürlich nicht. Die Debatte um Negro Rhygass drehte sich im Grunde um eine Frage, die in einer freien Gesellschaft Platz haben muss: Was machen wir mit Ausdrücken, Redewendungen, Stereotypen und Darstellungen, die früher völlig üblich waren, heute aber viele daran Anstoss nehmen? Was ist höher zu gewichten: Redefreiheit und Traditionen oder die Befindlichkeiten und Gefühle von Betroffenen?

Die Negro Rhygass gibt selber Antworten darauf, intelligente, besonnene Antworten. Dabei wurden die Kleinbasler am stärksten durchgeschüttelt im vergangenen Sommer. Nachdem sich im August 2018 ein Student gegenüber «20 Minuten» beklagte, Name und Logo der Clique seien diskriminierend, kam es zu einem Aufschrei im ganzen Land. Die «Negro», aber auch die Guggenmusik Mohrekopf, wurden angefeindet. Bei der «Negro» wurde – neben dem «Negro» im Namen – vor allem das Emblem kritisiert. Es zeigt ein schwarzes, paukenspielendes Männchen mit dicken Lippen und einem Knochen im Haar.

Die Gugge gab im Dezember bekannt, dass sie auf das umstrittene Logo verzichten wolle. Die Clique wurde 1927 gegründet. Das Männchen bezieht sich laut der Guggenmusik auf Walter Mittelholzer. Der Schweizer Flugpionier musste 1927 mitten in Afrika notlanden. «Daher auch unser Vereinsemblem: Ein kleiner Mohr mit Pauke.» Diese Erklärung zum Logo war auf der früheren Version der Negro-Webseite zu lesen.

Null Bock auf Provokationen

Zum Verzicht auf das Mohrenmännchen schrieb die Negro Rhygass: «Die Zeiten haben sich geändert, gesellschaftliche und moralische Fragen werden heute anders beurteilt als vor 60 oder 90 Jahren. Was damals als ‹süss› oder ‹niedlich› empfunden wurde, kann heute verletzend und rassistisch wirken.»

Im Nachhinein ist das Vorgehen der Negro-Verantwortlichen als reif, vernünftig und wohlbedacht zu bezeichnen. Der Kompromiss – Verzicht auf das Männchen, Beibehaltung des Namens – scheint für beide Seiten akzeptabel, für Kritiker wie Guggenmitglieder.

Negro Rhygass und Mohrekopf selber mögen nicht mehr im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Die Mohrekopf wählte für die diesjährige Fasnacht das Sujet «Dummpeter oder Hans-Peter». Es handelt von den immer seltener werdenden Parkplätzen in Basel. Die «Negro» wiederum thematisiert den Rhein, in dem sich an heissen Tagen immer mehr Menschen tummeln. «S wird äng im Bach», stellen die Aktiven der Negro fest, verkleidet sind sie als Rheinschiffmatrosen.

Die Intention der Guggen bei ihrer Sujetwahl entspricht dem Wunsch, den auch viele Aktive hegen: Dass man sich endlich wieder auf die Fasnacht konzentrieren kann. Nur auf die Fasnacht.

Sternmarsch

25 Guggenmusiken machten am Sternmarsch mit. 13 Formationen gehören der FG an, den Freyi Guggemuusige – 12 sind Mitglied der Gugge IG. Den Sternmarsch in heutiger Form gibt es seit 1985. Die Gruppierungen marschieren jeweils um 18.30 Uhr vom Messeplatz los, an der Freien Strassen trennen sich die Dachverbände: Die IG-Guggen marschieren weiter in Richtung Barfüsserplatz: Auf dem Seibi steht die Bühne vor der Barfüsserkirche. Die FG-Guggen wiederum machen bei der Hauptpost kehrt und erreichen so ihren Auftrittsort auf dem Marktplatz. Es gibt aber auch eine dritte Bühne: Jene auf dem Claraplatz. Sie ist den wilden Guggenmusiken vorbehalten – also jenen, die sich keinem der beiden Dachverbände angeschlossen haben. Gemäss Comité sind für die diesjährige Fasnacht insgesamt 64 Guggenmusiken angemeldet. Die Zahl bleibt seit Jahren konstant.

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