KUNDGEBUNG: Bern zittert Tanzdemo entgegen

Tausende Demonstranten werden morgen in Bern erwartet. Die illegale Tanzdemo kostet die Stadt schon im Vorfeld mehr als 100 000 Franken.

Aleksandra Mladenovic
Drucken
Teilen
Samstag, 2. Juni 2012: Vor rund einem Jahr tanzten Tausende junge Leute, von Musikwagen begleitet, durch die Berner Innenstadt. Morgen wird das wieder der Fall sein. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Samstag, 2. Juni 2012: Vor rund einem Jahr tanzten Tausende junge Leute, von Musikwagen begleitet, durch die Berner Innenstadt. Morgen wird das wieder der Fall sein. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Erneut wird in Bern durch die Strassen getanzt. Während die illegale Tanzdemo «Tanz dich frei» letzten Sommer gleich zwei Mal jeweils rund 10 000 Besucher in die Hauptstadt lockte, ist der Berner Kantonspolizei zufolge morgen Samstag gar mit 20 000 Tanzwütigen zu rechnen. Die Organisatoren akquirieren ihre Anhänger per Facebook-Aufruf. Ab 18 Uhr findet ein Warm-up auf dem Bahnhofplatz statt, bevor um 20 Uhr der Umzug durch die Stadt startet.

Baustellen sorgen für Probleme

Während der Grossevent letztes Mal bis auf einige Sprayereien grossmehrheitlich ruhig verlief, ist diesmal bereits im Voraus einiges im Argen – auch weil in der Berner Innenstadt derzeit viele Grossbaustellen installiert sind. So werden entlang der Marktgasse – Berns Shoppingmeile – derzeit die Tramgleise erneuert. Die Strasse ist dadurch nicht frei überquerbar. Die anonymen Veranstalter haben zwar am 10. Mai die Route ihrer Tanzdemo bekannt gegeben – diese führt an den Baustellen vorbei – dennoch bleiben die Sicherheitsbedenken der Stadt.

Viele offene Fragen

«Wir müssen verschiedene bauliche Massnahmen ergreifen, unter anderem eine Überführung der Baustelle demontieren, damit Fluchtwege weiterhin gegeben sind. Schliesslich wissen wir auch nicht, ob sich die Demonstranten an die angegebene Route halten», erklärt der Stadtberner Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP). Die Kosten für die Absicherung der Baustellen würden sich im sechsstelligen Bereich bewegen.

Stellt sich die Frage, ob denn tatsächlich so viele Demonstranten wie erwartet am Samstag in Bern aufkreuzen – zumal auch das Wetter den Organisatoren nicht in die Hände spielt. «Wir können nicht einschätzen, was am Samstag passieren wird und müssen von einem Grossanlass ausgehen», sagt Nause.

Eingeschriebener Brief an Facebook

Auch wenn der nicht bewilligte Anlass glatt verlaufen sollte – zumindest rechnet Nause damit, dass sich die Mehrheit der Demonstranten friedlich verhalten wird – eine Problematik bleibt. «Die neuen sozialen Medien stellen uns vor eine Herausforderung», sagt der Sicherheitsdirektor. Über Wochen hinweg haben die Stadtberner Behörden versucht, mit den Organisatoren in Kontakt zu treten – auch bezüglich der Bedenken zur Route. «Wir haben uns per Facebook an die Veranstalter gewandt, aber auch per eingeschriebenem Brief an Facebook selber, um Angaben zu den Veranstaltern zu erhalten», verrät Nause.

Vorwürfe gegen Behörden

Viel dabei herausgekommen ist nicht. Facebook hat sich nicht kooperativ gezeigt und seitens der Veranstalter reagierte man in der Anonymität sozialer Medien gar mit Vorwürfen gegenüber den Behörden. So schreiben die Veranstalter am 5. Mai auf Facebook: «Ironischerweise werfen jene Behörden, die an vergangenen Anlässen massenhaft Gummischrot und Tränengas einsetzten, uns Verantwortungslosigkeit vor. Wenn die Stadt auf Verantwortung pocht, ist es aber unabdingbar, dass sich die Polizei deeskalativ verhält.»

Obwohl bis heute kein Bewilligungsgesuch bei der Stadt Bern eingegangen ist, wird die Tanzdemo eben gerade wegen der Eskalationsgefahr nicht unterbunden. «Das Einzige, was wir tun können, ist mit der Polizei und den Blaulichtorganisationen am Anlass präsent zu sein, um bei Bedarf eingreifen zu können», sagt Nause. So hat die Stadtregierung bereits am 8. Mai ein Sicherheitsdispositiv beschlossen und von einer Teilnahme am Umzug abgeraten.

Auch Polizei, Feuerwehr und Sanität warnen davor, an der Tanzdemo teilzunehmen. Dies, weil der Anlass trotz aller getroffenen Massnahmen mit erheblichen Risiken verbunden sei, wie die Kantonspolizei Bern mitteilt. Durch die geplante Umzugsroute vom Bahnhofplatz via Bubenbergplatz, Laupen­strasse, Effingerstrasse und Bundesplatz bis zum Theaterplatz werde die Stadt nämlich «praktisch zweigeteilt».

Bei medizinischen Notfällen – diese Gefahr sei bei Tausenden Teilnehmenden nicht zu vernachlässigen – könne es sein, dass ein Durchkommen für die Blaulichtorganisationen erschwert sei. Beim «Tanz dich frei» im letzten Jahr habe sich zudem gezeigt, dass die Alarmierung schwierig sei, weil das Mobiltelefonnetz zeitweise überlastet sein könnte. Autofahrern rät die Polizei, die Stadt Bern am Samstagabend vollständig zu meiden. Auch wird die Tanzdemo den öffentlichen Verkehr in der Innenstadt zeitweise lahmlegen.

Linksautonome kaum zu finden

Sicherheitsdirektor Nause ist zwar der Überzeugung, dass die Veranstalter in linksautonomen Kreisen zu suchen sind. Den Behörden räumt er jedoch wenig Chancen ein, diese vor dem Anlass noch ausfindig zu machen: «Uns fehlen die nötigen Mittel dazu.» Zumal die Polizei Methoden wie etwa das Abhören von Telefonaten nur per Gerichtsbeschluss und nicht zu präventiven Zwecken einsetzen darf.

Mit der morgigen Tanzdemo wollen die Veranstalter für mehr «Freiraum für alle» kämpfen.